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Offline-Flirten
Ob im Internet oder mithilfe von Apps – online können wir innerhalb von Sekunden Kontakt zu mehreren Leuten aufnehmen und Dates vereinbaren. Aber es geht auch anders. Foto: Alex Povel
Magazin #7

Dating in Eimsbüttel: Und was machst du so?

Eimsbüttel ist Online-Dating Hochburg – Doch wie sieht es mit dem Offline-Flirten aus? Face-to-Face und Speed-Dating bieten eine Alternative. Liebessuchende können an solchen Veranstaltungen auch in Eimsbüttel teilnehmen. Ein Selbstversuch.

Von Eimsbütteler Nachrichten

Wir leben in einer Zeit, in der es noch nie so einfach und gleichzeitig so schwer war, neue Leute kennenzulernen. Wir sind zu verschlossen, um in der U-Bahn jemanden anzulächeln, zu schüchtern, um nach der Handynummer zu fragen und zu mutig, wenn wir in der Disko zwischen dem dritten und vierten Bier erzählen, dass wir immer vergessen das Geschirr abzuspülen, sechs Marshmallows auf einmal in den Mund kriegen und sowieso Bindungsängste haben.

“Auf einen Kaffee” oder “Auf keinen Fall”

Apps wie Tinder, Lovoo und Once können dabei helfen, die Probleme der ersten Kontaktaufnahme zu überwinden. Sie bieten die Möglichkeit, mit nur einer Fingerbewegung zu entscheiden, ob die Person auf dem kleinen Smartphonebildschirm in die Kategorie „Auf einen Kaffee“ oder „Auf keinen Fall“ fällt. Bewertungskriterien: Eine Auswahl der besten Bilder und eine Kurzbeschreibung von maximal 500 Zeichen. Finden sich beide gut, dann gibt es ein „Match“ und es kann drauf los gechattet werden.

Die Apps zeigen täglich eine Vielzahl von Personen an und sind dadurch aber auf die Schiene „Da wollen eh nur alle Sex“ geraten. Begegnet man sich online, besteht natürlich die Gefahr, dass die Person, die sich als 1,90 großer Mann mit breiten Schultern oder angehende Miss Hamburg präsentiert, in Wahrheit ganz anders aussieht. Außerdem erzählt sich „Ich habe eure Mutter wegen ihres umwerfenden Lächelns angesprochen“ einfach besser als „Ich habe ihr eine Nachricht geschrieben, nachdem ich ihr Bikinifoto gesehen habe“.

Der Selbstversuch: Offline-Dating in Eimsbüttel

Wo kann man also noch nach einem potenziellen Partner suchen, wenn nicht im Netz? Zwei Alternativen gibt es in Eimsbüttel: Beim Face-to-Face-Dating treffen sich die Teilnehmer in einer Location, die alle anderthalb Stunden gewechselt wird, um so ganze drei Mal auf neue Leute zu treffen. Klassisches Speed-Dating ist das andere. Innerhalb einer eng bemessenen Zeit versucht man jemanden kennenzulernen.

Eimsbüttel ist Online-Dating-Hochburg - hier wird am meisten getindert. Foto: Alex Povel
Eimsbüttel ist Online-Dating-Hochburg – hier wird am meisten getindert. Foto: Alex Povel

Face-to-Face-Dating

Es ist 18:59 Uhr an einem Freitag, als ich gerade noch pünktlich das Café ZeitRaum in der Müggenkampstraße erreiche. Auf den Tischen stehen vereinzelt Blümchen, Teelichter flackern und die bunt zusammengewürfelten Möbel versprühen ihren eigenen Charme. Vor allem ist es aber eins: leer. Außer zwei Frauen, die sich bei einer Tasse Kaffee unterhalten, ist niemand da. Der Kellner weist mir einen großen Tisch zu, um dort auf die anderen Teilnehmer zu warten. In der Vorab-Mail des Veranstalters „F2F“ wurde bereits angekündigt, dass einige Teilnehmer sich eventuell verspäten, man aber trotzdem schon anfangen solle. Leider geht das alleine nicht, es sei denn, man mag Selbstgespräche in der Öffentlichkeit.

Zehn Minuten später bekomme ich dann doch Gesellschaft. Zwei Frauen betreten das Café, schauen sich etwas verlegen um und wirken zwischen Kerzenschein und Polstermöbel leicht verloren. Ich winke ihnen zu. „Hallo, bist du auch wegen Face-to-Face hier?“ Ja, bin ich. Die beiden sind Freundinnen, die das erste Mal mitmachen. Nur wenige Minuten später kommt eine weitere Frau dazu. Wir tauschen Floskeln und die üblichen Standardfragen über Alter, Wohnort und Beruf aus. Das Gespräch entwickelt sich gut. Wir lachen ein bisschen zusammen. Trotzdem bringt eine der Frauen es irgendwann auf den Punkt: „Wo sind eigentlich die Männer?“

Von Thema zu Thema

Der erste Mann lässt 20 Minuten auf sich warten. Für sein Zuspätkommen entschuldigt er sich nicht, stellt sich aber höflich vor. In den nächsten Minuten trudeln die restlichen Teilnehmer ein, bis wir vier Frauen und vier Männer sind. Unter ihnen ist auch Jonas*, mein Teampartner, der mir zufällig vom Veranstalter zugeteilt wurde. Zusammen werden wir heute von Location zu Location ziehen. Auch alle anderen haben jeweils mindestens einen Teampartner bekommen. Das soll den Vorteil haben, dass man nicht jedes Mal alle Leute neu kennenlernen muss.

Die Standardfragen werden wiederholt und reihum beantwortet. Das Gespräch zieht sich, denn es antwortet immer nur einer. Ab und zu werden Nachfragen gestellt, eine dynamische Konversation entwickelt sich aber nicht. Nachdem alle Eckdaten geklärt sind, entsteht ein unangenehmer Moment des Schweigens. Hannes* entscheidet sich, in die Vollen zu gehen, um die Stille zu brechen. Er spricht das Thema Beziehungen an und möchte wissen, warum bei uns Frauen die letzte Beziehung kaputt ging. „Hat halt irgendwann nicht mehr gepasst“, ist die Antwort der anwesenden Frauen. Das scheint ihm nicht zu reichen, er bohrt weiter nach, ohne zu merken, dass es den meisten Frauen unangenehm ist, dieses Thema in den ersten 20 Minuten an einem Gruppentisch zu diskutieren. Als er nicht weiterkommt, redet er von sich und dass er sich in naher Zukunft einen Dreier wünscht. Die Freundinnen mir gegenüber können sich nur noch perplex anschauen, die andere Frau rollt mit den Augen und schaut beschämt zur Seite.

Eimsbüttel ist Online-Dating-Hochburg

In Eimsbüttel wird am meisten getindert. Das ergab eine Analyse der Dating-Plattform "Tinder", die sich die Hamburger Stadtteile genauer angeschaut hat. Die neun stärksten Stadtteile hat der amerikanische Anbieter nun bekannt gegeben.

Es ist Pablo*, der die Situation mit einer banalen Smalltalk-Frage nach unserem Musikgeschmack rettet. Bedingt durch die Anzahl von acht Leuten entwickeln sich die Gespräche vor allem zwischen den Sitznachbarn. Hannes versucht die IT-Berufe der anderen Männer schlecht zu reden und stellt seinen Job als den Interessantesten dar. Als er sich entschuldigt, um auf die Toilette zu gehen, beginnt eine der Frauen: „Oh Gott, der ist ja ganz schrecklich.“ Eine andere grätscht gleich dazwischen: „Nein, nein, so wollen wir erst gar nicht anfangen.“ Die anderen Männer scheint es zu amüsieren.

Das gleiche Lied wieder und wieder

Nach eineinhalb Stunden ist es für uns an der Zeit aufzubrechen. Zusammen mit Jonas mache ich mich auf zur nächsten Station ins Cross Sushi im Hellkamp. Auf dem Weg dorthin tauschen wir uns noch über das Erlebte aus. Wir könnten fast wie zwei Freunde wirken, als wir fröhlich plaudernd auf sechs neue Leute in der sterilen Atmosphäre des Sushi-Restaurants treffen. Das Treffen hier läuft schon etwas entspannter ab. Wir haben eine gut gelaunte Plaudertasche und einen Spaßmacher in der Runde. Trotzdem bilden sich schnell wieder Grüppchen.

Um 22 Uhr sind Jonas und ich im Old MacDonald am Stellinger Weg. Dieses Mal sind wir drei Männer und vier Frauen. Mein Teampartner findet gleich in den ersten Minuten eine Frau, die ihm anscheinend zusagt, und beginnt ein angeregtes Gespräch. Die Stimmung ist ausgelassen. Der HSV spielt, liegt in Führung und alle anwesenden Fans sind hellwach. Ich bemerke allerdings, wie ich langsam müde werde. So viele neue Leute an nur einem Abend kennenzulernen, ist nicht ganz einfach. Ich stochere mit meinem Strohhalm im Glas herum, während ich die immer gleichen Gespräche führe. Dafür kann keiner der Teilnehmer etwas, weil niemand weiß, was bei den vorherigen Runden passiert ist. Aber als die zehnte Person beim Aufstehen zu mir sagt: „Du bist aber groß“ und zum wiederholten Mal der Gesprächseinstieg mit „…und was machst du so?“ beginnt, wünsche ich mir sehnlich ein facettenreicheres Gespräch herbei.

Großes Gruppentreffen

Gegen 23:15 Uhr kommt noch einmal etwas Leben in den Abend. Die HSV-Fans sind weg und alle Teilnehmenden haben die Chance, sich im Old MacDonald zu treffen. Fast 50 Leute sind zum abschließenden Gruppentreffen gekommen. Die meisten sind auf Empfehlung von Freunden hier oder über das Internet darauf gekommen. Auffällig ist, dass die meisten von außerhalb kommen – Dulsberg, Eidelstedt, Poppenbüttel, Wedel. Die Teilnehmer sind sehr unterschiedlich. Außer, dass alle zwischen 20 und 35 Jahren alt sind, gibt es von blond bis rothaarig, dick und dünn, klein und groß, alles.

Offline-Flirten - Face-to-Face und Speed-Dating. Foto
Vom Kennenlernen, Daten und der Suche nach Liebe in Eimsbüttel. Foto: Alex Povel

Apropos groß, ein Teilnehmer aus meiner ersten Runde sieht sich nach ein paar Cocktails als Amor berufen und möchte mich mit dem einzigen Mann verkuppeln, der offensichtlich größer ist als ich und mich anscheinend näher kennenlernen möchte. Die nächste Stunde unterhalte ich mich tatsächlich mehr oder weniger mit diesem Mann, der schon zum zweiten Mal dabei ist. Er stellt mir so wenige Fragen, dass ich mich ernsthaft frage, ob er überhaupt Interesse hat. Zwischendrin erfahre ich von zwei Teilnehmerinnen, dass Hannes in der zweiten Runde verschwunden ist, nachdem er „kurz mal Zigaretten holen“ wollte. Gegen 1 Uhr verlasse ich nach fast sechs Stunden Dating das Old MacDonald. Bis Mittwoch kann man nun auf der Face-to-Face-Seite abstimmen, wen man wiedersehen möchte. Gibt es Übereinstimmungen, dann können beide Teilnehmer Kontakt zueinander aufnehmen.

Speed-Dating

Sonntag, Nähe Bahnhof Dammtor. Nach einem langen Aufstieg komme ich in die Turmbar, in der sich an diesem Abend Männer und Frauen im Minutentakt kennenlernen.

Moderatorin Janina* aus Eimsbüttel begrüßt mich herzlich. Heute ist ihr erster Arbeitseinsatz für den Veranstalter DateYork. Sie ist ein wenig nervös. Für das Speed-Dating ist der vordere Bereich der Bar vorgesehen. Janina weist allen Frauen die Plätze an den Wänden zu, die Männer verteilt sie gegenüber. Vier Männer tauchen erst gar nicht auf, allerdings sind die männlichen Teilnehmer immer noch in der Überzahl. Janina erklärt kurz die Regeln: Sieben Minuten wird sich unterhalten, danach wechseln die Männer, die Frauen bleiben sitzen. Jeder von uns hat ein Heft erhalten, in dem er sich Notizen zu seinem Gegenüber machen kann.

Wie bei einem Wettrennen startet unsere Moderatorin ihre Stoppuhr und ruft laut: „Und los!“ Auf ihr Kommando bricht ringsherum ein Redeschwall los. Mir gegenüber sitzt Matthias*, der sich für das Speed-Dating das Pseudonym eines griechischen Halbgottes zugelegt hat. Meines ist nicht besser, ich habe mich nach einem Hogwartshaus benannt. Aber zumindest geben uns die albernen Namen einen kreativen Gesprächseinstieg. Nichtsdestotrotz kommen auch wir schnell zu den Standardfragen. Das alles in nur sieben Minuten abzuhaken, gleicht tatsächlich einem Wettrennen, und so ist es kein Wunder, dass wir mitten im Gespräch von Janinas „Stopp! Jetzt wird gewechselt“ unterbrochen werden.

Neue Runde, neuer Mann

Die Gespräche laufen alle ähnlich ab. Natürlich widmet man sich zu Beginn allen Standardfragen, die ich in dieser Häufigkeit zuletzt als Viertklässler in Freundschaftsbüchern beantwortet habe. Bei einigen Teilnehmern hätte ich gerne mehr als sieben Minuten. Bei anderen hätten auch fünf gereicht. Aber so fällt die Entscheidung leichter, wen man wiedersehen will – und wen auf keinen Fall. Nach einer knappen Stunde haben sich alle kennengelernt. An dieser Stelle ist das Speed-Dating offiziell beendet. Janina schlägt uns jedoch vor, noch zu bleiben, um uns besser kennenzulernen. Gesagt, getan, zieht der Großteil der Gruppe in den hinteren Teil der Bar, um die Gespräche fortzusetzen.

Marlene und Jan geben sich spontan als Pärchen aus. Etwas Besonderes haben sie aber nicht geplant. "Am Valentinstag ist die Blumenauswahl einfach viel besser", lacht Jan. Marlenes Kommentar dazu: "Nur Kommerz!" Foto: Carolin Martz

Liebe Liebenden…

Rosarote Wolken über Eimsbüttel: Heute ist Valentinstag. Ob Blumen oder Pralinen, wir haben die Eimsbütteler gefragt, wie ihre Valentinstagspläne aussehen.

Alle verbliebenen Teilnehmer finden ziemlich schnell einen Gesprächseinstieg. Man „kennt“ sich ja bereits. Am Tisch entwickeln sich erst jetzt interessante Gespräche über Wünsche, Charaktereigenschaften und Werte. Ab und zu werden selbstverständlich auch witzige Anekdoten erzählt oder noch einmal über Lieblingsfilme und den letzten Urlaub gesprochen. Unser Gruppengespräch dauert noch fast zwei Stunden, bis sich der Großteil der Leute verabschiedet. Für einen Abend mit Fremden reicht das auch. Wen man wiedersehen möchte, kann man auf der Plattform des Veranstalters ankreuzen und wieder treffen – vorausgesetzt, die andere Person hat einen auch angekreuzt. Zusätzlich bietet der Veranstalter an, die anderen Kandidaten in Kategorien wie Gesprächsführung, Sympathie oder Aussehen zu bewerten, damit die Teilnehmer am Ende eine Reflexion erhalten.

Face-to-Face oder Speed-Dating?

Beim Face-to-Face-Dating lerne ich an einem Abend viele neue Leute kennen. Das hat Vor- und Nachteile: Die Chance ist größer, jemand netten kennenzulernen, aber gleichzeitig wiederholt sich viel, was mit der Zeit ermüdend wird. Die Ortswechsel bringen Abwechslung in den Abend, sind aber auch sehr zeitaufwändig. Face-to-Face vermeidet starre Eins-zu-Eins-Situationen und sorgt für eine lockere Gruppenatmosphäre. Allerdings verhindert die Grüppchenbildung, dass sich alle Teilnehmer wirklich kennenlernen.

Beim Speed-Dating hingegen lerne ich alle Leute im selben Umfang kennen, denn jeder hat dieselbe Zeit miteinander. Andererseits fühle ich mich ein bisschen wie eine Abspulrolle, die in kürzester Zeit versuchen muss, die relevantesten und interessantesten Informationen unterzubringen. Innerhalb der vorgegebenen sieben Minuten lässt sich aber schon feststellen, wen man näher kennenlernen will und beim anschließenden Zusammensitzen können dann die Prioritäten gesetzt werden.

Bei beiden Dating-Formen brauchen die Teilnehmer ihre Zeit zum Warmwerden. Das erste Gespräch mit fremden Leuten ist dann doch für alle eine sehr neue Situation, vor allem wenn man einen potenziellen Partner finden will. Fast alle Teilnehmer geben an, dass sie „wenig Erwartungen haben“, „mal gucken wollen“ oder einfach nur „neugierig sind“. Niemand gibt zu, auf der Suche nach einer Partnerschaft zu sein. Letztendlich sind aber doch alle da, um zu daten. Eine Teilnehmerin bringt es in unserem Gespräch ganz gut auf den Punkt: „Dass man etwas so Essentielles wie Liebe sucht, fällt glaube ich jedem schwer.“ Ob eine der beiden Datingformen eine Alternative zu Online-Singlebörsen ist, bleibt jedem selbst überlassen. Ob jemand dabei ist, den man attraktiv und nett findet, ist ebenfalls nicht sicher. Ein netter Abend mit neuen Leuten ist garantiert und vielleicht lohnt sich bei der einen oder anderen Person ja ein zweiter Blick.

* Namen wurden von der Redaktion geändert

Text: Fiona Kleinert

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