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Foto: Oliver Leisse
Magazin #20

»Besitzen ist so gestern«

Parks statt eigener Garten, Carsharing statt eigenem Auto, Waschsalon statt Waschmaschine – Teilen ist das neue Besitzen, Wohnen wird immer mehr ausgelagert. Ein Blick in die Zukunft des Wohnens mit Trendforscher Oliver Leisse.

Von Marianne Bruhns

Eimsbütteler Nachrichten: Im Zukunftsforum Eimsbüttel 2040 haben Sie gesagt, Eimsbüttel solle den Mut haben, neue Wege zu gehen, statt die Standardlösung zu optimieren. Wie sehen diese neuen Wege aus?

Oliver Leisse: Nach März 2020 sehen wir: Nichts ist mehr sicher. Das betrifft alle Bereiche unseres Lebens, natürlich auch das Wohnen. Unsicher ist das neue Sicher. Daher glaube ich nicht an Standardlösungen, da sich der Standard ständig ändert. Langfristig werden die Städte aufgeräumt werden. Vieles, was für uns heute selbstverständlich ist, wird verschwinden.

Das autonome Fahren verändert die Städte. Aktuell werden Autos nur zu zehn Prozent der Zeit gefahren, den Rest stehen sie herum. Autonom fahrende Autos schaffen neuen Raum: keine Parkplätze, Parkhäuser, Tankstellen und Ampeln mehr. Sondern Autos, die leise und emissionsfrei durch die Städte rollen.

Büroraum wird in Zukunft circa um ein Drittel reduziert werden können, da wir auch von zu Hause arbeiten. Das banale Shoppen wird weniger nötig sein, da wir mit Basis-Produkten, die wir im Haushalt brauchen, über Drohnenlieferungen versorgt werden können.

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Zukunftsforum Eimsbüttel 2040

Im Zukunftsforum Eimsbüttel 2040 beschäftigt sich das Bezirks-amt mit neuen Entwicklungen in den Bereichen Mobilität, Umwelt, Wohnen. Auf Grundlage einer Bürgerbefragung wurde ein räum-liches Leitbild erstellt, das zeigt, wie der Bezirk 2040 aussehen könnte. Das erste Eimsbütteler Zukunftslabor dazu fand am 2. Dezember 2019 zum Thema „Wohnen und Nachbarschaft“ statt.

Eimsbüttel bietet wenige freie Bauplätze. Können neue Wohnformen dem Wohnungsmangel entgegensteuern?

Kleine Wohnungen mit Fokus auf die unbedingt nötigen Wohnfunktionen werden bezahlbaren Wohnraum in Eimsbüttel möglich machen. Wer braucht noch große Wohnungen? Überall in den Metropolen, in denen wir forschen, wird viel von Tiny Houses gesprochen. Es ist ein schon kultiges Downsizing, nach dem Motto: Nur so viel Wohnen braucht der Mensch. Schlafzimmer mit Arbeitsmöglichkeit, wobei das Bett tagsüber zur Couch wird. Kleines Bad, das war’s. Das Wohnzimmer ist eh schon lange ein Auslaufmodell. Dort wurde früher noch gemeinsam ferngesehen, das Reden hat sich aber schon lange in die Küche und an den Esstisch verlagert.

Inwiefern verändern sich unsere Ansprüche an das Wohnen?

Ich bin sicher, dass wir der Logik einer Dreiteilung folgen werden: Ein Drittel ist privates Wohnen auf kleinem Raum. Ein Drittel wird gemeinschaftliches Wohnen mit der Neo-Familie, das ist die erweiterte Familie. Man ist eine große Wohngemeinschaft, kocht gemeinsam, trifft sich zum Kulturbesuch. Und ein Drittel ist der öffentliche Raum: Parks, Versammlungsorte, Kultur, Angebote zum lebenslangen Lernen – in Form eines stark erweiterten Fortbildungsprogramms für alle Stadtbewohner.

So tragen alle Bereiche dazu bei, das Wohnen der Zukunft zu optimieren. Kleinerer privater Bereich und damit bezahlbarer Wohnraum. Viel gemeinsames Wohnen – auch um der Vereinsamung vorzubeugen. Und viel öffentlicher Austausch, Begegnung, Kultur und Weiterbildung. Eine positive Vision, denn die Stadtteile profitieren von einem freieren, offeneren Wohnkonzept.

Also wird Teilen künftig eine größere Rolle spielen?

Ja, unbedingt. Wir gewöhnen uns langsam daran, Produkte zu teilen. Wozu brauche ich eine eigene Bohrmaschine, wenn ich nur ab und zu mal ein Loch brauche? Das sind Dinge, die man teilen kann. Auch die Küche, den Arbeitsplatz, das e-Bike, die Waschmaschine… Besitzen ist so gestern und wird von den jungen Generationen als Konzept gar nicht mehr verstanden. Viele wollen kein eigenes Auto haben, Sharing-Angebote sind viel praktischer: Man muss sich nicht mehr um Versicherung, Tanken, Werkstattbesuche kümmern, sondern nimmt ein Auto von einem Carsharing-Pool oder lässt sich von Services wie Moia fahren.

Wohnen als Sharingkonzept ist schon erprobt. Vielleicht werden die individualisierenden Elemente, die wir brauchen, um einen standardisierten Wohnraum wohnlich zu machen, in einer Box vorausgeschickt. Beim Einzug hänge ich nur noch meine Bilder auf, stelle meine Lieblings-Espressomaschine in die Küchennische und werfe mein Lieblingskissen aufs Bett. Fertig ist der Umzug der Zukunft.

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Zur Person

Oliver Leisse war lange als Strategieberater für Werbeagenturen und in der Marktforschung tätig. Seit 1998 ist er Trend- und Zukunftsforscher und Keynotespeaker. 2008 gründete er in Hamburg das Institut für Zukunftsforschung SEE MORE. Mit seinem Team erforscht der 58-Jährige Trends für über 50 Metropolen weltweit und entwickelt Produkte, Marken und Zukunftsstrategien.

Die Sharing Economy kann aber auch anders wirken: Vielerorts verschärfen Homesharing-Plattformen wie AirBnB & Co. die Lage. Was kann dagegen getan werden?

Ich denke, da werden gesetzliche Regelungen für einen fairen Umgang für alle Beteiligten sorgen. Homesharing macht bei einer immer mobiler werdenden Gesellschaft viel Sinn. Ich lebe eine Zeit lang hier in Eimsbüttel, dann ein paar Monate im Alten Land und im Winter im Süden, in der Sonne.

Welche technischen Entwicklungen verändern das Wohnen der Zukunft?

Ich sehe hier besonders die Möglichkeiten, die Augmented und Virtual Reality mit sich bringen. Das sind Inhalte, die über eine Brille ins Blickfeld eingeblendet werden. Zum einen kann man so seine Umwelt gestalten, wenn durch eine Brille Zusatzelemente eingeblendet werden. Andere Wandfarbe? Kein Problem. Mit einem Yogalehrer am Strand Yoga machen, obwohl man auf seinem Bett sitzt? Kein Problem.

Zum anderen kann man die Wohnung komplett verlassen und sich mit Freunden einen Gang durch den Louvre in Paris gönnen – natürlich mit einem virtuellen Führer, der das Lächeln der Mona Lisa erklärt.

Wo sehen Sie Gefahren dieser Entwicklungen?

Die einzige reale Gefahr ist die Vereinsamung. Hier müssen wir aufpassen, dass die Menschen ihre Wohnungen auch verlassen und sich für neue, gemeinsame Angebote öffnen. Die oben beschriebene VR-Technik und virtuelle Assistenten wie „Alexa“ von Amazon imitieren Gemeinschaft. Wir sehen aber auch als Gegenbewegung, dass der analoge Kontakt wieder stark im Kommen ist. Gemeinsame Erlebnisse schlagen virtuelle Ergebnisse. Was aber nicht heißt, dass Technik keine gute Ergänzung ist.

Ihr Institut See more forscht in über 50 Metropolen weltweit. Wie smart ist Hamburg im Metropolenvergleich?

Alle Metropolen stehen noch am Anfang. In einigen Metropolen wird schon sehr auf Sharing gesetzt: Seoul zum Beispiel tauscht sehr stark Produkte und Dienstleistungen. In den USA ist man mit dem Homeoffice bereits viel vertrauter. In Skandinavien wird viel im Bereich gemeinsamer Lebenskonzepte wie der Neo-Familie ausprobiert.

Was sind Ihre Tipps für Smart Living?

Wir sollten grundsätzlich alles in Frage stellen. Die alten Wohnkonzepte. Wohnen im Alter. Wohnen und Arbeiten. Mobilität. Gemeinschaft. Wir sollten zusammenkommen, uns gemeinsam Gedanken machen, wie wir morgen leben wollen, und eine Vision erarbeiten. Und die dann umsetzen – mit Bürgern jeden Alters, Stadtplanern, der Verwaltung, der Politik, Architekten, Vertretern der Gastronomie und Kultur.

Vielen Dank für das Gespräch.

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