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Stefan Schlegel ist in Eidelstedt aufgewachsen, zur Schule gegangen, hat hier begonnen zu arbeiten. Heute ist er 60 Jahre alt und lebt immer noch im Stadtteil. Der Verein hat daran großen Anteil. Foto: Alana Tongers
Stefan Schlegel ist in Eidelstedt aufgewachsen. Heute ist er 60 Jahre alt und lebt immer noch im Stadtteil. Der Verein hat daran großen Anteil. Fotos: Alana Tongers (links); Arne Steinbock (rechts)
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Als Inklusion noch ein Fremdwort ist, beginnt Stefan Schlegel in Eidelstedt Sportangebote für Menschen mit und ohne Behinderung anzubieten. 35 Jahre später hat er eines der erfolgreichsten Inklusionssportprojekte des Landes aufgebaut.

Von Alana Tongers

Am Anfang waren sie die Freaks. Zwei Gruppen, eine Handvoll Menschen, Erwachsene und Kinder, die sich in Eidelstedt treffen und zusammen Sport machen. Nicht für Wettkämpfe trainieren, sondern einfach so. An sich erstmal nichts Außergewöhnliches.

Freizeitsportgruppen gibt es viele. Aber solche wie die von Stefan Schlegel, in denen Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen und ohne gemeinsam trainieren – solche nicht. Zumindest nicht in den 80er-Jahren in Deutschland.

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Als Menschen mit Behinderung unsichtbar waren

Schlegel erinnert diese Zeit als eine, in der separiert statt zusammengebracht wurde. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte eine Behinderung. Morgens holte ihn der Fahrdienst ab, fuhr ihn in eine spezielle Kita. Viel mehr sah er von ihm nicht. Menschen mit Behinderung wurden unsichtbar gemacht.

Als Schlegel seinen Zivildienst in einer Schule für mehrfachbehinderte und blinde Kinder macht, versteht er nicht warum. „Wo ist das Problem?”, fragt er sich. Es ist noch heute sein Lieblingssatz. „Sobald man die Berührungsängste ablegt, ist da ein ganz normales Miteinander.” Das Jahr geht vorbei, lässt ihn aber nicht los.

Stefan Schlegel, groß, dichtes, graues Haar, Eidelstedter seit schon immer, war selbst mal erfolgreicher Leichtathlet. Bei den deutschen Meisterschaften dabei. Paradedisziplin: 400 Meter Hürden. War zwar das, was ihm am wenigsten Spaß machte, aber was er nun mal gut konnte. Er liebt den Sport. Aber wenn er an die Wettkämpfe denkt, den Druck nach Leistung, bleibt vor allem dieses stetige Streben hängen. Schneller, weiter, besser. Viel mehr zählt in seiner Sportart nicht.

Nach seinem Zivildienst bekommt er eine geförderte Stelle beim SV Eidelstedt. Er konzentriert sich auf Leichtathletik, aber schnell schleicht sich eine Idee ein. Sportangebote für Menschen mit Behinderung gibt es zu dem Zeitpunkt kaum in Hamburg – und wenn, dann nur in separierten Gruppen. Könnten sie das hier nicht ändern?

„Wo ist das Problem?”

Wenn Schlegel heute von seinen Plänen erzählt, wirkt es logisch. Damals aber erntet die Idee nur Augenrollen und Kopfschütteln. „Die dachten alle, ich bin verrückt.” Das Wort Inklusion gibt es noch nicht. Behindertensport, Therapiesport – das sagt den meisten noch etwas. Aber Sportangebote für Menschen mit und ohne Behinderung? Wie das aussehen soll, konnte sich vor 35 Jahren kaum jemand vorstellen.

Beim Inklusiven Trampolinspringen können Kinder mit unterschiedlichen kognitiven und motorischen Vorraussetzungen seit 2018 zusammen hüpfen - vergleichbare Angebote gab es bis dahin nicht. Das Projekt wurde 2019 mit dem „Hamburger Stern des Sports" in Silber ausgezeichnet. Foto: Arne Steinbock (SVE Hamburg)
Beim Inklusiven Trampolinspringen können Kinder mit unterschiedlichen kognitiven und motorischen Vorraussetzungen seit 2018 zusammen hüpfen – vergleichbare Angebote gab es bis dahin nicht. Das Projekt wurde 2019 mit dem „Hamburger Stern des Sports“ in Silber ausgezeichnet. Foto: Arne Steinbock (SVE Hamburg)

Schlegel ist das egal. Er hatte ja erlebt, dass es anders geht. „Wo ist das Problem?”, sagt er wieder. Mit zwei Gruppen starten sie in Eidelstedt – eine für Erwachsene, eine für Kinder. „Die haben anscheinend nur darauf gewartet”, erinnert er sich. Sowieso ist es eine Zeit des Umbruchs. 1980 geht die Behinderten-Bewegung in Frankfurt auf die Straße, die Tagesschau berichtet zum ersten Mal, Behinderung kommt im Wohnzimmer an.

1981 ruft die UNO das „Jahr der Behinderung” aus, es formiert sich Protest. Auf der Eröffnungsveranstaltung attackiert der Aktivist Franz Christoph den damaligen Bundespräsidenten Carl Carstens mit seinen Krücken. Eine Bewegung politisiert sich, ändert das Selbstverständnis von Menschen mit Behinderung, verhilft zu neuem Selbstbewusstsein. In Eidelstedt beginnt die Revolution in der Sporthalle.

„Passt auf, jetzt schmeißen wir den Laden hier zusammen.”

In der Kindergruppe funktioniert das Miteinander problemlos. Kinder, sie hätten weniger Berührungsängste, weniger Vorbehalte. Schwerer fällt es, Erwachsene ohne Behinderung zu erreichen. Aber Schlegel gibt nicht nach. Mit einer Gruppe Erwachsener mit Behinderung beginnt er, in einer Halle zu trainieren, in der auch eine Artistikgruppe übt.

Feuerspucken, Jonglieren, Einradfahren auf der einen Seite. Seine bunte Truppe mit Tischtennis, Federball, Klettern und weiteren Spielen auf der anderen. Bald beobachten sich beide Gruppen von der einen Hälfte des Raumes, beginnen, sich kennenzulernen. Irgendwann macht Schlegel die Ansage: „Passt auf, jetzt schmeißen wir den Laden hier zusammen.” Es entstehen Freundschaften, die bis heute halten. Die Anfänge des Inklusionssport in Eidelstedt, in Hamburg, in Deutschland.

Nachfragen statt zögern

Aus den anfangs zwei Gruppen sind bis heute 35 inklusive Sportangebote des SV Eidelstedt gewachsen. Damals vor 35 Jahren gründen sie eine eigene Abteilung, heute zählt diese 500 Mitglieder. Aber da sind immer noch Barrieren, überall.

Am meisten behindern die Barrieren in den Köpfen. Schlegel sieht sie überall. Bei den Menschen ohne Behinderung, die seine Angebote besuchen. Bei den Vorständen, die immer wieder skeptisch auf seine Ideen reagieren. Vor allem am Anfang muss er gegen viele Widerstände kämpfen. „Die haben eher einer Basketball-Mannschaft eine dritte Hallenzeit gegeben, bevor die irgendwas mit Behinderten wollten.” Welche Sportart betreibt ihr denn?, fragen sie. Ist das überhaupt Sport, was ihr macht?

Aber auch bei sich selbst. Er erinnert sich an eine Fahrt ins Sommercamp. Ein paar Jungs ohne Behinderung verhalten sich wild, schaukeln im Bus, rempeln sich an, schubsen. Schlegel pfeift sie zusammen. „Hey!”, erinnert er sie. „Bisschen ruhiger hier, wir haben auch behinderte Kinder dabei.” Kinder, die mit Rollator oder Krücken unterwegs sind, sichtbare Behinderungen.

Stefan Schlegel hat fast alle der 35 Inklusionsgruppen mit aufgebaut. Foto: Arne Steinbock (SVE Hamburg)
Stefan Schlegel hat fast alle der 35 Inklusionsgruppen mit aufgebaut. Foto: Arne Steinbock (SVE Hamburg)

Die Jungs sind verwirrt. „Wer ist hier behindert?”, fragen sie. Und Schlegel fasst sich innerlich an den Kopf. Die Kinder kennen sich seit Jahren, für sie ist Behinderung kein Thema, sondern normal. Das sind eben die, die immer dabei sind. „Mein Gott, bin ich doof”, denkt er. „Ich hab das Problem im Kopf, immer noch.” Er muss lachen, winkt ab, sagt nur: „Leute, macht weiter. Ich zieh mich zurück.”

„Sport kennt keine Gesetze”

Er kann die Verunsicherungen verstehen, die viele im Umgang mit Behinderung haben. Wortwahl, Verhalten. Schlegel versucht, das alles schnell beiseite zu schieben. „Klar, es ist nicht immer alles richtig”, sagt er. Kann es auch nicht. Er hat sich angewöhnt, nachzufragen statt zu zögern. Wenn er mal nicht weiß, was zu tun ist, nimmt er sich einen Moment. „Sagt mir, was ihr braucht”, sagt er dann. „Sagt mir, wenn ich an euren Bedürfnissen vorbei arbeite.” Wenn ein Spiel oder ein Sport mal nicht für alle passt, suchen sie nach neuen Regeln. „Sport kennt keine Gesetze”, ist Schlegels Dogma.

Barrieren abbauen, das gehe am besten durch mitmachen. Aber manchmal reicht das nicht. Gerade arbeiten sie daran, ihre Tennisanlage barrierefrei umzubauen. Und das kostet. 300.000 Euro werden für den Umbau benötigt. Schlegel hat dafür Anträge geschrieben, die Planungen begleitet, sobald die Finanzierung steht, könnten die Bauarbeiten starten, noch fehlt etwas Geld. Der SVE wäre der erste Verein in Deutschland, der nachträglich eine solche Anlage barrierefrei umbaut.

Auch nach 35 Jahren ist Schlegel nicht müde, neue Projekte anzuschieben. Seit Kurzem bieten sie inklusives Trampolin-Training an. Schlegel hat zahlreiche Preise für das Engagement entgegengenommen, zuletzt vom Bundespräsidenten.

Aber der wichtigste Teil seiner Arbeit findet immer noch in der Halle statt. Wenn er sieht, wie Barrieren verschwinden, sichtbare und unsichtbare in den Köpfen. Wenn alle mitmachen können, egal ob mit sichtbarer oder unsichtbarer Behinderung. Und wenn jemand mal auf der Bank sitzt, sei das auch in Ordnung. „Es dürfen nur nicht immer die gleichen sein.”

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