„Da kommt die Bürgermeisterin der Schanze“
Das Nachtleben in der Sternschanze ist ein Treffpunkt für alle – auch für die queere Gemeinschaft. Eine, die hervorsticht, ist Dragqueen Felicia Diamond. Über die Chancen der Verkleidung und der Bühne.
Von Alexis MilneSonntagabend im Thier, einer Bar am Schulterblatt: Dragqueen Felicia Diamond sitzt auf dem Tresen, als auf der Leinwand hinter ihr ein Video startet. Es ist Showtime. Felicia springt auf zwei Bierkisten und tanzt. Im Playback läuft ein Song der Sängerin Kesha. Auf der Leinwand: ebenfalls Felicia – als ihre eigene Background-Tänzerin.
„Drag Race“ im Thier
Seit sechs Jahren tritt sie regelmäßig im Thier auf. Jeden Sonntag moderiert sie hier die Screenings der Kultserie „RuPaul’s Drag Race“ – im Anschluss folgt ein eigener Auftritt. Das Thier, sagt sie, sei ein Ort für alle – und damit repräsentativ für die Schanze: „Hier hat man Punks, Muttis und Queers – hier mischt’s sich gut durch.“
In der Schanze ist Felicia über die Bar hinaus bekannt. Einmal hatte ihr eine Gruppe zugerufen: „Da kommt die Bürgermeisterin der Schanze!“ Seitdem trägt sie den Titel.

Felicia Diamond: Zwischen Fasching und Femininität
Unter der Woche – ohne Make-up, Perücke und Bühnenoutfit – ist Felicia Christian. Er lebt seit rund zehn Jahren in Hamburg und kommt ursprünglich aus Würzburg. Dort hat er sich beim Fasching mit Drag und Verkleidungen ausprobiert, bevor in Hamburg Felicia entstand.
In Würzburg jung, schwul und feminin zu sein, sei schwer gewesen, erzählt Christian. Nicht nur von außen habe er Homophobie erfahren, auch innerhalb der queeren Szene sei er angefeindet worden.
Schminke und Glitzer wurden belächelt – nicht selten auch von anderen schwulen Männern, von Lesben und queeren Personen. „Wenn ich vor 20 Jahren geschminkt feiern ging, wurde ich oft beleidigt“, erinnert er sich. Seither habe sich zum Glück viel verändert.
Hexen und Prinzessinnen
Schon als Kind fühlte er sich zu femininen Figuren hingezogen. „In meiner Welt hatten Frauen viel mehr Freiheiten.“ Sie konnten in seiner Vorstellung alles tragen und alles sein. Die Rolle des Jungen empfand er dagegen als einschränkend – keine Hexe spielen, keine Prinzessin sein, kein Kleid tragen.
Heute weiß Christian: Die Abwertung von femininen Interessen bei Jungen ist Ausdruck struktureller Frauenfeindlichkeit. „Wenn Mädchen mit Autos spielen, sind sie ,strong girls’. Wenn ein Junge mit Barbies spielt, ist das sofort negativ“, sagt er. Weiblichkeit wird in einer patriarchalen Gesellschaft oft als schwach abgewertet.
Als Dragqueen fand er einen Weg aus diesen Strukturen. Felicia ist nicht nur eine gespielte Figur. Sie ist das Ventil für Christians feminine Seite, sie hält ihn im Gleichgewicht – und lässt ihn sich auch in seinem Mann-Sein im Alltag wohler fühlen.
Bühne, Botschaft, Bürgermeisterin
In Hamburg schmeißt Felicia ihre eigene Drag-Party: Felicia’s House of Diamonds. Wochen davor klebt sie dafür die Schanze mit Plakaten, die sie zeigen, voll – inszeniert wie ein Weltstar auf Tournee. So komme sie Sängerinnen wie Madonna näher, die für sie die größte Inspiration und Ikone sei.
Ihre eigenen Events, etwa im Bunker an der Feldstraße, bieten ihr eine größere Plattform als die zwei Bierkisten im Thier – und sie geben Nachwuchsqueens eine Plattform. „Die sind so krass – ich will den jungen Queens diese Bühne bieten!“ Sonst, so Felicia, gebe es Drag in Hamburg oft nur als kommerzialisierte Touri-Show auf der Reeperbahn. Mit ihren Partys schafft sie einen Raum für alternative, queere Kunst – und sie gibt so ihrer Community etwas zurück.
Im Thier, auf ihrer „kleinsten Bühne Hamburgs“, ist Felicias Auftritt nach ein paar Minuten vorbei. Sie macht Witze und spricht über Events, die in den kommenden Wochen folgen. Dann verabschiedet sie ihr Publikum in die neue Woche. Mit Worten, die längst Programm sind: „Eure Bürgermeisterin der Schanze.“

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