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Ein halbes Leben arbeitete Cengiz Kaya für Budni in der Osterstraße. Nun ist er in Rente. Über einen, der das Glück an Kasse 1 gefunden hat. Foto: Alana Tongers
Nach 17 Jahren an Kasse 1 bei Budni in der Osterstraße ging Cengiz Kaya im letzten Jahr in Rente. Foto: Alana Tongers
Eimsbütteler des Monats

Das Glück am Ende von Kasse 1

Ein halbes Leben arbeitete Cengiz Kaya für Budni, 17 Jahre davon in der Osterstraße. Nun ist er in Rente. Über einen, der das Glück an Kasse 1 gefunden hat.

Von Alana Tongers

Wenn Cengiz Kaya durch die Osterstraße läuft, wirkt es, als sei er der berühmteste Mann des Stadtteils. Menschen winken ihm zu, umarmen ihn, rufen seinen Namen. „Kaya, wo bist du?”, fragen sie. Er muss sie dann erinnern. Dass er in Rente ist und nur zur Besuch hier.

Die meisten seiner ehemaligen Kunden wissen das zwar, aber verinnerlicht haben sie es noch nicht. Schließlich hat Herr Kaya sie 17 Jahre lang von Kasse 1 bei Budni in der Osterstraße 95 begrüßt. Mit ihnen geschnackt, sie beraten. War immer da, das Hemd ordentlich geknöpft, mit Zeit für ein Gespräch, auch wenn die Schlangen lang waren.

Jetzt sitzt er in einem Café neben seinem alten Arbeitsplatz, eine Tasse vor ihm („Großer Kaffee für den dicken Mann”) und kommt kaum zum Trinken. Zum einen, weil er viel zu erzählen hat. Zum anderen, weil da schon wieder jemand auf ihn zuläuft, der bei seinem Anblick zu strahlen beginnt. „Kaya”, sagt der Mann und beugt sich zum Tisch hinunter. „Das ist gut, dass du deine Rente genießt – aber wir vermissen dich!” Er nickt. Vermissen tut er sie auch.

Von Hippies in Usak zu Budni nach Hamburg

Herr Kaya und Budni, die gehören für viele Eimsbütteler zusammen. Sind ein Match für die Ewigkeit. Dabei sind sie auch ein Paar, das sich nicht gesucht hat. Der Job bei Budni war eine knappe Sache. Kaya wächst in Usak auf, 200.000 Einwohner, im Westen der Türkei. Es sind die 70er, die Haare trägt man lang, im Radio laufen Pink Floyd, die Rolling Stones und Queen. Und Cengiz Kaya steht hinter dem Tresen seines eigenen Musikladens. Verkauft Schallplatten, später Kassetten. Bis es ihn 1982 nach Deutschland zieht – für die Liebe. „Da habe ich alles dagelassen und bin hinterhergekommen”, erzählt er.

Die Musik lässt er in Usak zurück, in Hamburg vermittelt ihm das Arbeitsamt Jobs im Verkauf. Richtig glücklich macht ihn das nicht, eigentlich möchte er neustarten und umschulen. Das Amt will, dass er im Verkauf bleibt. Vier Vorstellungsgespräche hat er, zu allen kommt er zu spät, auch zu Budni. Mit Absicht. Aber der Filialleiter mag ihn, will ihn nicht einfach gehen lassen. „Bei Budni”, sagt er und lacht laut, „da konnte ich nicht weglaufen.”

Am 2. Januar 1990 fängt er an. Erst räumt er Waren ein, arbeitet im Lager, wechselt dann an die Kasse. Er lernt schnell. Aber einfach ist es trotzdem nicht. „Am Anfang hat niemand ‚Guten Tag’ gesagt”, erinnert Kaya. Das Vertrauen der Kundinnen und Kunden muss er sich erarbeiten, mit viel Geduld. Er grüßt seine Kundschaft mit einem herzlichen Moin, merkt sich Namen, Gesichter, Einkaufsgewohnheiten. Wenn jemand ein Sonderangebot übersieht, weist er darauf hin. Wenn eine Schwangere in den Laden kommt, gibt er ein Geschenk für das Baby mit. Irgendwann erkennen sie den kleinen, kräftigen Mann mit dem großen Lächeln. „Ich habe alles probiert, damit sie glücklich nach Hause gehen”, sagt Kaya. „Deswegen war ich auch glücklich.”

Was nach der Arbeit bleibt

2015, er ist 25 Jahre bei Budni, wird die Filiale in der Osterstraße für einen Tag zum Festsaal. Sein Dienstjubiläum, es fühlt sich für Kaya wie eine einzige große Umarmung an. Familie und Freunde sind gekommen. Kundinnen schreiben Briefe und Karten, bringen Geschenke. Zweimal müssen sie zu ihm nach Hause gehen, um alle Blumen zu transportieren. Zwischendurch geht Kaya ins Lager, um Freudentränen zu trocknen. „Kannst du dir vorstellen, wie glücklich ich war?”, fragt er und lächelt. Seine Augen glänzen hinter der eckigen Brille. Sein Lachen ist ein wohliges. Wie eine Welle schwappt es von einem Winkel seines Mundes zum anderen.

Es sind die Menschen, die ihn über all die Jahre in der Osterstraße gehalten haben. „Solche findest du nicht nochmal”, sagt er. Als er im letzten Jahr dringend nach einer neuen Wohnung sucht, findet eine Kundin nicht nur eine Bleibe in Winterhude für ihn, sondern auch eine Arbeitsstelle für Kayas Frau. Als er das erzählt, breitet Kaya die Arme aus. „Freundschaft!”, ruft er.

Der letzte Tag

Im Januar des letzten Jahres geht er in Rente. Bis August arbeitet er noch auf 450-Euro-Basis weiter. Aber dann ist er da, der letzte Tag. Er ist schwer für Herrn Kaya. Hinter Kasse 1, an der er 17 Jahre fast ununterbrochen in Klönschnack verwickelt war, fühlt er sich zum ersten Mal einsam. „Ich wollte das nicht wahrhaben”, erinnert er sich und schüttelt den Kopf.

Der Abschied schleicht in sein Leben und fühlt sich seltsam an. Ein- bis zweimal die Woche ist Kaya deswegen noch in der Oster­straße, um alte Nachbarinnen, Freunde und Kolleginnen zu sehen. Wenn er seine Filiale besucht, nutzt er manchmal den Hintereingang, der für Mitarbeiter gedacht ist. Wenn sie ihn sehen, lassen sie die Arbeit liegen.

„Kaya!”, rufen sie. Er lacht. Kurz vor seiner alten Kasse grüßt er einen jungen Mann, der Kartons ausräumt. „Das ist ein neuer Kollege, mein Ersatz”, stellt Kaya ihn vor. Der schaut ihn schief an, legt den Kopf auf die Seite. „Dich kann man nicht ersetzen”, erwidert er. „Du bist hier doch der Superstar!” Kaya lacht, winkt ab. Er weiß, dass es stimmt. Zugeben würde er es nicht.

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