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Kommentar

Die Südländer vom Metrobus 4

Dieser Kommentar beschäftigt sich mit einem sexuellem Übergriff gegenüber einer Frau, der sich vergangenes Wochenende im Metrobus Nummer 4 zwischen Eidelstedter Platz und Kieler Straße ereignet hat, und nimmt einen Exkurs über Köln.

Von Annika Demgen

Tatzeit 4:51 Uhr am Samstagmorgen. Eine 24-Jährige steigt bei der Haltestelle Furchenacker in den Vierer Richtung Innenstadt. An der nächsten Station steigen „30 bis 40 Südländer“ ein. Der Bus ist voll. Die junge Frau will am Eidelstedter Platz aussteigen. Sie quetscht sich durch die Menge. Dabei wird sie von „diversen Männern an den unterschiedlichsten Körperstellen angefasst“. Der Bus hält aus ungeklärten Gründen nicht am Eidelstedter Platz. Sie ist gezwungen weiterzufahren, schafft es erst an der nächsten Station aus dem Bus. Sie fühlt sich „sehr unwohl und angewidert“. Sie entscheidet sich, den Vorfall nicht auf sich beruhen zu lassen, sondern wählt den unangenehmeren, aber richtigen Weg – sie erstattet Anzeige.

Am Montag hat die Polizei Hamburg den gerade beschriebenen Tatverlauf in einer Pressemitteilung bekannt gegeben. In der Redaktion haben wir lange darüber diskutiert, was wir mit dieser Meldung machen. Wenn eine Frau im Metrobus 4 sexuell belästigt wird, dann ist das ein krimineller Akt, den es zu berichten gilt. Eine Schwierigkeit in der Berichterstattung jedoch sind die „30 bis 40 Südländer“, die der Tat verdächtigt werden, obwohl die Polizei die Aufnahmen der Überwachungskameras aus dem Bus noch nicht ausgewertet hatte.

Der „Sex-Mob“

Die Zahl ist ein Problem, weil sie das Bild-Klischee des „Sex-Mob“ annimmt. Es wird suggeriert, die 30 oder auch 40 Männer haben sich verabredet, um gemeinsam Bus zu fahren und Frauen aufzulauern. Warum wird diese Zahl überhaupt erwähnt, wo es doch unwahrscheinlich ist, dass in einem engen Bus genug Platz ist, so dass 30 bis 40 Männer eine Frau berühren können? In der Pressemitteilung heißt es dann auch folgerichtig, sie wurde von „diversen Männern“ begrapscht, schlimm genug, alle 30 bis 40 Eingestiegenen haben sie jedoch nicht angefasst.

Dennoch empfand es die Polizei für nötig, die Zahl zu erwähnen. Dabei hätte sie genauso schreiben können: „Der Bus ist voll. Als die Frau zum Ausgang gelangen will, wird sie von diversen Männern an den unterschiedlichsten Körperstellen angefasst. Bei den Tatverdächtigen handelt es sich um Südländer.“ Damit wäre aus der Welt gewesen, dass es sich bei den „Südländern“ um eine homogene Gruppe von Sexualstraftätern handelt, die um fünf Uhr morgens auf der Suche nach Frischfleisch im Vierer unterwegs ist.

Auch die zweite Formulierung ist jedoch nicht besser. „Südländer“ ist ein Synonym für kriminelle Energie, weil sie vor allem aus Polizeiberichterstattung bekannt ist. Der Duden definiert: Ein Südländer ist jemand aus einem südlichen, am Mittelmeer liegenden Land. Menschen aus Südfrankreich sind damit jedoch nicht gemeint und erst recht nicht die Einwohner Nordlands oder Südlands in Norwegen. Nein, „Südländer“ sind Frauen verachtende Muslime, Nordafrikaner und Menschen arabischer Herkunft, die seit der Silvesternacht in den Medien und in den Pressemitteilungen der Polizei herumgeistern. Selten sind auch Italiener noch „Südländer“, hauptsächlich wenn sie klauen oder gerade bei irgendetwas zu laut sind.

„Weg mit den Ausländern“

Der Begriff „Südländer“ verallgemeinert Personengruppen, die nicht zu verallgemeinern sind. Er suggeriert eine unbestimmte Herkunft, basierend auf Äußerlichkeiten: dunkle Haare, dunkle Augen, dunkler Hauttyp. Jeder hat eine Vorstellung davon, wie „Südländer“ aussehen. Dabei handelt es sich jedoch nicht um eine Nationalität. Auf Spanier kann die eben genannte Beschreibung genauso zutreffen wie auf Deutsche, Österreicher oder Schweden. Der Begriff drückt also eigentlich aus, dass die Polizei keine Ahnung hat, woher die mutmaßlichen Täter gekommen sind, und nichts über deren Identitäten weiß. Sie hatten schlicht dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Haut, und vielleicht war auch ein Bärtiger dabei.

Was der Begriff „Südländer“ hingegen verdeutlicht, ist: Die Tatverdächtigen sind nicht von hier. „Südländer“ kommen nicht aus Deutschland. Woher sie kommen, wissen wir nicht, aber definitiv nicht von hier. Es handelt sich um einen Abgrenzungsbegriff, der eine Ausländerhaftigkeit annimmt, die in keiner Weise belegt ist, und – noch viel schlimmer – ihr den Grund für die kriminelle Energie zuschreibt. Die Herkunft wird zur Ursache. Dabei ist ein Verbrecher nicht aufgrund seines Geburtsorts kriminell, sondern aufgrund seiner sozialökonomischen Lage. Eine Binsenweisheit, die uns an dieser Stelle der Sozialwissenschaftler Rainer Geißler von der Universität Siegen belegt: Durch Arbeitslosigkeit, Armut sowie einen Mangel an Bildung und dadurch auch an Berufs- und Lebenschancen werden Menschen kriminell. Nicht, weil sie etwa in Algerien geboren sind.

Die vermeintliche Lösung

Gleichzeitig impliziert das Wort eine einfache Lösung. „Südländer“, also Ausländer, haben die Frau im Bus angefasst. Wenn wir die loswerden, zur Not auch direkt ins Kriegsgebiet abschieben, dann herrscht wieder Ruhe. So funktioniert das aber nicht. Wir wissen nicht, ob die Männer im Metrobus 4 wirklich Ausländer waren oder nur so aussahen. Genauso wie bis Montag nicht klar war, ob wirklich Asylbewerber unter den Tatverdächtigen der Kölner Silvesterübergriffe sind. Inzwischen gehen die polizeilichen Ermittler zwar davon aus, das auch einige Flüchtlinge unter den Tätern sind, dennoch ist schockierend, wie bereits Tage vor der Sondersitzung des Innenausschusses des nordrhein-westfälischen Landtags für viele klar war, dass nur Asylbewerber oder Deutsche mit Migrationshintergrund zu so etwas fähig sein können. Dabei dementierte die Kölner Polizei zunächst gegenüber dem Kölner Stadtanzeiger die Beteiligung von Flüchtlingen und sprach stattdessen von „polizeibekannten Intensivtätern“. Kein Grund nicht über schärfere Asylgesetze und schnellere Abschiebungen zu debattieren. Eigentlich genau wie vor Silvester.

Dabei ist doch eine grundsätzliche Diskussion darüber, was sexuelle Belästigung ist und wie schwierig die Beweisführung für die Opfer, viel wichtiger. Was wäre gewesen, wenn die Tatverdächtigen „deutscher“ ausgesehen hätten? Hätte die Polizei dann auch eine Pressemitteilung veröffentlicht? Hätten Leute, die sich jetzt entrüsten, auch dann aufgebracht reagiert? Oder hätten sie stattdessen die Glaubwürdigkeit des Opfers infrage gestellt? Frei nach dem Motto: „Der Bus war doch voll, die kann doch gar nicht gewusst haben, dass das nicht nur ein Versehen war. Die stellt sich bestimmt nur an.“

Wer eine Frau oder einen Mann gegen ihren oder seinen Willen anfasst, begeht eine Straftat. Egal, ob über oder unter der Kleidung, egal, ob am Arbeitsplatz, auf einer Party oder im Bus. Jedem Menschen muss das klar sein, ganz gleich ob mit deutscher Staatsangehörigkeit oder ohne. Wir müssen darüber reden, wie wir das denen begreiflich machen, die es nicht verstehen wollen, anstatt so zu tun, als bräuchten wir nur genug Menschen abzuschieben, um sexualstraftäterfrei zu sein.

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