Eimsbüttel, was macht dich so familienfreundlich?
Eimsbüttel und Familien – das gehört zusammen. Aber warum? Ein winterlicher Spaziergang durch den Stadtteil soll Antworten liefern.
Von Julia HaasAuf dem Schiff zur See fahren und vom Leuchtturm aus Meerestiere beobachten – dazwischen ein Keks oder Kinderbuch. Im Spielhaus am Eimsbütteler Marktplatz ist das möglich. Es ist ein Ort, an dem sich Familien treffen, deren eigenes Wohnzimmer für Spiel-Dates nicht ausreicht – oder die einfach gern Gemeinschaft erleben.
Während draußen der Schnee die Rutschen und Schaukeln bedeckt, treffen wir im warmen Spielhaus Sara. Ihr zweijähriger Sohn schiebt ein Schiff über den Boden. Gemeinsam wollen wir herausfinden, was Eimsbüttel so familienfreundlich macht – und wo es trotz allem noch hakt.
Eine Mutter gibt Einblicke: Was macht Eimsbüttel familienfreundlich?
Sara ist vor drei Jahren mit ihrem Mann von Bremen nach Eimsbüttel gezogen. Die Geburt ihres ersten Sohnes machte das Familienglück perfekt. Doch neben all den schönen Momenten bringt das Elternsein auch Herausforderungen mit sich – Herausforderungen, die sich leichter gemeinsam überwinden lassen. „Ich wollte möglichst schnell in der neuen Umgebung mit anderen Eltern in Kontakt kommen und Erfahrungen austauschen“, sagt Sara rückblickend. Auf ihrem Instagram-Kanal „Kleine Welt Hamburg“ begann sie, ihre Gedanken und Eindrücke zu teilen, über Angebote zu informieren und sich im Stadtteil zu engagieren, so auch in der Elternschule Eimsbüttel.
Für Sara gibt es viele Aspekte, die Eimsbüttel zu dem kinder- und familienfreundlichen Bezirk machen, der er ist. Entscheidend seien aber drei Punkte: die Infrastruktur mit zahlreichen Anlaufstellen für Familien, das soziale Engagement in Vereinen und Einrichtungen – und vor allem die Menschen sowie die Haltung im Stadtteil: Kinder gehören dazu, sind überall gern gesehen.
Die Menschen
Einer dieser Menschen sorgt dafür, dass es im Spielhaus am Eimsbütteler Marktplatz warm bleibt – nicht nur, was die Temperaturen betrifft. Karsten Kalkowski leitet die Einrichtung seit acht Jahren. Er hat es geschafft, aus einer öffentlich finanzierten Begegnungsstätte für Familien ein Wohnzimmer für die Nachbarschaft zu machen. Wer kaltes Turnhallen-Flair erwartet, wird von wohliger Pippi-Langstrumpf-Atmosphäre überrascht.

Verlässliche Angebote wie diese schaffen Raum für Familien, um miteinander in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen, während die Kinder spielen und Neues entdecken, sagt Sara. Sie selbst hat das Spielhaus bereits wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes kennengelernt. „Ein zusätzlicher Ort zum Zusammenkommen und Erkunden: Das schätzen Kinder und ihre Eltern sehr.“ Montags bis freitags ist das Spielhaus von 14 bis 18 Uhr geöffnet.
Wenn es in den eigenen vier Wänden zu eng wird, schafft das Spielhaus zusätzlichen Raum. Eimsbüttel war ursprünglich ein dicht besiedeltes Arbeiterviertel. Davon zeugen bis heute die vielen eher klein geschnittenen Wohnungen. Wenn Familien wachsen, fehlt es oft an Platz. Ein Umzug scheitert nicht selten an finanziellen Gründen oder an der Verfügbarkeit größerer Wohnungen.
Dass so viele Familien immer wieder ins Spielhaus kommen, liege für Sara auch an Kalkowski. Er belebe das Konzept mit viel Eigeninitiative und Engagement, weit über die üblichen Aufgaben hinaus, sagt Sara. „Er macht so viel mehr als er müsste.”
„Eigentlich bräuchten wir ein zweites Stockwerk“
Kalkowski baut Spielgeräte und lässt sie vom TÜV abnehmen, reißt Schränke heraus und gestaltet neue Staubereiche mit integrierter Leseecke, pflegt den Gemeinschaftsgarten oder veranstaltet Kochtreffs – er ist für Eimsbüttels Familien da. Das kommt an und färbt ab. „Wir haben tolle Mitarbeiter und Gäste, die sich einbringen und für das Haus brennen“, sagt Kalkowski.
Etwa 100 Gäste begrüßt er pro Tag im Spielhaus. Würde es der Platz zulassen, wären es vermutlich noch mehr. „Eigentlich bräuchten wir ein zweites Stockwerk“, sagt er. Das würde ermöglichen, den Begegnungsort auch für andere Generationen zu öffnen – und noch mehr Miteinander zu schaffen, nicht nur unter Familien.
Die Infrastruktur
Nach einer ausgiebigen Spielstunde ziehen wir mit Sara weiter in Richtung Lappenbergsallee. Fledermaus, Vierjahreszeiten, bunte Töne – Kitas säumen die Straße. Mal steht musikalische Früherziehung im Fokus, mal die Förderung weiterer Sprachen. Sara schätzt die große Auswahl. Für ihren Sohn konnten sie so die individuell richtige Betreuung finden. Jedes Kind und jede Familie sei anders, sagt sie – Eimsbüttels Kita-Vielfalt reagiere darauf.
Nicht selten verbindet sie einen Spielplatzbesuch mit einem anschließenden Abstecher in ein familienfreundliches Café, etwa vom Spielplatz an der Apostelkirche ins Café May. Für Sara steht es sinnbildlich für viele Cafés in der Nachbarschaft: Kinder sind willkommen, und Familien müssen sich keine Gedanken machen, ob die Kleinen zu laut oder jemandem zu viel sein könnten. Bücher- und Spielecken laden zum Verweilen ein. Große Tische und gemütliche Sitzecken gehören zum Konzept des gemeinsamen Miteinanders.
Eine feste Institution in der Nachbarschaft
Ein paar Meter weiter liegt im Souterrain eines Mehrfamilienhauses der „Zwergenaufstand“, ein Secondhand-Laden für Kinder. An den Wänden hängen Hosen, Shirts, Kleider und Jacken – für Babys, Kleinkinder und sogar junge Teenager. In der Mitte stehen Bücher, liegen Tragen und Spielzeug. Sara kommt gerne vorbei, wenn sie in der Gegend sind, um eine Kleinigkeit zum Spielen oder Lesen auszusuchen.

Der „Zwergenaufstand“ ist seit über 25 Jahren eine feste Institution in der Nachbarschaft. Im vergangenen Sommer hat Hanna Wilke das Geschäft übernommen. Früher stöberte sie hier für ihre eigenen Kinder, heute steht sie hinter dem Tresen. Manche Familien kommen aus Überzeugung für mehr Nachhaltigkeit, andere aus finanziellen Gründen.
Auf einem Regal entdeckt Sara eine kleine Werkbank aus Holz. „Wir haben einen kleinen Handwerker zu Hause, das freut ihn sicher“, sagt sie und grinst. Nachhaltigkeit sei ihr ein wichtiges Anliegen – sie unterstütze solche Ideen, wo sie könne.
„Du entscheidest dich auch für die Stadt, weil sie dir vieles ermöglicht“
Ein letzter Stopp führt zum Spielplatz am Langenfelder Damm. Er liegt in einer Baulücke zwischen Mehrfamilienhäusern. Solche kleinen Spielplätze gibt es in Eimsbüttel viele, ergänzend zu den großen Parks und Spielanlagen. Es gibt einen Bereich für kleinere und einen für größere Kinder. Im Sommer, sagt Sara, träfen sich hier viele Eltern aus der Nachbarschaft. Während die Kinder spielen, laden die Sitzbänke zum Plausch ein. Vielen Familien begegne man immer wieder – in einigen Fällen seien daraus Freundschaften entstanden. Wer Sara zuhört, merkt schnell: Eimsbüttel macht es auch neu zugezogenen Familien leicht, Kontakte zu knüpfen.
Dass es in Eimsbüttel so viele Begegnungsorte für Familien gibt und diese auch stark nachgefragt werden, hänge für Sara nicht nur mit den historisch gewachsenen kleinen Wohnungen im Stadtteil zusammen. Es sei auch ein Lebensgefühl. „Du entscheidest dich auch für die Stadt, weil sie dir vieles ermöglicht: beruflich, persönlich, im Alltag mit Kind”, sagt Sara, „aber dass daraus Gemeinschaft wird, liegt an Orten wie hier in Eimsbüttel.“
Nicht alles perfekt
Während sich die Spielplätze leeren und die Kinderwagen nach Hause geschoben werden, macht sich auch Sara auf den Heimweg. Als sie eine Straße überquert, sagt sie: „Ich bin gespannt, wie es wird, wenn er größer ist.“ Sie denkt dabei an mehrspurige Straßen und schmale Radwege. Kinder, die in Eimsbüttel aufwachsen, müssen früh lernen, sich im Großstadtdschungel zurechtzufinden. Bisher sei ihr Eindruck, dass viele Verkehrsteilnehmende Rücksicht walten lassen – besonders, wenn es um Kinder geht.
Doch nicht alles ist perfekt. Sara erzählt von einer Fußgängerampel, die sie regelmäßig mit ihrem Sohn überquert. Oft singe sie drei Lieder, bis die Ampel auf Grün schaltet. Zu lange Wartezeiten führten dazu, dass einige bei Rot über die Straße liefen. Das mache es schwieriger, zu erklären, was im Straßenverkehr richtig und falsch ist. Und: „Gerade hier in Eimsbüttel, rund um die Osterstraße, wäre weniger Autoverkehr und mehr Raum für Fußgänger wünschenswert.“
Soziales Engagement
Gibt es etwas, das im Eimsbütteler Familienkosmos noch fehlt? Sara könnte sich für die Nachbarschaft ein generationenübergreifendes Café vorstellen – ohne Profitinteresse. „Warum nicht ein Angebot schaffen, wo sich alle Generationen für kleines Geld treffen können?“
Ein Grobkonzept hatte sie in der Vergangenheit bereits ausgearbeitet. Doch die Frage der Finanzierung ließ sich bisher nicht beantworten. Die Stadt müsste unterstützen – oder andere Investoren, die nicht auf Gewinn aus sind. Bisher sieht das schwierig aus. „Ich habe das im Kopf – vielleicht für irgendwann.“
Das Gute: Auch ohne Café gibt es in Eimsbüttel zahlreiche Anlaufstellen für Familien. Immer wieder kommt Sara auf die Elternschule Eimsbüttel zu sprechen. Die Einrichtung im Hamburg-Haus bietet seit den 1960er-Jahren niedrigschwellige Angebote für Familien. Auch Sara bringt sich hier ein, samstags leitet sie den Vätertreff. Ab 10 Uhr treffen sich Väter mit ihren Kindern zwischen ein und drei Jahren. Sie singen, spielen und essen gemeinsam Obstsalat.
Räume schaffen
Dass jedes Wochenende Väter mit Kinderwagen in Richtung Hamburg-Haus strömen, freut Sara. „Grundsätzlich erleben Väter heutzutage häufig einen gewissen Zwiespalt: Sie möchten mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen, doch das lässt sich nicht immer umsetzen. Gerade in den ersten Lebensmonaten haben die Mutter-Kind-Bindung, die Stillzeit und das Ankommen in der neuen Situation eine besondere Bedeutung, ebenso spielen finanzielle Rahmenbedingungen eine große Rolle. Weil Männer oft noch besser verdienen und bessere Aufstiegsmöglichkeiten haben, liegt die Care-Arbeit überwiegend noch bei den Müttern. Aber ein Wandel scheint sich langsam abzuzeichnen“, sagt Sara. Umso wichtiger sei es, Räume dafür zu schaffen.
Trotz der vielen bestehenden Angebote sieht Sara noch Luft nach oben. Zum Schluss bleibt ein Wunsch: Es brauche eine bessere Übersicht über die Angebote für Familien, auch über die einzelnen Stadtteile hinaus. „Es gibt schon viel, aber der Ausbau von Angeboten ist unbedingt gewünscht und nachgefragt.“
Gewusst?
Im Jahr 2025 kamen 4.029 Eimsbüttelerinnen und Eimsbütteler zur Welt. Das entspricht rund 5 Prozent mehr Geburten als im Vorjahr.
15,6 Prozent der Menschen, die im Bezirk Eimsbüttel leben, sind jünger als 17 Jahre.
16,6 Prozent aller Eimsbütteler Haushalte haben Kinder. Damit befindet sich Eimsbüttel im Mittelfeld der Hamburger Bezirke. In Hamburg-Nord sind es 14 Prozent, in Bergedorf 21 Prozent.
Anmerkung der Redaktion: Das Hamburg-Haus wird saniert. Die Elternschule ist vorübergehend umgezogen.
lokal. unabhängig. unbestechlich.
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