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Gehört die hohe Müllproduktion bald der Vergangenheit an? Foto: Catharina Rudschies
Wie lebt sich der Zero-Waste-Lifestyle in Eimsbüttel? Foto: Catharina Rudschies
Magazin #16

Was soll der Müll?! Zero Waste in Eimsbüttel

220,05 Kilogramm Verpackungsabfall produziert ein Deutscher durchschnittlich pro Jahr. Im Bezirk Eimsbüttel fallen somit jährlich 58.148.055 Kilogramm Verpackungsmüll an. Muss das sein? Anhänger der Zero-Waste-Bewegung sagen: Nein! Unsere Autorin hat den Selbsttest gemacht. Wie viel Müll lässt sich im Alltag reduzieren?

Von Catharina Rudschies

Bea Johnson kann den Müll, den ihre vierköpfige Familie in einem Jahr ansammelt, in ein einziges Einmachglas füllen. Die in den USA lebende Französin gilt oft als Mutter der Zero-Waste-Bewegung. Wer nach diesem Prinzip lebt, versucht im Alltag so wenig Müll wie möglich zu produzieren. Ob ich das auch schaffen kann?

Gründe für ein Leben nach dem Zero-Waste-Prinzip gibt es genug. Bei der Herstellung von Verpackungen werden viele Rohstoffe verbraucht und CO2 freigesetzt, was den Klimawandel im wahrsten Sinne des Wortes anheizt. Viel Müll gelangt in die Natur, allen voran Plastik in die Meere. Dadurch sind nicht nur Pflanzen und Tiere, sondern – über die Nahrungskette – auch wir Menschen gefährdet.

Das Zero-Waste-Prinzip

Das Zero-Waste-Prinzip folgt den sogenannten Five Rs: refuse (ablehnen), reduce (reduzieren), reuse (wiederverwenden), recycle und rot (kompostieren). Das heißt, dass man unnötige Produkte und Verpackungen in erster Linie ablehnt. Wenn das nicht geht, kauft man Produkte, die möglichst nachhaltig sind und recycelbare Verpackungen nutzen wie Papier, Cellulose oder Baumwolle. Alle Produkte und Verpackungen, die man kauft, sollte man möglichst oft wiederverwenden, um unnötigen Müll zu vermeiden. Und biologisch abbaubare Abfälle lassen sich kompostieren und so zurück in den biologischen Kreislauf bringen.

Klingt erst mal gar nicht so schwer, denke ich. Erst mal. Mein Test beginnt in einem üblichen Supermarkt. In der Mittagspause will ich nur einen Snack einkaufen, aber ich merke schnell: Gerade Snacks sind ein schwieriges Unterfangen. Alles fertig Verarbeitete ist in Plastik eingeschweißt. Meine Wahl fällt auf eine Banane und ein Glas Joghurt. Glas ist ein akzeptiertes Verpackungsmaterial unter Zero-Waste-Anhängern, denn später lässt es sich für den unverpackten Einkauf und die Lagerung der Lebensmittel verwenden oder auch recyceln. Vor dem Supermarkt entdecke ich einen Stand, der Erdbeeren in Pappschale verkauft. Pappe ist besser als Plastik. Ich nehme eine 500-Gramm-Schale und erlaube mir einen ersten Kompromiss. „Wollen Sie eine Tüte?”, fragt die Verkäuferin. „Nein, danke”, sage ich und denke an die erste Regel: refuse.

Großeinkauf in Eimsbüttel?

Am zweiten Tag mache ich einen Großeinkauf – das versuche ich zumindest. Ich klappere das Zentrum Eimsbüttels ab und lande bei Bio.lose in der Osterstraße. Bei dem Namen muss ich hier doch fündig werden. Zu meiner Überraschung sind sehr viele Produkte wie Tee oder Gewürze verpackt. Später erfahre ich vom Inhaber Marc Turjanica, warum das so ist: „Unser Laden war ursprünglich ein reiner Bioladen.” Turjanica übernahm den Laden mit einem Freund im Jahr 2017. Eigentlich wollten die zwei einen reinen Unverpacktladen eröffnen. Doch weil die Kundschaft vom Vorbesitzer blieb, blieben auch viele Produkte. „Einige Kunden wollen eine besonders hohe Bio-Qualität.” erklärt Turjanica. „Wenn es die Produkte dann noch unverpackt gibt, ist es optimal. Aber das ist nicht immer umsetzbar.”

Für meinen Einkauf ohne Verpackungen bietet Bio.lose trotzdem schon eine gute Auswahl. Es gibt unter anderem Brot, Gemüse, Obst, Käse, Kaffee, Reinigungsmittel, Hygieneprodukte, einige Gewürze und Backwaren. Im hinteren Teil des Ladens reihen sich die Container zum Abfüllen aneinander. Hier findet man zum Beispiel Mehl, Nüsse, Körner, Nudeln, Reis und Couscous. Ich bin mit Taschen, Gläsern und Dosen gewappnet und fülle mir Reis ab. Dann greife ich nach einem Glas Ajvar und einer biologischen Körperseife, die nur mit einem dünnen Papierstreifen umwickelt ist. Verpackungsfreie Kosmetikprodukte zu kaufen, ist in den gängigen Läden wahrscheinlich eine Herausforderung. Aus Neugier suche ich ein Drogeriegeschäft auf.

Im Plastik-Dschungel

Dort angekommen schaue ich mich nach den üblichen Kosmetikprodukten um: Deo, Rasierer, Shampoo, Cremes, … alles in Verpackungen, natürlich Plastik. Bei genauerem Suchen stoße ich auf Bambus-Zahnbürsten. Zero-Waste-Anhänger schwören oft auf sie, weil sie recycelbar sind. Wenn ich mir jedoch überlege, dass das Bambus aus Asien eingeflogen wird, klingeln bei mir die CO2-Alarmglocken.

Ich bleibe an einer anderen Option hängen: Das Material der Zahnbürste ist ein Biokunststoff aus Holzresten, die Borsten sind auf Rizinusöl-Basis hergestellt. Verpackt ist sie in einer Folie. Sieht aus wie Plastik, ist aber Zellulose, also pflanzlich und biologisch abbaubar. Die Verpackung kann ich also recyceln (Zero-Waste-Regel Vier), indem ich sie in den Bio-Müll schmeiße. Auch der Transportweg hält sich in Grenzen, denn die Bürste kommt aus Berlin. Jackpot, denke ich.

Einkaufen gehen mit Gläsern ist für Leute, die nach dem Zero-Waste-Prinzip leben, ganz alltäglich. Foto: Catharina Rudschies

Doch das Glücksgefühl hält nicht lange an. Ich suche nach wiederverwendbaren Wattepads, recyceltem Toilettenpapier und Reinigungsmitteln. Es gibt zwar eine Bandbreite an ökologischen Varianten, doch kommen alle in Plastik. Ich gebe meinen Besuch im Drogeriemarkt erst einmal auf. Von den vielen Verpackungen hier schwirrt mir schon der Kopf.

Unverpackt im Supermarkt

Mein „Großeinkauf” wird allmählich zu einer Entdeckungstour. Ich kaufe Aufschnitt und Fleisch an der Frischetheke im Supermarkt. Aufgefallen war mir das Schild mit dem Hinweis, dass die Lebensmittel auch in mitgebrachte Dosen abgefüllt werden, noch nie. Dabei bin ich in dem Supermarkt mindestens ein Mal pro Woche. Bei der Umsetzung aber hapert es noch. Beim Aufschnitt wiegt der Mitarbeiter die Salami auf einem Stück Papier ab und füllt es erst dann in meine Dose. Danach landet das Papier im Müll. Beim Fleisch nebenan funktioniert es schon besser. Der (andere) Mitarbeiter wiegt die Dose ab und legt das Fleisch direkt hinein, ohne dass Müll entstanden ist. Geht doch.

Es zieht mich weiter zum türkischen Obstladen um die Ecke. Gemüse lege ich direkt in meinen Jutesack. Ob der Verkäufer mir auch Oliven und Schafskäse in die Dose füllen würde? „Das ist kein Problem”, sagt er. Ich bin überrascht: Das hat bisher besser funktioniert als gedacht. Doch schon gerate ich an das nächste Problem: Mein Vorrat an Dosen ist aufgebraucht, und ohne die ist ein Zero-Waste-Einkauf praktisch kaum möglich.

Eines ist klar: Diese Art des Lebens benötigt mehr Planung und Kalkulation. Beim Blick in die Jutebeutel muss ich ein bisschen schmunzeln. Zahnbürste, Seife, Reis, Fleisch, Aufschnitt, Gemüse, Ajvar, Schafskäse und Oliven – einen Großeinkauf kann man das nicht gerade nennen. Aber auch das fällt unter die Zero-Waste-Regel reduce: Weniger konsumieren.

Peu à peu weniger Müll

Ich treffe mich mit Christoph und Luise. Das Eimsbütteler Paar lebt seit 2016 nach dem Prinzip Zero Waste und schreibt darüber auf dem Blog Trashless Society. Ob sie mir Tipps geben können, wie ich mein Leben so abrupt verpackungsfrei gestalten kann? „Wir haben den Umstieg sukzessive gemacht”, erzählt Christoph. Angefangen haben sie in der Küche: „Ich wollte Plastik reduzieren, weil darin viele Weichmacher enthalten sind, die sich nicht gut auf die Gesundheit auswirken”, sagt Luise. „Dann kommt man relativ schnell auf das Thema Zero Waste.”

Nach und nach haben Christoph und Luise immer mehr Produkte aus ihrem Leben verbannt, angefangen beim Pfannenwender aus Plastik bis hin zu den Einmal-Windeln ihres Neugeborenen. „Das erste Erfolgserlebnis hatten wir, als wir beim Bäcker mit unserem mitgebrachten Brotbeutel einkaufen konnten”, so Christoph. Erfolgserlebnisse sind laut Christoph und Luise wichtig, um dran zu bleiben. „Es tut einem selbst nicht gut, wenn man auf alles sofort verzichtet”, erklären die beiden.

Eine ähnliche Aussage höre ich von der Inhaberin des Bio- und Unverpacktladens Monger: „Zero Waste sollte man nicht zu fanatisch verfolgen. Wenn man übertreibt, ist das Frustrationspotential hoch und die Lebensqualität geht verloren”, so Daniela Di Lena, die den Monger Store zusammen mit Natalie Bugs im Dezember 2018 in der Wrangelstraße eröffnet hat. Auch das ein oder andere Luxusprodukt sei daher erlaubt. Bei Luise sind das zum Beispiel die Kontaktlinsen.

Das Zero-Waste-Prinzip erfordert Kreativität

Ich nehme mir den Rat der drei zu Herzen. Während man als strenger Zero-Waste-Anhänger so minimalistisch wie möglich lebt, Hygieneprodukte selber macht und Produkte wie Kleidung aus zweiter Hand einkauft, versuche ich mich zunächst auf die wichtigsten Bereiche zu beschränken. Ich kaufe Lebensmittel möglichst verpackungsfrei ein und tausche im Badezimmer und im Haushalt einige Produkte aus: Zum Beispiel kaufe ich Spülmittel im Unverpacktladen abgefüllt in ein leeres Joghurtglas, wie es sich nach der Regel reuse gehört. Ich benutze keine Plastiktüten, kaufe keinen Coffee to Go und packe mein Sandwich für die Mittagspause in eine Brotdose, statt es in Papier einzuwickeln. Beim Bio-Supermarkt in Eimsbüttel finde ich neben dem unverpackten Sortiment auch waschbare Wattepads (reuse). Die sind sogar deutlich angenehmer im Gebrauch, weil sie gar nicht fusseln können, wie es die üblichen Baumwollpads zum Wegwerfen manchmal tun.

Je länger ich mich als Zero-Waste-Anhänger versuche, umso mehr entwickle ich eine Routine. Trotzdem passiert es mir immer wieder, dass ich etwas einkaufen will, das ich unverpackt nicht finde. „Es ist einfacher, wenn man das einkauft, was es unverpackt gibt, und dann überlegt, was man daraus machen kann”, sagt mir Luise von Trashless Society. Ich verabschiede mich also davon, nach bekannten Rezepten zu kochen, und lasse mich darauf ein, wieder kreativer zu werden.

Unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Gemüse sind meistens unverpackt. Foto: Catharina Rudschies

Als Resultat kaufe ich oft gesünder ein, als ich es sonst getan hätte: Ich kaufe viel Obst, Gemüse, alternative Getreide wie Hirse und nicht behandeltes Fleisch. Dazu landen mehr Bio-Produkte in meiner Tasche, weil sich das unverpackte und das Bio-Sortiment oft überschneiden. Da ich vorher nur teilweise Bio-Produkte gekauft habe, merke ich das aber auch in meinem Portemonnaie. Unverpackt zu leben, heißt in meinem Fall, mehr Geld für Lebensmittel auszugeben.

Routine zum Verzicht

Trotz der zunehmenden Routine vermisse ich manchmal die Leichtigkeit des spontanen Einkaufens. Hat man keine Behälter dabei, ist ein unverpackter Einkauf ziemlich schwierig. Kommt man abends erst um 20 Uhr nach Hause, sind alle Bio- und Unverpacktläden geschlossen. Dann bleibt mir nur ein Gang in den üblichen Supermarkt und dort ist die Auswahl relativ gering.

An solchen Tagen fällt das Abendessen etwas spärlicher aus – oder um im Fachjargon der 5Rs zu bleiben: reduziert. Zero Waste bedeutet Minimalismus und Verzicht. Mir fällt in diesen Tagen auf, dass das in einigen Situationen gar nicht so schwierig ist. Kassenzettel, Einkaufstüten für Obst, Teebeutel und das Eis im Becher – alles Müll, der sich relativ leicht und schmerzlos vermeiden lässt.

Mein Fazit ist: Nachdenken und Ausprobieren lohnt sich und haftet. Als ich das erste Mal nach dem Selbsttest in den Supermarkt gehe, freue ich mich, wieder ohne viel Nachdenken einzukaufen. Vor dem Kühlregal wandert meine Hand plötzlich intuitiv zum Joghurt im Glas.

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