Klimaprotest in Eimsbüttel – Widerstands-Kollektiv sorgt mit Aktionen für Diskussionen
Legitimer Klimaprotest oder Sabotage? Die Aktionen des Widerstands-Kollektivs haben in Eimsbüttel für Aufsehen und Diskussionen gesorgt.
Von Ella SchinkelPlatte SUV-Reifen, aufgemalte Zebrastreifen und mitten auf der Straße abgestellte Fahrräder: In der vergangenen Woche wurde Eimsbüttel immer wieder zum Schauplatz von Klimaprotesten. Hinter den Aktionen steckt das Widerstands-Kollektiv. Was sagen die Aktivistinnen und Aktivisten selbst zu ihren Aktionen und wie bewerten Polizei und Eimsbüttels Fraktionen den Protest?
Platte Reifen in Pöseldorf
Montagmorgen, 27. September: Platte Reifen und ein Bekennerschreiben auf der Windschutzscheibe. Die Auftaktaktion des Widerstands-Kollektivs traf mehrere SUV-Fahrer im Eimsbütteler Stadtteil Pöseldorf. Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe hatten mithilfe roter Linsen die Luft aus den Reifen gelassen.
Die Gruppe kritisiert die Nutzung der großen Fahrzeuge in der Innenstadt. Aufgrund ihres hohen Gewichts hätten sie einen stärkeren Reifenabrieb und sorgten damit für eine hohe Feinstaubbelastung.
Ein neuer Zebrastreifen im Grindelviertel
Mittwochmorgen, 30. September: Auf ihrem Schulweg begegnete einigen Kindern ein neuer Zebrastreifen. Das Widerstands-Kollektiv hatte ihn in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch selbst auf die Straße gemalt.
Damit stelle das Kollektiv sicher, dass Fußgängerinnen und Fußgänger die Straße wieder sicher überqueren können, heißt es von den Aktivisten. Der Zebrastreifen wurde laut Polizei an der Schlüterstraße 22, Ecke Johnsallee, im Grindelviertel angebracht. Nach Angaben des Kollektivs hatte sich dort zuvor bereits ein offizieller Zebrastreifen befunden, der wieder entfernt worden war.
Die Polizei ermittelt in beiden Fällen wegen des Verdachts auf einen gefährlichen Eingriff in den Straßenverkehr, im Fall der SUVs zudem wegen des Verdachts auf Sachbeschädigung.
Weitere Aktionen polizeilich nicht relevant
Mittwoch, 30. September: Elf Personen auf Fahrrädern umrundeten immer wieder einen Kreisverkehr in der Sternschanze. Auf den Rädern saßen Aktivistinnen und Aktivisten des Kollektivs. Ihr Ziel: den Verkehr zu beruhigen, um nach eigener Aussage Fußgänger und Fahrradfahrer zu schützen.
Donnerstagnachmittag, 1. Oktober: „Bin noch kurz beim Bäcker“ stand auf einem der Schilder, die an mehreren Fahrrädern angebracht waren. Die Räder standen an drei Stellen im Schanzen- und Grindelviertel auf der Straße, teilweise quer auf der Fahrbahn. Die vierte und letzte Aktion des Widerstands-Kollektivs in dieser Woche solle auf eine alltägliche Situation aufmerksam machen, berichtet eine Aktivistin: Autos, die kurzzeitig auf der Straße oder auf Radwegen halten. Das führe zu gefährlichen Situationen für Fahrradfahrende. Ihnen würden Sicht und Weg versperrt, zudem seien sie dadurch teilweise darauf angewiesen, auf die Gegenfahrbahn auszuweichen.
Beide Aktionen sind der Polizei zwar bekannt. Auf Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten teilte ein Pressesprecher jedoch mit, bei den örtlich zuständigen Polizeikommissariaten seien keine entsprechenden Einsätze verzeichnet worden.
Wer steckt hinter dem Widerstands-Kollektiv?
Das Widerstands-Kollektiv ist eine Bewegung, die sich Ende Februar 2025 als eines von zwei Nachfolgeprojekten der Letzten Generation gegründet hat. Im Fokus steht nach eigenen Angaben ein gerechter Klimaschutz.
Die Gruppe beschreibt die Klimakrise als soziale, ökologische und demokratische Krise. Anders als zuvor die Letzte Generation wolle sie jedoch nicht mehr in erster Linie Druck auf die Regierung ausüben. Stattdessen verfolge das Kollektiv den Ansatz, seine Vorstellungen von Klimaschutz durch eigene Aktionen unmittelbar umzusetzen.
Dabei setze die Gruppe auf unterschiedliche Protestformen. Nach eigenen Angaben sollen beispielsweise Parkplätze in Grünflächen umgewandelt oder Radwege auf die Straße gemalt werden. Zudem richten sich Aktionen gegen Unternehmen und Einrichtungen, denen das Kollektiv klimaschädliches Handeln vorwirft. Dazu zählen etwa Besetzungen von Konzernzentralen, Flughäfen oder Baustellen.
Was sagt Eimsbüttels Politik dazu?
Die Reaktionen aus den Eimsbütteler Fraktionen fallen teils kritisch aus. Aus der FDP-Fraktion heißt es zwar, politischer Protest sei legitim, auch wenn er „laut, unbequem und provokant“ sei. Werde jedoch fremdes Eigentum manipuliert, würden Verkehrsflächen eigenmächtig verändert oder andere Menschen gefährdet, sei eine Grenze überschritten. Die Fraktion verurteile die jüngsten Eingriffe in Eigentum und Mobilität im Schanzen- und Grindelviertel deutlich.
„Wer die Akzeptanz für den Klimaschutz in der Breite der Gesellschaft erhalten will, muss die Menschen mitnehmen, anstatt sie zu schikanieren“, sagte Benjamin Schwanke, Vorsitzender der FDP-Fraktion auf Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten.
Auch Gabor Gottlieb, Vorsitzender der SPD-Fraktion, äußerte sich kritisch. Wer nachts Dutzenden Menschen die Luft aus den Reifen lasse, gestalte keine Verkehrspolitik, sondern verlasse den Boden des demokratischen Streits. Das sei kein Beitrag zur Verkehrswende, sondern schade dieser. Klimaschutz sei für die SPD ein zentrales politisches Anliegen. Wer dafür streite, solle mit Argumenten überzeugen, nicht mit Sabotage.
Verständnis bei Volt
Verständnisvoller äußerten sich dagegen die Fraktionsvorsitzenden Kira Junge und Sören Horn von Volt. Die Fraktion könne den aktivistischen Weg der Gruppe aufgrund des hohen Maßes an Frustration und Zukunftsangst, insbesondere bei jüngeren Generationen, in Teilen nachvollziehen. Aktionen, die eine strafrechtliche Verfolgung nach sich ziehen, entsprächen grundsätzlich jedoch nicht dem Weg der Partei.
Man verfolge zwar ähnliche Ziele, der Fokus liege jedoch auf der Ausschöpfung legitimer demokratischer Mittel. Die Aktionen würden aber in erster Linie die Dringlichkeit des politischen Handlungsbedarfs zeigen, zudem, dass das Vertrauen diesbezüglich in die Politik stark gesunken sei.
Die Redaktion hat ebenfalls die Fraktionen der Linken, Grünen und CDU um Stellungnahme gebeten. Bis zur Veröffentlichung des Artikels lagen jedoch keine Rückmeldungen vor.
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