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Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard
Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard
Bestattungen

„Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod stiftet Bewusstheit“

Tod, Trauer, Abschied. Mit diesen Themen beschäftigt sich Bestatter Christian Hillermann jeden Tag. Im Interview spricht er darüber, wie er frischen Wind in die Bestattungslandschaft bringen möchte.

Von Tanja Schreiner

Eimsbütteler Nachrichten: Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Christian Hillermann: Zum einen finde ich den Beruf sehr sinnstiftend. Menschen in einer emotionalen Situation zur Seite stehen zu dürfen, ist sehr befriedigend – ganz besonders, wenn es gelingt und man unmittelbares, positives Feedback bekommt. Das ist sehr dankbar.

Ein weiterer Punkt ist, dass der Beruf sehr abwechslungsreich ist. Es geht los mit den Arbeitsorten, die täglich wechseln: vom Büroarbeitsplatz, über Sterbeorte, zu unseren Kühl- und Versorgungsräumen und letztlich den Friedhöfen. Jeder Tag hat eigentlich von allen Ebenen etwas und das lässt keine Langeweile aufkommen.

Als Letztes finde ich es persönlich angenehmer, in einem Feld zu arbeiten, das ein Stück weit am Rande unserer grellen, bunten, lauten und für meinen Geschmack manchmal zu schnelllebigen Zeit stattfindet. Der Bereich Sterben und Trauer ist ein Grenzbereich, da möchte niemand so genau hinschauen und eigentlich auch nichts damit zu tun haben – außer den Leuten, die selbst in dem Beruf tätig sind. Es ist ein Arbeitsfeld, in dem die Menschen höflich miteinander umgehen und offen und zärtlich sind und das genieße ich.

Eimsbütteler Nachrichten: Wollten Sie schon immer Bestatter werden?

Christian Hillermann: Zu dem Beruf bin ich eher aus Zufall gekommen. Ich habe Pädagogik studiert und war früher in der Schwerstbehindertenassistenz tätig. Bei eigenen Erfahrungen mit Sterbefällen im Freundes- und Familienkreis kam ich in Kontakt mit traditionellen Bestattern. Dabei habe ich gemerkt, dass mir persönlich diese Art der Dienstleistung überhaupt nicht gefällt. Daraus ist dann der Gedanke geboren, dass das vielleicht ein Arbeitsfeld ist, in dem ich nicht nur selbst arbeiten kann, sondern auch ein verändertes Konzept umsetzen und frischen Wind in die Bestattungslandschaft bringen könnte.

Eimsbütteler Nachrichten: Ihr Unternehmen heißt „Trostwerk – andere Bestattungen“. Was ist bei Ihnen anders als bei herkömmlichen Bestattungsunternehmen?

Christian Hillermann: Ein Punkt ist, dass wir den Bereich Trauerbegleitung in unsere Bestattungsdienstleistung mit einbezogen haben. Früher war das eine klassische Trennung: die Bestatter sind für das Organisatorische zuständig und halten eine emotionale Distanz zu den Angehörigen, auch zu ihrem eigenen Schutz. Für das Emotionale sind die Kirche und das persönliche Umfeld zuständig. Den Gedanken, dass es wichtig ist, die Angehörigen vom ersten Tag an professionell zu begleitet, gibt es in der Sterbebegleitung schon länger. Wir wollten diesen Ansatz auf das Bestattungswesen übertragen. Wir haben nicht nur ein Gespräch mit einer Familie, sondern begleiten sie wirklich über drei bis vier Wochen intensiv. Da finden tolle Begegnungen und kurze Kennenlern-Prozesse statt. Das hat manchmal etwas quasi Therapeutisches. Gerade wenn es Menschen schlecht geht, können sie sich oft einer fremden Person viel einfacher öffnen als ihrem vertrauten Umfeld.

Ein Schwerpunkt des Trostwerks ist die Trauerbegleitung. Foto: Kim Howard
Ein Schwerpunkt des Trostwerks ist die Trauerbegleitung. Foto: Kim Howard

Ein zweiter Punkt ist, dass wir für einen Umgang mit den Toten plädieren. Das heißt, dass man Menschen, die gerade gestorben sind, gleichwohl weiter als Personen wahrnehmen sollte – zumindest für ein paar Tage. 80 Prozent aller Menschen sterben in Krankenhäusern. Danach hat man noch zwei bis drei Stunden Zeit, am Bett zu sitzen, aber dann war es das oft und die Toten sind bis zur Beerdigung verschwunden. Wir stehen ganz stark dafür, dass es wichtig und heilsam ist, sich von den toten Menschen zu verabschieden. Das ist ein wesentlicher Baustein für die Psyche, dass man den Tod wirklich auch sehen kann und dadurch anders begreift, dass der Mensch, der gestorben ist, nicht mehr die Person ist, die wir geschätzt und geliebt haben. In der Trauer geht es grundsätzlich darum, trennen zu lernen zwischen dem, was ich loslassen muss – das Körperliche – und dem, was ich auch weiter lebendig halten muss – das Psychische, die Erinnerung, die eigene Beziehung zu jemandem.

Ein letzter Punkt ist, dass wir sehr viel offener sind und viele kreative Angebote machen zu sehr persönlichen und individuellen Arten der Verabschiedung und der Feierlichkeiten.

Eimsbütteler Nachrichten: Bei Ihnen können Angehörige sogar selbst den Sarg des Verstorbenen gestalten. Inwiefern hilft das bei der Trauerarbeit?

Christian Hillermann: Wenn jemand stirbt, ist man generell als Betroffener in einer starken emotionalen Ausnahmesituation. Da ist einfach viel psychische Energie in einem gefangen. Meines Erachtens ist das gut, wenn diese Energie raus darf. Dafür bieten sich neben Weinen, Klagen etc. auch kreative Handlungen wunderbar an. Das geht schon mit der Auswahl der Musik, der Blumen und der Dekoration für die Feier los. Da ist es wichtig die Angehörigen mit einzubeziehen und sie nicht nur zwischen fünf Blumenbouquets wählen zu lassen, sondern immer wieder von Grund auf zu fragen: Was braucht ihr jetzt, was tut euch gut?

Für die einen ist das dann nur der Gang zum Blumengeschäft, die anderen bemalen die Särge oder gestalten Trauerkarten. Auch bei der Vorbereitung der Trauerfreier gibt es eine ganze Menge von Möglichkeiten. Früher wurde das einfach gar nicht angeboten, weil Bestattungsunternehmen sich einfacher damit tun, sich diese Fragen gar nicht zu stellen. Man muss auch nicht jede Trauerfeier in einer Friedhofskappelle oder in der Kirche machen. Wir haben zum Beispiel schon Abschiedsfeiern in Stadtteilzentren, Theatern oder auf einer Elbbarkasse gefeiert.

Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard
Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard

Eimsbütteler Nachrichten: Im Mai haben Sie in der Osterstraße das „Abschiedshaus“ eröffnet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Christian Hillermann: Das Abschiedshaus ist ein lang gehegter Traum, den wir uns erfüllt haben. Wir haben schon seit vielen Jahren zwei Geschäfte, einmal in Eimsbüttel und einmal in Eppendorf. In Hamburg ist es so, dass die Bestattungsunternehmen selbst eigentlich keine eigenen Räume für die Verstorbenen hatten. Das hat dazu geführt, dass man die Verstorbenen vom Sterbebett abgeholt hat und zu einem Friedhof gebracht hat und dort waren die Toten dann. Dort gab es aber oft nur mittelmäßige Gelegenheiten für Angehörige, sich gut zu verabschieden, weil diese Orte auch nicht dafür vorgesehen waren. Mit dem Abschiedshaus haben wir einen Ort geschaffen, an dem alle unsere Funktionsbereiche unter einem Dach sind: das Büro, das Lager und die Kühlräume. Jetzt können wir die Verstorbenen wirklich auch zu uns holen und den Angehörigen eine Möglichkeit geben, sich von ihren Toten zu verabschieden. Bei Bedarf können sie sogar Schlüssel für die Räumlichkeiten kriegen und ein paar Tage selbstständig ein- und ausgehen.

Eimsbütteler Nachrichten: Welche Art der Bestattung wählen Ihre Kunden am häufigsten?

Christian Hillermann: Als Grundbestattungen gibt es im Grunde nur die Erdbestattung oder die Feuerbestattung. Bei der Feuerbestattung gibt es dann weitere Möglichkeiten: die Urne auf dem Friedhof zu begraben, in einer Seebestattung die Urne ins Wasser zu geben oder eine naturnahe Waldbestattung. In Hamburg finden etwa 75 Prozent Feuerbestattungen und 25 Prozent Erdbestattungen statt.

Im Abschiedshaus können sich Angehörige von den Verstorbenen verabschieden. Foto: Jan Hildebrandt
Im Abschiedshaus können sich Angehörige von den Verstorbenen verabschieden. Foto: Jan Hildebrandt

Eimsbütteler Nachrichten: Sie beschäftigen sich jeden Tag mit dem Tod. Wie gehen Sie persönlich damit um – macht Sie das nicht traurig?

Christian Hillermann: Nein, ganz im Gegenteil. Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod stiftet mir Bewusstheit. Sich über seine eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein ist ein wunderbarer Lehrmeister dafür, das eigene Leben stets darauf zu überprüfen, ob man es so führt, dass man damit glücklich und zufrieden ist – und wenn das nicht der Falls ist, was man dafür tun kann, das zu ändern. Diese Chance begegnet vielen Menschen leider erst dann, wenn sie eine Krankheitsdiagnose haben oder in der Familie von einem Sterbefall betroffen sind. Dann stellt man sich Fragen wie: Was hätte ich mit der Person noch alles erleben wollen? Warum habe ich nicht? Dieses Wissen darum, dass das Leben endlich ist, stiftet einfach ganz viel Wertschätzung darüber, dass ich selbst gerade lebe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber natürlich gibt es im Berufsalltag auch stressige Situationen und durch das Mitfühlen in der Beratungsarbeit entsteht eine Art Mitbelastung. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die gerade sehr traurig oder erschüttert sind, perlt das nicht ohne weiteres an mir ab. Da ist immer wieder ein Mitschwingen von traurigen Gefühlen drin. Aber auch das hält sich bei mir die Waage, denn wir kriegen in diesem Arbeitsfeld ein sehr schnell greifbares Feedback. Wir begleiten meist etwa drei bis fünf Familien parallel. Da fängt man vielleicht bei einer Familie gerade an und bei einer anderen Familie ist man schon beim Abschlussgespräch. Dann hat man beispielsweise vormittags ein Gespräch, das einen sehr mitnimmt und am Nachmittag habe ich dann aber ein Gespräch mit einer anderen Familie, die mich mit Freundlichkeit und Lob überschüttet.

Wenn man als Bestatter arbeitet ist es generell eine Frage der inneren Einstellung, ob man das Thema Tod sinnstiftend und positiv in das eigene Leben integriert, oder selbst innerlich dagegen ankämpft.

Mehr Informationen zum Trostwerk gibt es hier.

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