arrow_back_ios Eimsbütteler Nachrichten
fullscreen „Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod stiftet Bewusstheit“
Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard

Bestattungen

„Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod stiftet Bewusstheit“

Tod, Trauer, Abschied. Mit diesen Themen beschäftigt sich Bestatter Christian Hillermann jeden Tag. Im Interview spricht er darüber, wie er frischen Wind in die Bestattungslandschaft bringen möchte.

schedule Lesezeit ca. 6 min.

Eimsbütteler Nachrichten: Was gefällt Ihnen an Ihrem Beruf?

Christian Hillermann: Zum einen finde ich den Beruf sehr sinnstiftend. Menschen in einer emotionalen Situation zur Seite stehen zu dürfen, ist sehr befriedigend – ganz besonders, wenn es gelingt und man unmittelbares, positives Feedback bekommt. Das ist sehr dankbar.

Ein weiterer Punkt ist, dass der Beruf sehr abwechslungsreich ist. Es geht los mit den Arbeitsorten, die täglich wechseln: vom Büroarbeitsplatz, über Sterbeorte, zu unseren Kühl- und Versorgungsräumen und letztlich den Friedhöfen. Jeder Tag hat eigentlich von allen Ebenen etwas und das lässt keine Langeweile aufkommen.

Als Letztes finde ich es persönlich angenehmer, in einem Feld zu arbeiten, das ein Stück weit am Rande unserer grellen, bunten, lauten und für meinen Geschmack manchmal zu schnelllebigen Zeit stattfindet. Der Bereich Sterben und Trauer ist ein Grenzbereich, da möchte niemand so genau hinschauen und eigentlich auch nichts damit zu tun haben – außer den Leuten, die selbst in dem Beruf tätig sind. Es ist ein Arbeitsfeld, in dem die Menschen höflich miteinander umgehen und offen und zärtlich sind und das genieße ich.

 

Eimsbütteler Nachrichten: Wollten Sie schon immer Bestatter werden?

Christian Hillermann: Zu dem Beruf bin ich eher aus Zufall gekommen. Ich habe Pädagogik studiert und war früher in der Schwerstbehindertenassistenz tätig. Bei eigenen Erfahrungen mit Sterbefällen im Freundes- und Familienkreis kam ich in Kontakt mit traditionellen Bestattern. Dabei habe ich gemerkt, dass mir persönlich diese Art der Dienstleistung überhaupt nicht gefällt. Daraus ist dann der Gedanke geboren, dass das vielleicht ein Arbeitsfeld ist, in dem ich nicht nur selbst arbeiten kann, sondern auch ein verändertes Konzept umsetzen und frischen Wind in die Bestattungslandschaft bringen könnte.

 

Eimsbütteler Nachrichten: Ihr Unternehmen heißt “Trostwerk – andere Bestattungen“. Was ist bei Ihnen anders als bei herkömmlichen Bestattungsunternehmen?

Christian Hillermann: Ein Punkt ist, dass wir den Bereich Trauerbegleitung in unsere Bestattungsdienstleistung mit einbezogen haben. Früher war das eine klassische Trennung: die Bestatter sind für das Organisatorische zuständig und halten eine emotionale Distanz zu den Angehörigen, auch zu ihrem eigenen Schutz. Für das Emotionale sind die Kirche und das persönliche Umfeld zuständig. Den Gedanken, dass es wichtig ist, die Angehörigen vom ersten Tag an professionell zu begleitet, gibt es in der Sterbebegleitung schon länger. Wir wollten diesen Ansatz auf das Bestattungswesen übertragen. Wir haben nicht nur ein Gespräch mit einer Familie, sondern begleiten sie wirklich über drei bis vier Wochen intensiv. Da finden tolle Begegnungen und kurze Kennenlern-Prozesse statt. Das hat manchmal etwas quasi Therapeutisches. Gerade wenn es Menschen schlecht geht, können sie sich oft einer fremden Person viel einfacher öffnen als ihrem vertrauten Umfeld.

 

Ein Schwerpunkt des Trostwerks ist die Trauerbegleitung. Foto: Kim Howard
Ein Schwerpunkt des Trostwerks ist die Trauerbegleitung. Foto: Kim Howard

 

Ein zweiter Punkt ist, dass wir für einen Umgang mit den Toten plädieren. Das heißt, dass man Menschen, die gerade gestorben sind, gleichwohl weiter als Personen wahrnehmen sollte – zumindest für ein paar Tage. 80 Prozent aller Menschen sterben in Krankenhäusern. Danach hat man noch zwei bis drei Stunden Zeit, am Bett zu sitzen, aber dann war es das oft und die Toten sind bis zur Beerdigung verschwunden. Wir stehen ganz stark dafür, dass es wichtig und heilsam ist, sich von den toten Menschen zu verabschieden. Das ist ein wesentlicher Baustein für die Psyche, dass man den Tod wirklich auch sehen kann und dadurch anders begreift, dass der Mensch, der gestorben ist, nicht mehr die Person ist, die wir geschätzt und geliebt haben. In der Trauer geht es grundsätzlich darum, trennen zu lernen zwischen dem, was ich loslassen muss – das Körperliche – und dem, was ich auch weiter lebendig halten muss – das Psychische, die Erinnerung, die eigene Beziehung zu jemandem.

Ein letzter Punkt ist, dass wir sehr viel offener sind und viele kreative Angebote machen zu sehr persönlichen und individuellen Arten der Verabschiedung und der Feierlichkeiten.

 

Eimsbütteler Nachrichten: Bei Ihnen können Angehörige sogar selbst den Sarg des Verstorbenen gestalten. Inwiefern hilft das bei der Trauerarbeit?

Christian Hillermann: Wenn jemand stirbt, ist man generell als Betroffener in einer starken emotionalen Ausnahmesituation. Da ist einfach viel psychische Energie in einem gefangen. Meines Erachtens ist das gut, wenn diese Energie raus darf. Dafür bieten sich neben Weinen, Klagen etc. auch kreative Handlungen wunderbar an. Das geht schon mit der Auswahl der Musik, der Blumen und der Dekoration für die Feier los. Da ist es wichtig die Angehörigen mit einzubeziehen und sie nicht nur zwischen fünf Blumenbouquets wählen zu lassen, sondern immer wieder von Grund auf zu fragen: Was braucht ihr jetzt, was tut euch gut?

Für die einen ist das dann nur der Gang zum Blumengeschäft, die anderen bemalen die Särge oder gestalten Trauerkarten. Auch bei der Vorbereitung der Trauerfreier gibt es eine ganze Menge von Möglichkeiten. Früher wurde das einfach gar nicht angeboten, weil Bestattungsunternehmen sich einfacher damit tun, sich diese Fragen gar nicht zu stellen. Man muss auch nicht jede Trauerfeier in einer Friedhofskappelle oder in der Kirche machen. Wir haben zum Beispiel schon Abschiedsfeiern in Stadtteilzentren, Theatern oder auf einer Elbbarkasse gefeiert.

 

Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard
Beim Trostwerk können Angehörige den Sarg des Verstorbenen mitgestalten. Foto: Kim Howard

 

Eimsbütteler Nachrichten: Im Mai haben Sie in der Osterstraße das “Abschiedshaus“ eröffnet. Was kann man sich darunter vorstellen?

Christian Hillermann: Das Abschiedshaus ist ein lang gehegter Traum, den wir uns erfüllt haben. Wir haben schon seit vielen Jahren zwei Geschäfte, einmal in Eimsbüttel und einmal in Eppendorf. In Hamburg ist es so, dass die Bestattungsunternehmen selbst eigentlich keine eigenen Räume für die Verstorbenen hatten. Das hat dazu geführt, dass man die Verstorbenen vom Sterbebett abgeholt hat und zu einem Friedhof gebracht hat und dort waren die Toten dann. Dort gab es aber oft nur mittelmäßige Gelegenheiten für Angehörige, sich gut zu verabschieden, weil diese Orte auch nicht dafür vorgesehen waren. Mit dem Abschiedshaus haben wir einen Ort geschaffen, an dem alle unsere Funktionsbereiche unter einem Dach sind: das Büro, das Lager und die Kühlräume. Jetzt können wir die Verstorbenen wirklich auch zu uns holen und den Angehörigen eine Möglichkeit geben, sich von ihren Toten zu verabschieden. Bei Bedarf können sie sogar Schlüssel für die Räumlichkeiten kriegen und ein paar Tage selbstständig ein- und ausgehen.

 

Eimsbütteler Nachrichten: Welche Art der Bestattung wählen Ihre Kunden am häufigsten?

Christian Hillermann: Als Grundbestattungen gibt es im Grunde nur die Erdbestattung oder die Feuerbestattung. Bei der Feuerbestattung gibt es dann weitere Möglichkeiten: die Urne auf dem Friedhof zu begraben, in einer Seebestattung die Urne ins Wasser zu geben oder eine naturnahe Waldbestattung. In Hamburg finden etwa 75 Prozent Feuerbestattungen und 25 Prozent Erdbestattungen statt.

 

Im Abschiedshaus können sich Angehörige von den Verstorbenen verabschieden. Foto: Jan Hildebrandt
Im Abschiedshaus können sich Angehörige von den Verstorbenen verabschieden. Foto: Jan Hildebrandt

 

Eimsbütteler Nachrichten: Sie beschäftigen sich jeden Tag mit dem Tod. Wie gehen Sie persönlich damit um – macht Sie das nicht traurig?

Christian Hillermann: Nein, ganz im Gegenteil. Die tägliche Auseinandersetzung mit dem Tod stiftet mir Bewusstheit. Sich über seine eigenen Sterblichkeit bewusst zu sein ist ein wunderbarer Lehrmeister dafür, das eigene Leben stets darauf zu überprüfen, ob man es so führt, dass man damit glücklich und zufrieden ist – und wenn das nicht der Falls ist, was man dafür tun kann, das zu ändern. Diese Chance begegnet vielen Menschen leider erst dann, wenn sie eine Krankheitsdiagnose haben oder in der Familie von einem Sterbefall betroffen sind. Dann stellt man sich Fragen wie: Was hätte ich mit der Person noch alles erleben wollen? Warum habe ich nicht? Dieses Wissen darum, dass das Leben endlich ist, stiftet einfach ganz viel Wertschätzung darüber, dass ich selbst gerade lebe. Dafür bin ich sehr dankbar.

Aber natürlich gibt es im Berufsalltag auch stressige Situationen und durch das Mitfühlen in der Beratungsarbeit entsteht eine Art Mitbelastung. Wenn ich mit Menschen zu tun habe, die gerade sehr traurig oder erschüttert sind, perlt das nicht ohne weiteres an mir ab. Da ist immer wieder ein Mitschwingen von traurigen Gefühlen drin. Aber auch das hält sich bei mir die Waage, denn wir kriegen in diesem Arbeitsfeld ein sehr schnell greifbares Feedback. Wir begleiten meist etwa drei bis fünf Familien parallel. Da fängt man vielleicht bei einer Familie gerade an und bei einer anderen Familie ist man schon beim Abschlussgespräch. Dann hat man beispielsweise vormittags ein Gespräch, das einen sehr mitnimmt und am Nachmittag habe ich dann aber ein Gespräch mit einer anderen Familie, die mich mit Freundlichkeit und Lob überschüttet.

Wenn man als Bestatter arbeitet ist es generell eine Frage der inneren Einstellung, ob man das Thema Tod sinnstiftend und positiv in das eigene Leben integriert, oder selbst innerlich dagegen ankämpft.

 

Mehr Informationen zum Trostwerk gibt es hier.

 

 

Anzeige

News

21. Februar 2019

Verkehr
Veloroute 2: Bäume im Langenfelder Damm gefällt

Im Langenfelder Damm stehen Veränderungen an: Im Zuge des Ausbaus der Veloroute 2 werden Bäume gefällt und gepflanzt, Parkplätze fallen weg und es wird ein Kreisel gebaut. Die ersten Bäume ...

Nele Deutschmann
21. Februar 2019

Schließung
Abschied vom “Die Pampi Café” im Hellkamp

Wieder schließt ein Café seine Türen: Das "Die Pampi Café" im Hellkamp hat heute zum letzten Mal geöffnet, der Mietvertrag wurde nicht verlängert. ...

Vanessa Leitschuh
20. Februar 2019

Guter Zweck
Kaifu-Lodge sammelt 4.500 Euro Spenden

Letzten Samstag hat die Kaifu-Lodge unter dem Motto "Schwitzen für den guten Zweck" einen Spendentag veranstaltet. Insgesamt kamen dabei 4.500 Euro an Spendengeldern zusammen. ...

Anna Korf
19. Februar 2019

Buchveröffentlichung
Ein Jahr mit Loki Schmidt

Botanikerin, Naturschützerin, Lehrerin: Loki Schmidt war mehr als nur die Gattin des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Mit dem Buch "Ein Jahr mit Loki" hat der Eimsbütteler Autor Lothar Frenz ein ...

Vanessa Leitschuh
19. Februar 2019

Infrastruktur
Niendorf bekommt ersten Bürgerbus in Hamburg

Der Osten Niendorfs ist das Zuhause von 5000 Hamburgern. Dennoch ist der Bereich in der Nähe des Flughafens schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Das soll sich in Zukunft mit ...

Anna Korf
18. Februar 2019

Protest
Osterstraße: Linke-“Putzkolonne” säubert das Abrisshaus

Abgeordnete der Linken Eimsbüttel haben am Wochenende gegen den geplanten Abriss des Hauses Osterstraße 162 demonstriert. Stattdessen fordern sie die Sanierung des Gebäudes. ...

Alicia Wischhusen
16. Februar 2019

Wohnungsbau
Ein Quantum Frust: Kleingärten an der Julius-Vosseler-Straße abgerissen

Bis Ende November mussten die Kleingärtner an der Julius-Vosseler-Straße ihre Lauben geräumt haben - nun wurden die ersten Lauben abgerissen. Der Frust der Gegner des dort zu errichtenden Neubaus beruht ...

Fabian Hennig
15. Februar 2019

Diebstahlhochburg
Fahrraddiebstähle 2018: Eimsbüttel wieder führend

Im Stadtteil Eimsbüttel wurden 2018 wieder einmal die meisten Fahrräder gestohlen. Das ergab eine "Kleine Anfrage" von Dennis Thering (CDU) an den Senat. Insgesamt wurden im Bezirk allerdings deutlich weniger ...

Fabian Hennig
15. Februar 2019

Raubüberfall
Raubüberfall in Eimsbüttel-Süd: Polizei fahndet nach Täter

Gestern Morgen haben zwei Männer einen 55-jährigen Anwohner der Schäferstraße überfallen und dabei gewaltsam eine vierstellige Geldsumme entwendet. Die Polizei sucht nach Zeugen. ...

Anna Korf
14. Februar 2019

Schließung
“Melissa Kebab Haus”: Döner-Imbiss in der Osterstraße schließt

Nach zwölf Jahren Betrieb muss der Dönerladen "Melissa Kebab Haus" in der Osterstraße schließen. Grund dafür ist die Umstrukturierung des Gebäudes. ...

Alicia Wischhusen
14. Februar 2019

Valentinstag
Dating in Eimsbüttel: Und was machst du so?

Eimsbüttel ist Online-Dating Hochburg - Doch wie sieht es mit dem Offline-Flirten aus? Face-to-Face und Speed-Dating bieten eine Alternative. Liebessuchende können an solchen Veranstaltungen auch in Eimsbüttel teilnehmen. Ein Selbstversuch. ...

Eimsbütteler Nachrichten
13. Februar 2019

Stadtentwicklung
Beiersdorfer Stadtquartier: Bürgervertreter für Jury gesucht

Am kommenden Samstag werden die Ergebnisse aus den Themenwerkstätten für das künftige Beiersdorf-Quartier an der Unnastraße vorgestellt. Interessierte können sich bis Donnerstagabend sogar noch für einen Juryposten als Bürgervertreter bewerben. ...

Fabian Hennig
13. Februar 2019

Neuveröffentlichung
Jugendbuch: “Du lernst viel über Freundschaft, Fairness und Loyalität”

"Traumtreffer" heißt ein neues Jugendbuch des Hamburger Autors Julien Wolff. Der Titel verrät es gleich, es geht um Fußball. Genauer um den 15-jährigen Leon, der Profi-Fußballer werden will. ...

Eimsbütteler Nachrichten
12. Februar 2019

Film
“Reiss aus” in den Kinos

Lena und Ulli haben sich ihren Traum verwirklicht, eine Auszeit genommen und sind durch Afrika gereist. Aus dem Videotagebuch der Reise ist der Film “Reiss aus” entstanden, der im März ...

Nele Deutschmann

Unsere Partner

Anzeige