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fullscreen Dieter Schreck: Das Herz von Eimsbüttel
Dieter Schreck auf der Auswechselbank des ETVs am Lokstedter Steindamm. Foto: Fabian Hennig

Porträt

Dieter Schreck: Das Herz von Eimsbüttel

Dieter Schreck wandelt durch die Geschichte der letzten 78 Jahre, als hätte es für ihn nichts Leichteres gegeben. Dabei blickt er auf ein ereignisreiches Leben zurück. Ein Porträt über einen Mann, der in seinem Leben viel erlebt und erreicht hat. Ein Porträt aus unserem Magazin #10.

schedule Lesezeit ca. 7 min.

An einem Nachmittag im Dezember sitzt Dieter Schreck in seinem Kabuff des Sportplatzes am Lokstedter Steindamm. Am Ende des langgezogenen Backsteingebäudes, das die Kabinen wie auch einen kleinen Kiosk beinhaltet, hat Schreck sich ein kleines Büro eingerichtet. Etliche Pokale stehen herum, ein altes Ledersofa und ein Teppich aus den Resten des Kunstrasens, der ein paar Meter entfernt auf dem Fußballplatz verlegt wurde. An den Fenstern hängen Rüschengardinen. Es könnte das Fernsehstudio von Arnd Zeigler sein. Dass dieser Raum zu jemandem gehört, der Chef der legendären Trabrennbahn in Horn war, würde niemand erwarten. Völlig unprätentiös regiert Schreck von hier aus den Sportplatz, der Blick von seinem Schreibtisch zu seiner Rechten geht direkt auf das Geläuf.

Während Schreck in seinem Büro sitzt und sein Leben erinnert, erweckt er den Eindruck, ein guter Geschichtenerzähler zu sein. Mit Mick Jagger war er in der Wohnung von Fritz Honka, mit Gerhard Schröder wollte er Kunstrasenplätze in Niedersachsen verkaufen und Helmut Schmidt hat er öfters in Bonn besucht. Er gehört zu den Menschen, die zu jedem Ereignis eine besondere Geschichte haben und damit die Aufmerksamkeit in jeder Gruppe auf sich ziehen.

Blick auf ein ereignisreiches Leben

Dieter Schreck, 78 Jahre alt, schaut auf ein ereignisreiches Leben zurück. Und der junggebliebene Schreck, der gerne eine Cap mit geradem Schirm trägt, erzählt gerne davon. “Bald möchte ich anfangen, meine Biografie zu schreiben”, sagt er stolz. Bislang hat er nur eine Mappe über sich selbst angelegt. Darin enthalten sind Fotos, Briefe, Urkunden, Dankesschreiben und Zeitungsartikel über ihn aus den letzten 50 Jahren. Ein Dutzend auf Computer geschriebene Seiten, die sein Leben zusammenfassen, liegen auch bei.

Die Überschrift: “Dieter Schreck: Erinnerungen an mein Leben”. 30 Jahre lang war er Chef der Horner Pferderennbahn, hat Derby-Veranstaltungen geleitet und dafür gekämpft, dass das Derby in Hamburg bleibt. Über 50 Jahre ist er SPD-Mitglied und hat an der Hamburger Politik mitgewirkt. Im Moment engagiert er sich für das Kinderhospiz Sternenbrücke und leitet eine Selbsthilfegruppe für Prostatakranke am Universitätsklinikum Eppendorf. Seit zehn Jahren ist Schreck ehrenamtlich für den Eimsbütteler Turnverein tätig, seit zwei Jahren für den Osterstraße Verein. Er ist ein arbeitsamer Mensch, der nicht zur Ruhe zu kriegen ist und immer eine Beschäftigung im Leben braucht.

Schreck hat viel zu erzählen

Das meiste, was Schreck erzählt, ist nicht über seine Aufzeichnungen zu erfahren. Dafür sind sie noch zu kurz. Zum Beispiel, dass sein Vater früher zu ihm sagte: “Wenn du deine Ausbildung hinter dir hast, dann musst du in eine Partei und die Gewerkschaft eintreten – und dich ehrenamtlich betätigen.” Zudem seien für ihn Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und Verlässlichkeit immer an erster Stelle gekommen, sagt Schreck. “Und du musst immer für andere Menschen da sein”, trichterte der Senior seinem Jungen ein.

All diese Dinge ziehen sich durch Schrecks Leben wie ein roter Faden. Viele beschreiben ihn als herzlich und einfühlsam – und “Herr der alten Schule”, der auch mal ein Blümchen mitbringt. Desweiteren fallen Komplimente wie graue Eminenz, Opa-Ersatz oder auch einmal “Maskottchen für den Jugendfußball vom ETV” – das ist allerdings nett gemeint. Für den ETV ist Schreck nicht nur Platzwart und 2. Vorsitzender der Fußballabteilung, sondern auch Netzwerker. Und der Verein ist sehr dankbar für Schrecks Engagement, weil er immer noch gute Beziehungen zur Hamburger Politik hat. Aber auch Schreck ist dankbar dafür, dass der ETV ihm so viel Vertrauen entgegenbringt und Verantwortung überträgt. Eine symbiotische Beziehung, die sich über die Jahre entwickelt hat.

Fotostrecke zu Dieter Schreck:

Nach einer schweren Krebserkrankung, bei der ihm die Ärzte nicht mehr viel Zeit gaben, kam Schreck nach vollständiger Heilung 2009 zum ETV. Kurz nachdem die Behandlung abgeschlossen war, sagte Stephan Thoren vom ETV zu Schreck: “Du kannst jetzt nicht zu Hause sitzen und grübeln. Komm zu uns und engagiere dich.” Der Verein übertrug Schreck die Verwaltung und Betreuung des Fußballplatzes am Lokstedter Steindamm. Er teilt den Mannschaften den Platz und die Umkleidekabinen zu, hält die Anlage sauber und fährt gelegentlich mit dem Trecker über den Kunstrasen, um diesen zu plätten. “Das ist eine 40- bis 50-Stundenwoche, denn am Wochenende gibt es ja keine Pause”, sagt Schreck. Am 5. Januar hatte Schreck sein zehnjähriges Jubiläum. Seitdem arbeitet er nur noch 10 Stunden die Woche für den ETV.

Wandel durch die Geschichte

In seinen ersten 50 Jahren ist Schreck durch die deutsche Geschichte gewandelt, als hätte es nichts Leichteres für ihn gegeben. Zumindest klingt es in der Erzählung so. Zweiter Weltkrieg, kalter Krieg, DDR. Einen Bombenangriff auf Hamburg hat Schreck als Kind nur knapp überlebt, versteckt unter einer umgedrehten Mülltonne. Von den Nazis hat die Familie die Todesnachricht vom Vater bekommen, der als Soldat im Kessel von Stalingrad gefallen war. Was sie nicht wussten: Der Vater war geflohen und wurde von Bauern versteckt. “Mein Vater kam nicht 45 nach Hause, sondern stand 47 oder 48 in der Haustür”, erinnert sich Schreck. “Das ist dein Papi”, sagte die Mutter zu Dieter, für den dieser Mann ein Fremder war.

Später verliebte er sich in seine jetzige Ehefrau Barbara, eine Polin, und besuchte sie über Jahrzehnte über die Transitstrecken durch die DDR. Kennengelernt haben die beiden sich in den 1970er Jahren in Bulgarien, als Schreck dort eine Freizeitanlage aufbaute. Für die Deutsche Minigolf-Gesellschaft war Schreck nicht nur im Westen unterwegs, sondern auch in den Ostblockstaaten. Die Anlagen ließ er in der JVA Fuhlsbüttel fertigen.

Eine Prägung für das Leben

Unter dem Strich haben Schreck in seinem Leben zwei Dinge geprägt: Die Freizeit anderer Menschen und die SPD. Und die ließen sich wunderbar kombinieren. Über seine Arbeitserfahrungen mit der Deutschen Minigolf-Gesellschaft und der Internationalen Gartenschau von 1963, bei der Schreck den Freizeitbereich entwickelt hat, kam er zur Horner Rennbahn. Als Herr über die Horner Pferderennbahn hat Schreck viele Menschen kennengelernt. Darunter Königsfamilien, Scheichs, Bundespräsidenten und Unternehmerfamilien.

In seinen Erzählungen fallen viele Namen: Walter Scheel, Roman Herzog, Klaus von Dohnanyi, Mick Jagger, Otto Waalkes, ABBA, Albert Darboven, Michael Schumacher,Vicky Leandros, Horst Tappert, Bryan Adams, Uwe Seeler. Die Liste an Prominenz ist lang – sehr lang. Alles Menschen, die er irgendwann einmal getroffen hat. Doch das funkelnde Leben der Reichen und Schönen hat ihn nie interessiert sagt er: “Für mich sind alle Menschen gleich”. Deswegen behandele er alle Menschen gleich. Vielleicht ist das sein Geheimnis, warum er leichtfüßig durch sein Leben gekommen ist.

In seinen Erzählungen spricht er nur von Olaf, Helmut, Gerhard und Henning. Allesamt SPD-Politiker, von denen man gehört haben sollte. Zu Helmut Schmidt hatte Schreck ein besonderes Verhältnis – und ein sehr langes. Als dieser noch Polizeichef von Hamburg war, lernte er ihn im Rathaus kennen, als Helfer für die Flutkatastrophe gesucht wurden. Schmidt war begeistert über sein Engagement: “Pack an und verteil Decken”.

Danach trat Schreck in die SPD ein und wurde Bezirksamtsmitglied in Bergedorf. In dieser Zeit wurde Schmidt so eine Art Mentor für ihn. Das ging soweit, dass er ihn in seinem Wohnort Langenhorn und später in Bonn als Bundeskanzler öfters besucht hat. Und als Hamburger Innensenator war es Helmut Schmidt, der Schreck nach Horn brachte. “Mach so etwas Schönes aus der Horner Rennbahn wie bei Planten un Blomen bei der IGA”, wünschte sich Schmidt von ihm.

“Mick Jagger war sehr aufgeschlossen”

Die Horner Rennbahn war nicht das Einzige, was Schreck in dieser Zeit vorangebracht hat. Mitte der Neunziger entschied sich Tausendsassa Schreck, Konzerte auf der Bahrenfelder Trabrennbahn zu organisieren. Schreck setze sich für ein Bryan-Adams-Konzert, das aus Sicherheitsgründen abgesagt wurde, bei der Bezirkspolitik ein und überzeugte den damaligen Bezirksamtsleiter, dass der Auftritt doch stattfinden kann.

Der Höhepunkt seiner “Konzertdirektor“- Tätigkeit ist wohl das 1998 stattgefundene Rolling Stones-Event in Bahrenfeld. Hier erinnert er sich besonders an die Kieztour mit Mick Jagger und der Entourage: “Zuerst wollte Mick Jagger in den Silbersack, und dann in die Wohnung von Fritz Honka. Also fuhren wir zu dem Haus und überzeugten den damaligen Bewohner, einen Blick in die Räumlichkeiten zu werfen.” Mick Jagger hatte sich gut vorbereitet auf Hamburg und wusste gut, wohin er wollte, sagt Schreck. Danach ging es noch in den Goldenen Handschuh, in den ehemaligen Star Club und in den Live-Sex-Schuppen Safari. “Er war ziemlich nett und aufgeschlossen”, sagt Schreck.

Schreck ist einer jener Zeitzeugen, die sowohl die schlimmen wie auch die besseren Zeiten der BRD mitbekommen haben. Und die irgendwann nicht mehr über die Vergangenheit berichten können. Die Geschichte Deutschlands wird dann nur noch konserviert wiedergegeben werden. Der aktuelle Rechtsruck, der nun durch die Gesellschaft geht, macht ihm Angst. “In der AfD sind so viele radikale Menschen, die Partei ist durchmischt mit Rechtsradikalen”, sagt Schreck. Obwohl Schreck mit einer rechtspopulistischen Partei auch seine Vergangenheit hat: Zur Bundestagswahl 2002 war Schreck Spitzenkandidat für die Schill-Partei in Schleswig-Holstein. Seine Unzufriedenheit über die SPD-Politik in Hamburg zu der Zeit brachte ihn in die “Partei Rechtsstaatlicher Offensive” von “Richter-Gnadenlos” Ronald Schill.

“Wir wollten gegen die Unordnung und Verlotterung in der Stadt etwas tun”, sagt Schreck. Ein “Fehltritt”, wie er zugibt, der ihm im Nachhinein sehr wehgetan hat. Später hat Schreck sich für das Verhalten von Schill geschämt. Vor allem für dessen skandalöse Rede im Bundestag und dem hinterhältigen Verhalten Ole von Beust gegenüber. Nach diesem kurzen Intermezzo musste sich Schreck seinen Fehler eingestehen – und trat wieder in die SPD ein. Johannes Kahrs ermutigte ihn: “Du hast doch nichts falsch gemacht, komm wieder zurück, Dieter.” Seinem Ansehen hat das nicht geschadet. “Viele aus der SPD machten bei der Schill-Partei mit”, sagt Schreck. Ein Missgriff war es trotzdem.

Stolz auf “seine Jungs” vom ETV

Wovon Schreck oft redet, ist die B-Jugend des ETV, die letzte Saison in die Bundesliga aufgestiegen ist. “Seine Jungs”, sagt er, wenn er über sie redet. Viele mit Migrationshintergrund. Leider hätten sie es gerade sehr schwer gegen die Top-Bundesliga-Vereine zu gewinnen. Hertha BSC, HSV, Werder Bremen und Co. seien viel besser aufgestellt als der ETV. Auch wenn sie Vorletzter in der Tabelle sind, klingt er mächtig stolz. Jedes Spiel schaut er sich an, auch die Auswärtsspiele. Und auf der Rückfahrt gibt er ihnen eine Runde Autobahn-Burger aus. Auch wenn sie verloren haben. Die Mannschaft zollt ihm Respekt, als wäre er der beste Stürmer, auf den nicht verzichtet werden kann.

Er strahlt eine “Autorität” aus, die trotzdem sehr herzlich ist, sagt einer vom ETV über ihn. Deswegen würde er seine Jungs auch mal rügen, wenn es nötig ist. Und sagen, was er denkt. Bei einem Fototermin auf dem Platz am Lokstedter Steindamm erzählt Schreck, dass ihm während seiner Zeit als Chef der Horner Rennbahn egal war, ob sich ein Baron mit Pferdegestüt über ihn beschwert. “Der ist ja auch nur als Baron geboren worden”, sagt Schreck. Er behandelt eben alle Menschen gleich. An diesem Nachmittag regnet es stark, seine Jungs auf dem Platz im Hintergrund trainieren gerade, obwohl Ferien sind. Dann verabschiedet sich Dieter Schreck und geht zurück in das kleine Büro mit dem Kunstrasenteppich.

Dieter Schreck ist mittlerweile nicht mehr Platzwart beim ETV, allerdings noch anderweitig bei dem Eimsbütteler Verein aktiv. Zudem hat er den neuen Stadtteil- und Kulturverein mitgegründet, womit er gerade sehr viel Zeit verbringt. 

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