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Wie wirkt sich eine Spielstraße auf die Nachbarschaft aus? Ein Besuch im Viertel um die Kippingstrasse und Kielortallee. Foto: Vanessa Leitschuh
Was macht eine Spielstraße mit der Nachbarschaft? Wer im Bezirk Eimsbüttel unterwegs ist, stößt auf insgesamt 97 Zonen - eine davon liegt im Viertel um die Kielortallee. Foto: Rainer Wiemers
Spielstraße

Spielstraßen und Nachbarschaft: Und unten spielen die Kinder

Um die Kielortallee leben Menschen, die sich Bänke vor die Häuser stellen, gemeinsam Feste feiern und hundert andere Personen aus der Nachbarschaft kennen. Das Viertel ist ein Phänomen, und dieses Phänomen hat viel mit einem blau-weißen Straßenschild zu tun. Zu Besuch in einer verkehrsberuhigten Zone.

Von Christiane Tauer

Die Kinder müssen nach dem letzten Regen hier gewesen sein. Mit bunter Kreide haben sie Sonnen, Regenbogen und Krönchen auf die Pflastersteine gemalt. Alles noch deutlich zu sehen. An einem Verteilerkasten hängt ein Zettel: „Einladung zum Nachbarschaftsfest Kielortallee. Wie immer am letzten Schultag vor den großen Ferien.“ Als wolle er sagen: Ihr wisst schon!

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Christina Gallehr hat viele dieser Straßenfeiern erlebt. Sie ist gleich um die Ecke, in der Kippingstraße, aufgewachsen. 52 Jahre ist sie alt, und als sie einmal an die Schlüterstraße hinter der Universität zog, kam sie nach einem Jahr wieder zurück ins Viertel. Heimweh. Zehn Jahre lebte sie in der Kielortallee, dann wurde eine Wohnung in der Kippingstraße frei. Dritter Stock, ein Stockwerk unter der Wohnung ihrer Kindheit und zwei Stockwerke über der Erdgeschosswohnung ihrer Eltern. Christina Gallehr war glücklich.

Eine Formel für gute Nachbarschaft

„Ich würde hier nie wieder wegziehen”, sagt die Diplom-Psychologin. Bestimmt 50 Leute kennt sie in ihrem Viertel mit Namen, 100 vom Sehen. Keine schlechte Quote für eine Millionenstadt wie Hamburg. Woran das liegt? So ganz kann sie es nicht erklären. Dass sie hier aufgewachsen ist, spielt natürlich eine Rolle, dass ihr Sohn Liam hier zur Schule geht und dass nur selten ein Umzugswagen vor einer der Gründerzeitbauten steht. Wer in diesem Viertel lebt, bleibt hier.

Gäbe es eine Formel für gute Nachbarschaft, die Kielortallee besäße sie. Allein die Dichte an Sitzbänken ist ein Teil davon: Vor den Hausnummern 2, 4 und 8 steht jeweils eine Bank, vor der 6 gleich zwei und ein Tisch. Zum Ausruhen, zum Klönen, zum gemeinsamen Kaffeetrinken.

Christina Gallehr ist in dem Viertel um die Kielortallee aufgewachsen. Foto: Rainer Wiemers

Dann kommt das wichtigste Element, die „verkehrsberuhigte Zone“, von allen nur Spielstraße genannt. Auch sie hat Bänke, vier Stück, angelegt im Rondell. Die Spielstraße ist der Treffpunkt der Nachbarschaft. Hier kommt man zusammen, hier findet das jährliche Straßenfest statt. „In Corona-Zeiten”, erzählt Christina Gallehr, „hat Liam mit den anderen Kindern sogar mal ein Tipi neben das Rondell gebaut.” Wie im Wald. Das musste zwar wieder abgebaut werden, weil es Beschwerden gab. Aber alleine der Aufbau machte Spaß genug.

Schon früh konnte sie ihren heute elfjährigen Sohn ohne Begleitung zum Spielen auf die Straße lassen. In vielen anderen Eimsbütteler Vierteln mag das unmöglich sein, wegen der Autos, der Leute. Weil einfach alles zu gefährlich ist. An der Kippingstraße und der Kielortallee geht es. Hier lebt man fast wie im Dorf, die Nachbarn kennen sich und achten aufeinander. Es ist ein weiteres Element der Gute-Nachbarschafts-Formel, das für manchen lästig sein kann, der lieber anonym wohnen will. Doch es hat auch Vorteile. Was die Freiheit der Kinder angeht oder die ganz normalen Dinge des Alltags. „Wenn die Müllabfuhr kommt und ein Auto im Weg steht, weiß man sofort, zu wem es gehört, und klingelt dort”, sagt Christina Gallehr und lacht.

Aufwachsen, zusammenwachsen

50 Jahre „Wohnjubiläum” hat ihr Vater gerade in der Kippingstraße gefeiert, erzählt sie. Er lebt jetzt alleine in der Erdgeschosswohnung, die Mutter ist verstorben. Abzulesen ist die Dauer, die die Familie in „ihrer” Straße wohnt, auch an der Höhe der Birke vor dem Haus. 1975 hat ihr Vater sie gepflanzt, vor 47 Jahren, kurz nach dem Einzug. Der Baum hatte nicht eine, sondern zwei Spitzen. Er band sie zusammen, damit sie zusammenwachsen. Von den zwei Spitzen ist heute fast nichts mehr zu sehen. Die Birke ist prächtig gewachsen und überragt mittlerweile das Haus. Vor Liams Schlafzimmerfenster wiegen sich die Äste von Opas Baum im Wind.

Die Spielstraße gab es in ­ihrer Kindheit noch nicht, erinnert sich Christina Gallehr. Auch war die Kip­ping­­straße damals keine Einbahn­straße. Mehr Geschäfte hatten geöffnet, und der Eiermann kam vorbei. Zuletzt machte die Schlachterei Anger an der Ecke Kippingstraße/Bundesstraße zu. Das war 2015. Der Mann ihrer „Nenn-Oma” im Haus wusste noch von ganz anderen Zeiten zu berichten. „Hinter unserem Haus soll früher ein Bauernhof gewesen sein”, sagt sie. Kaum vorstellbar, wenn man heute aus dem Fenster in Richtung Emilie-Wüstenfeld-Gymnasium blickt.

Eine spezielle Pflasterung, Sitzbänke und viel Platz zum Spielen – das sind die Charakteristika der Kielortallee. Foto: Rainer Wiemers

Irgendwie kann man es sich aber doch vorstellen. Die Nachbarschaft hat sich wie in allen Eimsbütteler Vierteln gewandelt – und sich auf unerklärliche Weise das Dörfliche bewahrt. Vielleicht ein weiterer Grund, warum das Miteinander eher an eine dörfliche Gemeinschaft als ein urbanes Zentrum erinnert.

Die Linden reichen bis an die Balkongeländer, Rotkehlchen, Specht und Zaunkönig haben hier ihr Zuhause. Ein Eichhörnchen springt von Baum zu Baum. Unten, an der Straßenecke, gibt es noch mehr Grün. Christina Gallehr pflegt ein Beet, das schon ihre Mutter gepflegt hat. Vor 25 Jahren, als Urban Gardening noch in den Kinderschuhen steckte. „Sie hat schon damals eine offizielle Grünpatenschaft besessen.”

Kontaktstelle Blumenbeet

Das Beet ist neben der Spielstraße die zweite Kontaktstelle im Viertel. Wenn Christina Gallehr Unkraut jätet und Blumen gießt, bleiben immer wieder Passanten stehen und halten einen Schnack. So schöne Blumen, wie toll, dass sie sich kümmert! „Ich habe gar keine Ahnung vom Gärtnern”, gibt sie zu. „Ich mach das einfach mit Liebe.”

Die Birke, die Christina Gallehrs Vater Klaus Barnitzky 1975 gepflanzt hat, überragt mittlerweile das Haus. Foto: Rainer Wiemers

Wenn der Begriff nicht so inflationär wäre, könnte man das Viertel rund um die Kielortallee als Eimsbullerbü in Reinform bezeichnen. Denn er stimmt, zumindest auf das bezogen, was nach außen sichtbar ist. Kinder spielen Verstecken, Fangen, machen Klingelstreiche und klettern auf Mülltonnen. Und die Väter spielen Fußball – auf der Spielstraße, versteht sich. Wie Hamburg wohl wäre, wenn es viel mehr solcher Straßen gäbe?

„In Altona kannten wir nur die Leute bei uns im Haus”, sagt Janina Jetten. Hier kennt sie fast die ganze Straße. Und die Leute aus den Nachbarstraßen noch dazu. Die 48-Jährige ist 2016 mit ihrem Mann und den zwei Kindern Mara, 6, und Milena, 10, an die Kippingstraße gezogen. Über eine Freundin hatte sie erfahren, dass hier etwas frei geworden war – eine seltene Gelegenheit.

Während Mara ein Bild malt, hat Janina Jetten etwas Zeit zum Durchatmen. Es ist der letzte Schultag vor den Sommerferien, der Tag des Straßenfests. Die Große ist noch mit dem Papa unterwegs, eine Kanutour, als Abschluss des Schuljahres. Als sie Milena erstmals alleine zur Spielstraße laufen ließ, sei ihr etwas mulmig gewesen, erinnert sie sich. Doch es funktionierte gut, sie gewöhnte sich daran. „Auto kommt!”, rufen die Kinder laut, wenn sich ein Fahrzeug nähert. Sie warnen sich gegenseitig, unterbrechen ihr Spiel. „Schade, dass der Durchgangsverkehr nicht ganz draußen bleiben muss”, sagt sie.

In der Corona-Zeit waren ihre Töchter bei Wind und Wetter auf der Straße. Stundenlang blieben sie mit den anderen Kindern dort, froh über den Kontakt direkt vor der Haustür. Die Spielstraße brachte sie durch die schweren Monate und führte sie enger mit der Nachbarschaft zusammen. Das gilt auch für die Erwachsenen, die sich in dieser Zeit mehr als sonst auf den Bänken im Rondell trafen – und sich dazu Cocktails aus dem Café Mathilde in der Bogenstraße liefern ließen.

Auf die Nachbarschaft

Es klingelt an der Haustür. Freunde von Milena wollen sie zum Fest abholen, doch Janina Jetten muss sie wegschicken. Ihre Tochter komme nach, sobald sie zurück ist.
18 Uhr. Die Spielstraße füllt sich allmählich. Fünf Kinder stürmen aus Richtung Koopstraße heran, laufen über die Pflastersteine, ziehen weiter in Richtung Grundschule. Von der großen Straße „Beim Schlump” sind die vorbeifahrenden Busse nur als Rauschen zu hören. Schanze, Grindelallee und Osterstraße sind wenige Minuten entfernt. Und doch kommt der Lärm der Großstadt in der Kielortallee gedämpft an, als besäße sie einen unsichtbaren Schutzmantel.

Renate Schlüter hat ihren Picknick­korb auf einer Sitzbank abgestellt. Salat, Baguette, Wein, Frikadellen – „ich habe alles dabei”. Die 84-Jährige lebt seit neun Jahren im Rosenthal-Stift gegenüber der Grundschule und könnte sich keinen besseren Ort zum Älterwerden vorstellen. Dank der Busse und der U-Bahn ist alles direkt zu erreichen. Sie fährt ins Theater, geht zum Sport, zum Gedächtnistraining, zum Brunchen und mit einigen ihrer Mitbewohnerinnen selbstverständlich zum Straßenfest heute Abend. Ehrensache als Bewohnerin der Kielortallee.

Auch Katja Ram ist schon da. Söhnchen Anton, 3, läuft aufgeregt auf dem Bürgersteig hin und her. Für den Kleinen sind andere Kinder erst jetzt interessant geworden, deshalb ist die Spielstraße kürzlich in seinen Fokus gerückt. Praktischerweise wohnt die Familie im ersten Stock und hat einen direkten Blick auf die Straße – da kann Anton später ganz einfach alleine hinunter gehen.

Eine Stunde später. Kielortallee is ready to party. Immer mehr Anwoh­nerinnen und Anwohner sind aus ihren Häusern gekommen. Auch Mit-Initiatorin Marion ist unter ihnen. Eigentlich möchte sie aber gar nicht als Mit-Initiatorin bezeichnet werden, weil es eben kein offiziell angemeldetes Straßenfest ist, was sie hier feiern. Sondern eine lose nachbarschaftliche Zusammenkunft, die vor mittlerweile 16 Jahren ihren Anfang nahm. „Damals war meine Tochter noch in der Vorschule.”

Sie seien ein eingeschworener Kreis, der sich regelmäßig treffe, sagt sie. Eben weil es kaum Fluktuation in dieser Gegend gebe. Sie selbst wohnt seit 30 Jahren hier – und kommt damit fast an die Jahrzehnte von Christina Gallehr heran. Auch die ist mit ihrer Familie auf der Spielstraße angekommen und hat sich zu ihren Nachbarn gestellt. „Morgen geht es in den Urlaub”, sagt sie. Da ist das Straßenfest so etwas wie ein kleiner Abschied von der vertrauten Umgebung. Rückkehr inklusive, Gott sei Dank. Die Stimmung ist gut. Kielortallee und Kippingstraße feiern heute Abend ihre Nachbarschaft.


Verkehrsberuhigte Zonen:

Wer im Bezirk Eimsbüttel unterwegs ist, stößt auf insgesamt 97 Zonen, in denen eine Geschwindigkeitsbegrenzung von fünf bis sieben Stundenkilometer gilt. „Verkehrsberuhigte Zonen” heißen diese Bereiche offiziell. Umgangssprachlich werden sie „Spielstraßen” genannt – weil auf dem Schild ein mit einem Ball spielendes Kind und ein Haus abgebildet sind. Das Auto ist nur im Hintergrund zu sehen. Ziel einer Spielstraße ist es, den Durchgangsverkehr außen vor zu lassen, um eine hohe Aufenthaltsqualität zu schaffen.

Damit eine verkehrsberuhigte Zone überhaupt eingerichtet werden kann, sind unter anderem folgende Voraussetzungen nötig: Der Wohncharakter des Viertels muss sichtbar sein, der Verkehr eine untergeordnete Rolle spielen. Außerdem sollen maximal 150 Kraftfahrzeuge pro Stunde die Straße passieren.

Solche Zonen sollen besonders schwächere Verkehrs­teilnehmer wie Kinder oder Ältere schützen und die Beeinträchtigung durch den Autoverkehr senken.

Was die Gestaltung der Straße angeht, ­sollen Auto­fahr­er deutlich erkennen: Hier ist jetzt Schrittgeschwin­digkeit angesagt. Das heißt: Die Straße erhält zum Teil eine Pflasterung oder spezielle Versätze der Fahrbahn.

Über die Errichtung einer verkehrsberuhigten Zone entscheidet die Verkehrsbehörde in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Polizeikommissariat. Die Bezirksämter werden im Verfahren beteiligt, können aber auch selbst Straßen für die Verkehrsberuhigung vorschlagen.

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