Als Wahlhelfer bei der Bundestagswahl
Bei der Auszählung werden für jede Partei Stimmzettel-Stapel gebildet. Foto: Phillip Holländer
Reportage

Als Wahlhelfer bei der Bundestagswahl

Wer sind eigentlich die Leute, die da den ganzen Tag im Wahllokal hocken? Rund 2.000 Wahlhelfer waren zur Bundestagswahl in Eimsbüttel im Einsatz. Unser Reporter machte den Selbstversuch.

“Wahltage sind Festtage der Demokratie”, so eröffnet der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert einen Videoclip, um Wahlhelfer für die Bundestagswahl zu begeistern. Mein Nachbar nimmt das wörtlich und feiert schon Samstagnacht grölend in den Wahlsonntag. Ich bekomme wenig Schlaf, denn für mich beginnt der Tag nicht gerade zu festlichen Zeiten. Es wird gerade hell, als ich um 7:30 Uhr das Tor der Grundschule Hoheluft öffne. Durch die großen Fenster der neu-renovierten Mensa ist schon emsiges Treiben zu beobachten. Hier werde ich meinen Tag als Wahlhelfer verbringen: Wahllokal 31501, Wrangelstraße 80.

Zwischen Kartons mit Stimmzetteln, Hinweisschildern und Kugelschreibern begrüßt mich Franziska. Sie ist die Wahlleiterin meines Wahllokals. Vor ihr auf dem Tisch liegt die “Geschäftsanweisung für Wahlvorstände”. Hektisch blättert die 38-Jährige in dem Heft umher. “Ich hab mir das gestern Abend eigentlich extra nochmal alles durchgelesen. Was müssen wir denn jetzt nochmal alles vorbereiten?” Wie ein Drittel der 62 Wahlleiter im Bezirk Eimsbüttel ist die eigentliche Büroangestellte das erste Mal ehrenamtliche Wahlleiterin. In fünfzehn Minuten muss das Wahllokal geöffnet werden. “Ah die Checkliste”, findet sie endlich die rettende Seite. Hinweisschilder und Musterstimmzettel, die könne ich jetzt erstmal am Eingang aufhängen.

Falsche Siegel für falsche Löcher

Im Raum wuseln acht Wahlhelfer umher. Es dauert etwas, bis ich merke, dass nur vier zu meinem Wahllokal gehören. “Wir sind hier zwei Lokale in einem Raum”, erfahre ich später. Deshalb haben wir statt zwei sogar vier Wahlkabinen, die ich mit aufbaue. In der Mitte der Papp-Trennwände klafft ein daumengroßes Loch um die Stifte mit einem Bindfaden zu befestigen. Dass durch solche Löcher das Wahlgeheimnis nicht wirklich gewährt wird, wurde im Locherwahn anscheinend nicht berücksichtigt. Die Lösung naht: Franziska kommt mit Klebesiegeln, die eigentlich zur Versiegelung der Stimmzettel am Ende des Wahltages gedacht waren. “Die wurden falsch produziert und kleben so stark, dass man sie nachher nicht mehr öffnen kann.” Falsches Siegel auf falsches Loch, das Wahlgeheimnis ist gerettet.

Schon vor der Öffnung laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In der Grundschulmensa sind gleich zwei Wahllokale untergebracht. Foto: Phillip Holländer
Schon vor der Öffnung laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. In der Grundschulmensa sind gleich zwei Wahllokale untergebracht. Foto: Phillip Holländer

Kollegen für einen Tag

Es ist kurz vor acht Uhr und der erste Wähler steht plötzlich im Raum. “Bitte noch kurz draußen warten.” Jetzt heißt es schnell Aufgabenverteilen. Neben Franziska als Wahlleiterin lerne ich jetzt Susanne und Martin kennen, die ebenfalls Beisitzer meines Wahlvorstands sind. Susanne war schon öfters Wahlhelferin. “Ich finde diesen Tag einfach wunderbar”, freut sich die Rentnerin auf den Wahltag. Die Frauen sollen kontrollieren, ob der Wähler zu unserem Wahllokal gehört und die Stimmzettel rausgeben. Martin arbeitet eigentlich als Jurist und ist wie ich das erste Mal Wahlhelfer. Nun wird der 45-Jährige kurzerhand zum Schriftführer ernannt und soll im Wählerverzeichnis abhaken, wer gewählt hat. Ich soll die Wahlberechtigungskarten einsammel und nach Nummern sortieren. Für Nachfragen bleibt wenig Zeit, das Wahllokal wird geöffnet.

Briefwahlrekord

In den ersten zwei Stunden wollen rund 40 Wähler ihre Kreuze machen, zwischendurch ist immer mal Zeit, sich abzustimmen. Und so läuft die Teamarbeit von Wähler zu Wähler besser zwischen uns. Insgesamt 1012 Wahlberechtigte wurden unserem Wahllokal laut Wählerverzeichnis zugeteilt. Davon haben aber 425 einen Sperrvermerk, da sie bereits Briefwahl beantragt haben. Im gesamten Bezirk Eimsbüttel gibt es von rund 191.000 Wahlberechtigten 62.000 Briefwähler zu dieser Bundestagswahl. Der Briefwahlrekord macht sich in unserem Wahllokal überdurchschnittlich bemerkbar. So erwarten wir nur noch 587 Wähler – wenn alle kommen.

Gummibärchen, St. Pauli und ein AfD-Plakat

Es sind vor allem junge Familien, die bei uns in der Wrangelstraße wählen. Viele bringen ihre Kinder mit. Damit diese in der Wahlkabine nicht laut Mamas Stimmzettel nachplappern, müssen sie davor warten. Als Belohnung hat Franziska extra einen großen Topf Gummibärchen mitgebracht, der auch bei den Älteren gut ankommt. Als es gerade etwas ruhiger wird, fällt unserer Wahlleiterin dann noch ein Punkt der Checkliste ein. “Achso, hiermit weise ich euch darauf hin, dass ihr keine politischen Symbole an euch tragen dürft”, zitiert sie die Geschäftsanweisung für Wahlhelfer und blickt im selben Moment auf ihren St. Pauli Pullover hinunter. “Das ist ein Fußballverein, da geht’s nicht um Politik”, entgegnet sie zwinkernd. Um Politik geht es aber bei einem Wahlplakat der AfD, das ein Beisitzer des anderen Wahllokals bereits morgens auf dem Weg kurz vor der Grundschule gesehen hat. Bei einer kurzen Zigarettenpause überprüfe ich nochmal die genaue Entfernung. Doch das Plakat hängt nicht in dem zehn Meter Bannbereich für Plakatierungen. “Eine gute Demokratie muss auch so etwas aushalten”, meint Franziska. Das Plakat bleibt hängen.

Happy Rush-Hour

Während es am Vormittag im Wahllokal meist in unerklärlichen Schüben voll wird, fällt gegen Mittag die Wähler-Rush-Hour über uns herein. Vor den Wahlkabinen bildet sich eine lange Schlange. Dazu kommen auch vermehrt Sonderfälle: “Ich weiß nicht mehr in welchem Wahllokal ich wählen soll?” Mit diesem Satz wird das Straßenverzeichnis durchforstet. “Ich habe meine Berechtigungskarte nicht mehr.” Also fülle ich eine neue Berechtigungskarte aus, nachdem Martin den Namen im Wählerverzeichnis gefunden hat. “Ich habe Briefwahl beantragt, aber es nicht mehr geschafft abzuschicken.” Die Wahlleiterin ruft in der Wahldienststelle an und lässt sich absegnen, dass in unserem Wahllokal gewählt werden darf. Wer eine Wahlberechtigungskarte mitbringt und im Wählerverzeichnis kein Sperrvermerk hat, ist innerhalb weniger Minuten fertig mit Wählen und muss auch nur bei Zweifel einen Lichtbildausweis vorzeigen. Eine Wählerin besteht trotzdem darauf kontrolliert zu werden. Beim Blick auf ihren Geburtstag wird klar worum es ihr geht: Ein Happy Birthday vom gesamten Wahlvorstand und einen extra tiefen Griff in den Gummibärchen-Topf.

Auf den letzten Drücker

Die Zeit vergeht schnell, auch wenn wir immer mal wieder Lüften müssen, um die Konzentration aufzufrischen. Langsam wird es immer leerer im Wahllokal. Vier Minuten vor Sechs eilt dann noch ein Pärchen mit Kinderwagen über das Schulgelände. Sie kommen gerade noch rechtzeitig. An der Tür stehend zählen wir die verbleibenden Sekunden ab. 18:00 Uhr – das war’s. Ein junger Mann kommt eine Minute zu spät und wird wieder nach Hause geschickt.

Die letzten Minuten bevor das Wahllokal schließt. Auf den Tischen ist schon alles für die Auszählung vorbereitet. Foto: Phillip Holländer
Die letzten Minuten bevor das Wahllokal schließt. Auf den Tischen ist schon alles für die Auszählung vorbereitet. Foto: Phillip Holländer

Viele Stapel und ein “Wixxer”

Dann schiebt Susanne die Wahlurnentonne zu einem großen Tisch, auf dem Zettel mit den Namen der einzelnen Parteien verteilt sind. Jetzt wird ausgezählt und wir bilden verschiedene Stapel an Stimmzetteln: Die, bei denen Erst- und Zweitstimme zur gleichen Partei abgegeben wurden, werden zuerst in Zwanziger-Paketen nach Partei sortiert und gezählt. Dann geht es an die Stimmzettel bei denen Erst- und Zweitstimme unterschiedlich angekreuzt wurden. Zuerst werden nach Erststimme, dann nach Zweitstimmen die Zettel auf Parteien verteilt und ausgezählt. Alle zählen ruhig und konzentriert, denn Franziska meint: “Langsam zählen, weil schnell heißt doppelt”. Zur Sicherheit zählen wir dann trotzdem jeden Stapel doppelt nach. Zuletzt sind die Stimmzettel dran, bei denen nur ein Kreuz, mehr als zwei oder gar kein Kreuz gemacht wurde. Bei uns sind das aber nur eine Handvoll und wir stimmen zu jedem Fall einzeln ab, ob der Wählerwille eindeutig erkennbar ist. Bei einem Zettel hat jemand zwar zwei Kreuze gemacht, aber hinter dem Direktkandidaten Niels Annen (SPD) “…ist ein Wixxer” geschrieben. Da der Stimmzettel einen Zusatz enthält, müssen wir ihn für ungültig erklären.

Bundestagswahl 2017: Ergebnisse der Zweitstimmen in Wahllokal 31501, Wrangelstraße 80

Stiller Beobachter

Mitten in der Auszählung steht plötzlich ein älterer Mann neben mir am Tisch: “Mich interessiert, ob die Auszählung hier ordnungsgemäß durchgeführt wird”, meint er auf Nachfrage. Das ist sein gutes Recht, denn solange er nicht stört, kann jeder die Auszählung beobachten – sie ist öffentlich. Er mache dies wegen seines “ausgeprägten Bürgersinnes”, meint er ohne weitere Erklärungen und verfolgt mit einem Notizblock jeden Schritt der Auszählung.

Insgesamt 529 Stimmzettel haben wir bis halb Acht ausgezählt, aber es gibt ein Problem: Zwar haben wir auch 529 Wahlberechtigungskarten und Wahlscheine eingesammelt, allerdings sind im Wählerverzeichnis nur 527 Wähler abgehakt. Mit rotem Kopf geht Martin bereits das dritte Mal das Wählerverzeichnis durch. Aber es bleibt bei zwei fehlenden Haken. Also werden alle Wahlberechtigungskarten nochmal einzeln mit dem Verzeichnis abgeglichen. Nach einer halben Stunde sind die beiden nicht markierten Wähler gefunden. Die Anspannung fällt und unser Ergebnis ist mit rund 90% Wahlbeteiligung ohne die Briefwähler in unserem Wahllokal glatt. Im gesamten Bezirk Eimsbüttel wird die Beteiligung bei rund 81% liegen und damit sechs Prozentpunkte über dem Bundesdurchschnitt.

Nach der Auszählung werden die Stimmzettel in einem Karton verziegelt und zur Wahldienststelle gebracht. Foto: Phillip Holländer
Nach der Auszählung werden die Stimmzettel in einem Karton verziegelt und zur Wahldienststelle gebracht. Foto: Phillip Holländer

Kleine Erfrischung

Um 20 Uhr ist dann die Wahlniederschrift von allen unterschrieben und Franziska gibt die Zahlen per Telefon an die Wahldienststelle weiter. Alle sind sichtlich erschöpft, doch dann wirkt das Stichwort: “Erfrischungsgeld” doch nochmal erfrischend auf die Stimmung. Franziska bekommt als Wahlleiterin 50€, ihr Stellvertreter 45€ und ich als Beisitzer 30€ bar auf die Hand. Martin hatte gar nicht mit Geld gerechnet, bemerkt dann aber trotzdem: “Das ist der schlechteste Stundenlohn, den ich als Jurist jemals bekommen habe.” Alle lachen los, denn um des Geldes Willen war heute keiner von uns dabei.

Zu müde zum feiern

Um 21 Uhr sind alle Wahlkabinen abgebaut. Die wichtigen Unterlagen wie Wahlniederschrift, Wählerverzeichnis und Stimmzettel werden in Beuteln und Kartons jetzt mit den richtigen Siegeln verschlossen und müssen von Franziska noch zur Wahldienststelle ins Bezirksamt gebracht werden. Gemeinsam treten wir in die Dunkelheit der anbrechenden Herbstnacht. Auf einmal fühle ich mich sehr müde. Kurz und herzlich verabschieden wir uns voneinander. “Wenn ich nochmal Wahlleitung mache, schreibe ich euch. Kommt gut nach Hause”, ist Franziskas letzte Ansage. So trennen sich nach knapp 14 Stunden unsere Wege vor der Grundschulmensa. Die Berliner Runde habe ich gerade verpasst, als ich nach Hause komme. Schon bei der Anmoderation von Anne Will bin ich eingeschlafen. Zeit zu feiern hatte ich als Wahlhelfer nicht wirklich – anstrengend so ein Festtag der Demokratie.

Anmerkung der Redaktion: Die im Artikel genannten Wahlhelfer wollten lieber gewissenhaft im Wahllokal arbeiten und standen leider nicht für ein gemeinsames Foto bereit.

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