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Ukrainische Schulklasse an Ida-Ehre-Schule_Eimsbuettel. Foto: Christian Litz
Mädchen und Jungs im Raum 107 der Ida-Ehre-Schule: Sie sind aus der Ukraine geflohen, ihre Väter sind Soldaten. Foto: Christian Litz
Ida-Ehre-Schule

Ukrainische Schüler in Eimsbüttel: Wie geht es euch?

Unser Autor hat die ukrainische Klasse der Ida-Ehre-Schule besucht. 18 Mädchen und Jungen erzählen von ihrem neuen Alltag in Eimsbüttel, was hier anders ist und wen sie zu Hause in der Ukraine zurücklassen mussten.

Von Christian Litz

Raum 107 in der Ida-Ehre-Stadtteilschule, Ecke Bogenstraße/Schlankreye, Montagmorgen, 8:10 Uhr, erste Stunde: In der ukrainischen Klasse sitzen neun Mädchen und acht Jungs zwischen 14 und 16 Jahren. Yuri Geleta, der unterrichtet, sagt: „Cool down“. Zuerst Corona-Tests.

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Gegen Ende der ersten Stunde kommt noch ein Junge dazu, entschuldigend lächelnd. Viel „Hahaha“ wegen seiner Ausrede.

Tee für das Heimatgefühl

Die Schülerinnen und Schüler begrüßen sich mit „Dobre“, viele umarmen sich, viele Handschläge, kurz, schmatzend laut. Thema heute: das trennbare Präfix bei Verben in der deutschen Grammatik. Für Ukrainerinnen und Ukrainer kompliziert, das gibt es in ihrer Sprache nicht.

15 Minuten Pause: Es gibt Tee. Das ist eine Tradition. Und ein Stück Heimatgefühl, das Yuri GeIeta mit einem Wasserkocher, einem Kilopaket Zucker und Teebeuteln herbeizaubert. „In der Ukraine gibt es schon im Kindergarten Tee. Das ist so erlernt.“ Zwei Mädchen spielen mit einem Flummi, werfen ihn durch den Raum. Sie müssen sich bewegen, es ist eindeutig, sie müssen sich bewegen.

Erste Stunde: Deutsch, Thema: Das trennbare Prefix von deutschen Verben. Von den 18 Schülerinnen und Schülern der ukrainischen Klasse an der Ida-Ehre-Schule in Eimsbüttel haben 16 Väter, die im Krieg kämpfen.
Erste Stunde: Deutsch. Thema: Das trennbare Präfix von deutschen Verben. Von den 18 Schülerinnen und Schülern dieser ukrainischen Klasse an der Ida-Ehre-Schule sind 16 Väter im Krieg. Foto: Christian Litz

In Moskau ist zeitgleich große Siegesparade zum Tag des Siegs über Nazideutschland: Die Jungs in der zweitletzten Reihe schauen alle auf ihre Handys. Zu hören ist Militärmusik und laute Reden in militärischem Ton. Sie verstehen die Reden und fangen irgendwann an zu lachen, schütten sich aus, sie können fast nicht mehr. Eindeutig, sie müssen unbedingt laut lachen.

Ukrainische Klasse: Zweite Stunde, Themenwechsel

Die Mädchen dahinter schauen sich Videos von jungen singenden Mädchen an, wahrscheinlich Popstars. Eine geht vor und zeigt es den anderen, auch Jungs. Es ist wohl ein Ablenkungsmanöver. Sie spricht sehr laut. Kurze Sätze. Angestrengtes Lachen. Einer der Jungen hat dunkle Augenringe, als wäre er für einen Film geschminkt. Eindeutig, er hat richtig dunkle Augenringe. Ein anderer foltert die ganze Zeit einen Rubik-Cube.

Noch mal Tee. Die zweite Stunde wird anders, nur kurz noch Präfix am Anfang. Dann: Yuri Geleta sagt, der Journalist stellt euch Fragen, wenn ihr nicht antworten wollt, antwortet nicht. Wenn ihr antworten wollt, antwortet.

Wo kommt ihr her?

Wer ist aus Kyiv? Viele Hände gehen hoch. Wer aus … Wie wär es? Ihr sagt, wo ihr herkommt: Mariupol, Charkiw, Cherniwzy, Dnipro, Vinniztzka.

Der Journalist schreibt die Namen auf die Tafel. Sie korrigieren. Der Übertrag aus der kyrillischen Schrift in die lateinische ist tückisch.

Kanntet ihr euch vorher? Nein, alle haben sich hier kennengelernt, seit März, April. Nach und nach kamen neue dazu.

Wer ist bei Freunden untergekommen? Wer lebt in Wohnungen? Vier leben in Unterkünften, der Rest in Wohnungen. Ein Mädchen erzählt, Yuri Geleta übersetzt: zu sechst in einem Zimmer.

Deutschunterricht an der Ida-Ehre-Schule in Eimsbüttel in einer Klasse mit Schülerinnen und Schülern aus der Ukraine. Nachmittags sind sie im Onlineunterricht ihrer ukrainischen Schule. Foto: Christian Litz

Hat jemand Verwandte hier? Viele, etwa zwei Drittel, haben Familienangehörige in Hamburg, die hier arbeiten. Einer der Jungen ruft auf Englisch: „In Frankfurt, ich war zuerst in Frankfurt.“

Wo sind eure Väter? „Im Krieg“

Habt ihr noch Verwandte in der Ukraine? Von den 18 haben 16 Väter, die kämpfen. Viele haben Omas und Opas, die einfach nicht aus der Heimat wollten.

Wie gefällt euch Eimsbüttel? Die Anworten: „nett“, „hübsch“, „schön“. Die Hamburger Architektur sei schön.

Was macht ihr nachmittags nach der Schule? „Schule.“ Alle ohne Ausnahme sind mittags am Rechner, um im Sommer einen ukrainischen Schulabschluss online zu machen. Ein Mädchen erzählt: „Am Wochenende war ich nur drin und habe gelernt.“ Nur gelernt? „Zehn Stunden gestern.“

Vieles ist in Hamburg anders

Was ist hier anders als in der Ukraine? „Sonntags ist alles zu, man kann nicht einkaufen.“ – „Alkohol gibt es hier ab 16, bei uns ab 18.“ Lachen. „Ich wohne nahe dem Michel, jede viertel Stunde läuten die Glocken, ich gewöhne mich nur langsam dran.“ – „Die ganze Nacht fahren in Hamburg Krankenwagen und Polizeiautos mit Blaulicht rum, das kenne ich nicht aus Kyiv.“ – „Hier braucht man in der Apotheke Rezepte, bei uns nicht.“ – „Die Bürokratie ist enorm.“

Ein Feuerwerk, kein Angriff

Yuri Geleta übersetzt einen Wortschwall von mehreren Leuten: In der Ukraine gibt es eine App vom Staat, da ist alles drauf, alles geht online. Ein Mädchen – die Mädchen erzählen sowieso mehr als die Jungs – sagt: „Dass man sich innerhalb von zwei Wochen anmelden muss ist neu, in Kiew konnten wir uns dafür Jahre Zeit lassen als wir aus Charkiw kamen.“ Yuri Geleta: „Stress.“

Was erschreckt euch hier? „Gestern Abend – wir waren aus – meine Mutter, Schwester, Freunde, plötzlich Feuerwerk. Immer wieder. Pausen. Dann wieder. Immer wieder. Wir bekamen Angst.“ Andere erzählen, dann wieder das Mädchen. Yuri Galata aus Gurlowka im Donezk-Becken versucht zu übersetzen und zu erklären: „Sie wussten, es ist kein Angriff, sie wussten, es ist ein Feuerwerk, eine Feier. Aber sie konnten es nicht durchstehen. Sie sind heim. Es ging nicht anders.“

„Wir kochen selbst“

Was ist noch anders in Deutschland, Teil 2: „Hunde, alle an der Leine. In der Ukraine gibt es viele wilde Hunde.“ – „Wenn man in einen Bus steigen will, muss man auf einen Knopf drücken, die Tür geht nicht automatisch auf.“ – „Hier in Deutschland ist alles analog.“ – „Es gibt so viele Fahrräder.“

Okay, und das Essen ist anders, oder? „Ja, wir kochen selbst.“ Wenn ihr deutsches Essen esst, schmeckt es nicht? „Fifty, fifty.“

Angst wegen Essen

Habt ihr hier in Eimsbüttel Angst vor etwas? Alle antworten, Yuri Geleta fasst zusammen: „Das Essen an der Schule, in der Mensa, es ist kostenlos. Sie haben große Angst, dass das abgeschafft wird. Vor Kurzem haben sie eine Mail bekommen, das hat sie beruhigt. Aber das ist gerade die große Sorge.“

Deutsche Musik? „Nein“, „ja“, „nein“, wild durcheinander. Deutsche Filme? „TV, ja.“ Danke. Yuri Geleta übernimmt wieder: In der Ida-Ehre-Schule geht es weiter auf Seite 69, „Das DaZ-Buch: Für den intensiven Spracherwerb in der Sekundarstufe“.

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