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Hier floss die Isebek
Bis heute zieht sich der Name Isebek durch Eimsbüttel, aber auch auf Wänden und Fassaden findet man den begrabenen Bach noch. Foto: Maya Habryka
Magazin #23

Verschwunden, aber nicht vergessen: Hier floss die Isebek

Die Isebek – ein Bach, der längst begraben, doch nie vergessen wurde. Wie Kunst und Stadtteilgeschichte an die Isebek erinnern.

Von Julia Haas

In der Lindenallee verblassen die Fische. Der Himmel platzt auf, roter Backstein blitzt hindurch. Über dem Fluss wächst Efeu: „Hier floß die Isebek.” Seit den 1980er Jahren markieren Malereien an Wänden und Schildern den Verlauf der Isebek – von der Eimsbütteler Chaussee parallel zur Bellealliancestraße bis zur Fruchtallee.

Obwohl dort schon lange kein Bach mehr fließt, ist die Isebek nicht vergessen. Vor allem ihretwegen: Dagmar Fedderke und Helga Magdalena Thienel, eine Künstlerin und eine Stadthistorikerin, die die Isebek am Leben halten, ohne sie zurückzuholen.

Die Isebek floss lange nicht mehr

Ihre Geschichten beginnen zeitgleich im Jahr 1984 – ohne dass sich die beiden Frauen dabei jemals begegnen. Historikerin Thienel zieht damals nach Hamburg in die Lindenallee und beginnt die Vergangenheit ihrer neuen Heimat zu studieren. Die Isebek entwickelt sich zu ihrem Steckenpferd. Thienel fasziniert der Bach, der längst verschwunden war, sie stellt Nachforschungen an.

Im selben Jahr erhält die Künstlerin Fedderke den Auftrag, die Isebek an ­einem Giebel in der Bellealliancestraße abzubilden. Obwohl sie bis dahin kaum Auf­tragsarbeiten vorweisen kann, spricht ihr das Wohnungsunternehmen SAGA das Projekt zu.

Spiegelung einer Wandmalerei in der Vereinsstraße. Foto: Maya Habryka

Die Künstlerin Dagmar Fedderke 1985 vor dem Brueckengitter der Isebek in der Fruchtallee – mit eingefügtem Schild mit ihrem Kunstwerk. Foto: Privatarchiv Dagmar Fedderke

Schild an der Ecke Eimsbütteler Chaussee / Bellealliancestraße. Foto: Maya Habryka

Die SAGA fördert seit ihrer Gründ­ung Kunst­werke im öffentlichen Raum – bis heute zählt sie rund 300 Plastiken, Reliefs und Wandbilder in ihren Wohnanlagen. Dass die Firma die Isebek als Motiv wählt, wirkt logisch, zugleich aber ironisch: Denn wo einst die Isebek floss, errichtete die SAGA nach dem Zweiten Weltkrieg Neubauten.

Sind es also große Wohnungsunternehmen wie die SAGA, die das Ende kleiner Bäche wie der Isebek bedeuten? In der Historie klaffen Lücken: Vor der SAGA kam die Stadt. Ab den 1880ern werden Altona-Nord und schließlich auch Eimsbüttel-Süd dichter bebaut. Die Stadt versiegelt Böden, deckt sie luft- und wasserdicht ab, legt Kanalisationen. „Faktisch ist der Bach damals verschwunden”, weiß Thienel. Übrig bleibt ein offener und zumeist trockener Bachgraben, der mehr einer stehenden Kloake als einem Fließgewässer gleicht.

Bei Starkregen läuft die Kanalisation über, füllt den Graben. Ratten und stinkendes Gewässer folgen – für die Wohnungen, die sich in Vorkriegszeiten dicht an dicht reihen und direkt an den Graben grenzen, heute eine kaum vorstellbare Zumutung, damals gängiger Städtebau. Bis in die 1970er bleibt der alte Bachquerschnitt als offenes Überlaufsiel erhalten. Erst etwa zehn Jahre bevor Fedderke ihre Wandmalereien beginnt, wird die Isebek vollständig verrohrt.

Auf Mauern und Gittern

Trotz ihrer anrüchigen Vergangenheit wird die Isebek 1984 zum Symbol der Sanierung: Im Rahmen der nachkriegzeitlichen „Stadterneuerung in kleinen Schritten” erwacht die Idee, den ehemaligen Bachverlauf im Viertel sichtbar zu machen. Projektentwickler des Planungsbüros Gibbins und Partner treiben das Vorhaben voran, Bezirksamt und Kulturbehörde finanzieren die Aktion als „Kunst im öffentlichen Raum”.

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Über die Künstlerin

Dagmar Schmid (geb. Fedderke) wurde 1948 in Flensburg geboren, studierte in Hamburg Kunst und war Mitglied der Galerie Vorsetzen – eine Hamburger Künstlerkooperative, die von 1986 bis 1996 bestand. Für ihre Arbeiten als Künstlerin hat Dagmar Schmid ihren Geburtsnamen Fedderke beibehalten. Heute lebt sie in Frankreich an der Loire.

Die Künstlerin Dagmar Fedderke und die Historikerin Helga Magdalena Thienel vor den Werken. (v.l.) Foto: Privatarchiv Dagmar Fedderke / Julia Haas
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Über die Historikerin

Helga Magdalena Thienel ist Freiberuflerin im Bereich Stadtforschung, Kultur, Geschichte und Biografien. In Zusammenarbeit mit der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel veranstaltet sie seit mehreren Jahren die dreiteilige Isebek-Führung „Leben am Lauf eines verschwundenen Baches”.

Fedderke gewinnt die Ausschreibung, reproduziert ihr erstes Werk aus der Bellealliancestraße an mindestens neun weiteren Standorten – genau dort, wo einst die Isebek verlief. Diesmal statt auf einem Giebel auf Mauern und Gittern, dem ehemaligen Brückengeländer der Isebek. Anders als die meterhohen Wandmalereien geben die bemalten und an Gittern montierten Holzspanplatten einen authentischen Eindruck: In ihrer Breite stimmen Zeichnung und Isebek überein – knapp einen Meter.

Das Bild, das Fedderke von der Isebek malt, verschleiert die unhygienischen Zustände, „erzeugt Aufmerksamkeit” und beweist „eindeutige Verständlichkeit”, wie es die Ausschreibungskriterien verlangten. Geometrische Formen prägen die Darstellung: Wellen wie Dreiecke, Luftpartikel wie Vierecke, Bäume wie Kreise. Doch die Kritik blieb nicht aus, erzählt Fedderke: „Manche sprachen von Bäumen wie Tennisschläger und Luft wie Wackersteine.”

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Eis- oder Eisenbach

Während „Bek” als Bach übersetzt werden kann, gibt es für das plattdeutsche Wort „Ise” zwei mögliche Bedeutungen: Eis oder Eisen. Beide sind plausibel: Eisbach, weil das Wasser in der Isebek immer sehr kalt war. Eisenbach, weil das Wasser und damit auch Bachgrund und -ränder sehr eisenhaltig waren.

In letzterem wittert die SAGA Protest, will in einem Arbeiterstadtteil wie Eimsbüttel keine Steine durch die Luft fliegen sehen. Fedderke weiß von der Rebellion, die in der Luft liegt, wenngleich die Künstlerin sie nicht impliziert, und hält die Vierecke klein. Die Isebek wird nicht zum Protest der in den 70ern und 80ern aufblühenden Wandmalereibewegung, kein Ausdruck politischer Unruhen. Während andere europäische Künstler ihre Wandmalereien politisch aufladen und darin sozialkritische Botschaften vermitteln, fügt sich Fedderke den Regularien der Kunst im öffentlichen Raum, erinnert in ihren Wiederholungen an den Bachverlauf.

Was bleibt

Für 20 Jahre garantierte Fedderke, ihre Kunstwerke instandzuhalten. Dass Teile der Kunstreihe bis heute von der ehemaligen Isebek zeugen, ist Helga Thienel zu verdanken. In Eigenverantwortung setzt sie sich für die Sanierung der Überreste ein oder greift selbst zum Putzschwamm, um die Isebek wieder freizulegen. Nicht alle Schilder konnten so erhalten bleiben, aber zumindest ein Großteil.

Dass es so bleibt, liegt auch in der Hand von Bezirksamt, Wohnungsunternehmen und Hausbesitzern, die der Kunstaktion und damit der Isebek eine Leinwand geben. Was heute nicht mehr zu sehen ist, gleicht die Stadtforscherin mit historischen Fakten aus. Mit der Geschichtswerkstatt veranstaltet Thienel seit knapp 15 Jahren Führungen zum verschwundenen Bachlauf der Isebek. Sofern es Corona zulässt, bietet sie die Tour ab Herbst wieder an. Denn die Faszination für Eimsbüttels begrabenen Bach scheint längst nicht abzureißen.

Hier floss die Isebek: Schild in der Eimsbütteler Straße Ecke Bellealliancestraße und Wandmalerei in der Vereinsstraße. Foto: Maya Habryka
Hier floss die Isebek: Schild in der Eimsbütteler Straße Ecke Bellealliancestraße und Wandmalerei in der Vereinsstraße. Foto: Maya Habryka

Warum die Isebek also nicht ganz zurückholen – renaturieren? Für Thienel ist das keine Option. Der Grund: Die Isebek entsprang nicht einer Quelle, sondern einem Quellgebiet. Im Umkehrschluss bedeutet das: Es reicht nicht, eine alte Quelle wieder freizulegen – es müsste auch Oberflächenwasser, zum Beispiel Regenwasser, gesammelt werden. Und selbst dann wäre die Isebek vor allem wieder eines: ein stehendes Gewässer. Im Sommer ein Paradies für Mücken, weniger aber für angrenzende Wohnungen.

Doch auch wenn die Isebek nicht in ihrer Ursprungs­form durch Eimsbüttel fließt, bleibt sie erhalten – in der Kunst und in der Geschichte.

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„der” Isebek

Auf historischen Landkarten findet sich häufig die Bezeichnung „der” Isebek – abgeleitet von der Bekkr (altnordisch für der Bach). In den letzten Jahrzehnten hat sich Isebek jedoch als weibliches Substantiv etabliert – deswegen schreiben wir hier „die” Isebek.


Der Isebekkanal

Ein nahezu toter Arm der Alster: Nur über den Ottersbek fließt Frischwasser in den Isebekkanal. In den 1880er Jahren wurde er zur Erschließung von Bauland gebaut. Er diente der Trockenlegung von Gebieten und dem Transport von Baumaterialien.

In den 1960er Jahren sollte der Kanal zugunsten einer neuen Autobahn verschüttet werden. Die Initiative „Rettet den Isebekkanal!” verhinderte das Vorhaben.

2010 gab es dann Planungen, den Grünzug am Isebekkanal zwischen Weidenstieg und Hoheluftbrücke mit Bürogebäuden zu bebauen. Ein Bürgerentscheid unterband das Vorhaben.

Noch heute markiert der Isebekkanal den ursprünglichen Bachabschnitt der Isebek vom Weidenstieg bis zur Alster.

Hier befinden sich die Kunstwerke von Fedderke. Fotos: Maya Habryka

Richtigstellung: Die im Text angesprochene Künstlergarantie bezog sich ausschließlich auf das von der SAGA beauftragte Kunstwerk in der Bellealliancestraße. Dabei ging es vorrangig um die farbliche Instandhaltung durch die Künstlerin Dagmar Fedderke. Alle Werke, die im Rahmen der “Stadterneuerung in kleinen Schritten” entstanden, sind hiervon ausgenommen.

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