Die Osterstraße wird wieder frei – Eine Bestandsaufnahme
Die Fernwärmebaustelle in der Osterstraße wird fertiggestellt. Für viele der Betriebe bedeutet das: aufatmen. Doch welche Spuren hat die Baustelle in den letzten zwei Jahren in der Einkaufsstraße hinterlassen?
Von Nina FreierBereits seit 2024 sorgen die Leitungsbauarbeiten für die neue Fernwärmeleitung „Spange Haferweg–Grindel“ für Aufsehen. Mit der Baustelle gingen massive Absperrungen einher, die vor allem Anwohner und Gewerbetreibende in der Osterstraße in ihrem alltäglichen Handeln einschränkten. Große Straßenabschnitte waren gesperrt, der Busverkehr der Linie 4 umgeleitet, Lieferzonen blockiert und Ladeneingänge schwer zugänglich.
Die Baustelle verschwindet
Die Prognosen der Hamburger Energiewerke für das Ende der Fernwärmebaustelle lagen bei Ende Oktober. Für den 26. Oktober 2026 wurde nun das offizielle Ende angekündigt. Die Buslinie 4 konnte bereits drei Tage früher, am 23. Oktober, wieder ihren Betrieb aufnehmen.
Am letzten Oktoberwochenende sollte auch die Kreuzung Osterstraße/Hellkamp fertiggestellt werden, sodass die gesamte Osterstraße am Montag, dem 2. November, wieder vollständig befahrbar ist.
Nach Angaben von Energiewerke-Sprecher David Kappenberg stehen noch vereinzelte Arbeiten an den Mittelinseln und Gehwegen an. Zudem kommees Anfang November durch das Befüllen der Fernwärmeleitungen zu kleineren Verkehrseinschränkungen.
Das Labyrinth Eimsbüttel
Erst im Oktober 2015 begann das letzte große Bauvorhaben in der Osterstraße: Im Rahmen der Stadtraumerneuerung wurde die Straße für 7,5 Millionen Euro neu gestaltet, heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt Hamburg vom 25. Oktober 2016. Die Arbeiten zogen sich bis 2017 hin.
Den Beschluss einer weiteren so großen Baustelle bezeichnet Til Bernstein, Vorsitzender des Interessenverbandes Osterstraße e.V., als Fehlentscheidung. Die Ergebnisse der zuvor umgestalteten Osterstraße seien wieder zerstört worden. Für die Betriebe bedeutete das erneut Einschränkungen im Alltag: Bagger und Bauzäune direkt vor der Tür.
Bernstein vergleicht die öffentlichen Strukturen Eimsbüttels mit dem Gesellschaftsspiel „Das verrückte Labyrinth“. Sobald ein Kärtchen geschoben wird, tut sich ein neuer Weg auf und ein anderer verschließt sich wieder. Von Baustellen gebe es in Eimsbüttel genug: Verschwindet eine, erscheint die nächste.
Wie geht es der Osterstraße?
Zwei Jahre hat die Fernwärmebaustelle nun gedauert. Dabei wurden immer wieder Termine verschoben. „Wir sind müde, niemand fühlt sich hier verantwortlich“, sagt Denise Nötzold, Inhaberin des Ladens „Mienbüttel“ in der Osterstraße. Die Baustelle sei schlecht geplant gewesen. Sie beschreibt die letzten Jahre als sehr herausfordernd.
Bisher wisse sie von insgesamt 13 angemeldeten Insolvenzen. Einige Läden, die lange fester Bestandteil der Osterstraße waren, mussten bereits schließen – darunter das Schreibwarenkontor und der der Kilo-Laden.
Nötzold selbst musste in dieser Zeit 50 Prozent ihrer Mitarbeitenden, sprich sechs Personen, entlassen. Es sei ein langer Prozess des „Aushaltens“.
Bernstein sagt, dass die Betreibenden psychisch und physisch am Ende seien. Er habe in den vergangenen Jahren regelmäßig Seelsorger gespielt.
Hilferuf an den Bürgermeister
Viele Ladeninhaber haben entweder Kredite aufgenommen oder ihre Altersvorsorge angetastet, um ausbleibende Umsätze zu überbrücken, erzählt Linda Langer, Inhaberin des Ladens „Nachmacher X“. Sie setzt sich schon lange für die Gewerbetreibenden ein. So formulierte sie im September einen offenen Brief an den Ersten Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher.
Darin fordert sie Unterstützung und mehr Aufmerksamkeit für alle Gewerbetreibenden in und um die Osterstraße, die durch die Baustelle Verluste erlitten haben und sich in existenziellen Notlagen befinden. Das Wichtigste sei, konkrete Lösungen zu finden. Siebenundsechzig Unternehmen unterschrieben den Brief – bislang blieb er jedoch unbeantwortet.
Die Osterstraße hat Kreislaufprobleme
Neben der zunehmenden Bürokratie mit Finanzamt und Vermietern würden weitere Probleme hinzukommen, die den Betrieben Sorgen bereiten.
„Es ist ein wilder Kreislauf von Problemen, die sich da irgendwie breitmachen“, sagt Linda Langer. Den Unternehmen gehe es durch die ausbleibenden Einnahmen schlecht. Auch beim Sortiment stelle dieses Problem eine Hürde dar: Es stehe weniger Geld zum Wareneinkauf zur Verfügung, wodurch Anschaffungen besser überlegt sein müssten. Zudem blieben Produkte wegen des geringeren Kundenaufkommens länger im Laden, wodurch die Kundschaft nicht regelmäßig Neues zu sehen bekomme, so Langer.
Wurde Eimsbüttel vergessen?
Bernstein sagt, der Mensch sei ein Gewohnheitstier. Es gebe die Osterstraße nur noch, weil viele Eimsbütteler sehr lokalpatriotisch seien und trotzdem noch hier einkaufen würden. Die Straße sei allerdings auch stark von Kunden aus anderen Stadtteilen abhängig. „Die Leute waren jetzt zwei Jahre lang weg und fühlen sich inzwischen vielleicht auch woanders beim Einkaufen wohl“, sagt der Vereinsvorsitzende. Auch die Parksituation in der Osterstraße sei nicht unbedingt förderlich, um mehr Menschen anzulocken.
Auch Langer sorgt sich, dass das Quartier in Vergessenheit gerät. Die Leute hätten sich mittlerweile daran gewöhnt, an Eimsbüttel vorbeizurauschen. „Wenn zwei Jahre lang in den Köpfen steckt, dass es hier keine Parkplätze gibt, kommen die Leute dann wieder? Kriegen die das überhaupt mit? Es ist ja nicht so, dass die Osterstraße wieder auf ist und wir auf einen Schlag Friede, Freude, Eierkuchen haben.“ Mit der Wiedereröffnung sei zwar die größte Hürde überwunden, jedoch seien die Nachwirkungen enorm.
Die Wiedereröffnung
In der ersten Novemberwoche möchte die Osterstraße ihre „Wiedereröffnung“ feiern. Vom 5. bis zum 8. November gibt es Coupons für teilnehmende Läden sowie Gratis-Rikschafahrten, Musik und Late-Night-Shopping. Bernstein betont, wie sehr er sich über die finanzielle Unterstützung der Hamburger Energiewerke freue. Diese seien schließlich diejenigen, die ausbaden müssten, dass damals der Bauentscheid für die Osterstraße fiel.
„Es sind richtig, richtig viele Menschen, die normalerweise von außerhalb kommen. Wer weiß, vielleicht haben die jetzt alle einen anderen schönen Platz zum Einkaufen gefunden. Aber vielleicht kommen sie zur Wiedereröffnung auch alle wieder“, hofft Langer.
lokal. unabhängig. unbestechlich.
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