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Die Schöne Marianne
Foto: Vanessa Leitschuh
Magazin #21

Die schöne Marianne: Eimsbüttels schillernde Unternehmerin

Ihr Charme lockte Gäste von weit her in ihr Eimsbütteler Lokal. Doch der Ruhm der schönen Marianne schlug bald ins Gegenteil um. Die Geschichte einer Gastronomin, die Herzen wie Gläser klirren ließ.

Von Vanessa Leitschuh

Der Heußhof, das La Belle Alliance und das Haus der schönen Marianne. Das waren die Gastwirtschaften, für die Anfang des 19. Jahrhunderts Hamburger ihren Weg aus der Stadt in das Dorf Eimsbüttel ­fanden. Während Erstere mit Lustgär­ten, ­üppigen Speisen oder Kegelbahn lockten, war es in der Mariannenruh die Wirtin selbst, für die man anreiste.

Das Lokal war unscheinbar, ein bäuerliches Holzhäuschen ­mit kleinem ­Garten. Aber Erzäh­lungen üb­er die schöne Wirtin der Mariannenruh fegten weit über Eimsbüttels Grenzen hinaus. Sie wurde zur Sehenswürdigkeit, und bald klopften Scharen von Besuchern bei der Gastwirtschaft an.

Die „schöne Marianne” war Johanna Maria Caroline Ruaux, am 2. Juli 1802 in Altona geboren. Ihre Eltern, beide Franzosen, waren wohl Revolutionsflüchtlinge aus der Normandie. 1800 kaufte ihr Vater ein Grundstück in Eimsbüttel, die Emahusbleiche nahe des Eimsbütteler Marktplatzes. Dort betrieb er eine Wäscherei und Bleicherei. Nach zwanzig Jahren stellte er seine Geschäfte ein und verkaufte den Besitz. Doch die Familie durfte wohnen bleiben und eröffnete in dem Haus eine Gastwirtschaft, die Tochter Marianne ab 1824 selbst führte.

Umschwärmte Sehenswürdigkeit

Schon bald war das Wirtshaus so bekannt, dass es in einem Fremdenführer als Attraktion gefeiert wurde: „Das Lokal besteht nur aus einem kleinen Haus und Garten. Aber die Besitzerin, die zugleich auch die sehr angenehme und gefällige Wirtin ist, zeichnet sich in der Tat durch eine seltene […] Schönheit und Gesichtsbildung aus.”

Was die gefällige Wirtin ausmachte? „Sie war eine holsteinische Schönheit: groß, fest und körnig”, schrieb der Schriftsteller Eduard Beurmann. Und mit Augen, „die wie der Plöner See schmachtend da lagen, von edlen, langen Seidenwimpern beschattet wie jener von duftigem Grün.” Künstler malten sie, Dichter schrieben über sie, aber unsterblich machte sie Heinrich Heine. In seinen „Memoiren des Herren von Schnabelewopski” nennt er die schöne Marianne als dritte von zehn Sehenswürdigkeiten Hamburgs, gleich nach Rathaus und Börse: „Ein außerordentlich schönes Frauenzimmer” – aber eines mit Haaren auf den Zähnen, schrieb er.

Auf einem Grünstreifen auf dem Eimsbütteler Marktplatz erinnert ein Gedenkstein an Marianne Ruaux. Foto: Alana Tongers

Selbst der Herzog von Braun­schweig zählte zu ihren Verehrern, den sie aber – wie viele andere – abwies. So galt die umschwärmte Schöne als nicht leicht zu haben. Trotzdem oder gerade deshalb pilgerte die Männerwelt in die Mariannenruh. Besonders voll wurde es an Markttagen. Dann war die Wirtschaft teilweise so gut besucht, dass sich Schlangen bildeten wie in Eimsbüttel heute nur noch vor mancher Konditorei. An diesen Tagen verlangte Marianne sogar Eintritt.

Zwischen „Lütt und Lütt” und ihrer Lütten

Doch der Mariannenkult währte nur so lange, wie der Jagdinstinkt der Männer. Im Jahr 1831 brachte sie eine uneheliche Tochter zur Welt. Vater der kleinen Emilie war John Jochmus, Sohn einer wohlhabenden Hamburger Kaufmannsfamilie. Dessen Vater sah das Treiben seines Sprösslings nicht gern und schickte John nach Amerika.

Marianne war auf sich gestellt, stand zwischen Kind und Karriere. Sie hatte die Mariannenruh noch vor der Geburt verkauft, überließ Emilie die ersten Jahre ihrer Mutter und eröffnete ein neues Lokal am heutigen Doormannsweg. Fünf Jahre nach Emilies Geburt heiratete Marianne mit mittlerweile 34 Jahren einen arbeitslosen Kaufmann aus Leipzig, Robert Schindler. Er erkannte Emilie, die bisher nicht getauft und womöglich nicht einmal gemeldet war, als seine Tochter an.

Über die Hochzeit spottete die Literaturzeitschrift „Zeitung für die elegante Welt”: „Unser zweiter Verlust ist Ma­rianne Ruaux, unter dem Namen der schönen Marianne weltbekannt. Seitdem Heine sie in seinen Reisebildern als public character einführte, hat sie sich unschuldigerweise einen immer ausgebreiteteren quasiliterarischen Ruf erworben. Alle über Hamburg schreibenden Autoren hielten es späterhin für ihre Pflicht, der schönen Nymphe von Eimsbüttel zu gedenken […]. ‚Schöne Zeit, ach! nimmer kehrst du wieder.‘ Die eine der reizenden Nebenbuhlerinnen hat ihren Ruhm mit einem gräflichen Gesandten vertauscht und unsere Marianne den ihrigen – mit einer einfachen Mannsperson. Sie ist jetzt verheiratet. Sic transit gloria mundi.” So vergeht der Ruhm der Welt.

„So vergeht der Ruhm der Welt“

Ihr Ruhm war ins Gegenteil umgeschlagen. Als Mutter und Ehefrau war sie nicht mehr die schillernde Schönheit und Trophäe der Männer. Die Familie zog nach Hamburg, vier Kinder bekam das Paar. Doch die Geschäfte liefen nicht.

Zu den Geldproblemen kam die Rückkehr von John Jochmus: Nach vielen Jahren bekannte er sich zu seiner Tochter Emilie und wollte sie in der „feinen Gesellschaft erziehen”. Er erwirkte das Sorgerecht, und Marianne sah ihre Tochter nie wieder. Auch die Ehe mit der „einfachen Mannsperson” ging in die Brüche. Die Ersparnisse aus der florierenden Mariannenruh schwanden, und die gastronomischen Projekte ihres Mannes scheiterten. Robert Schindler musste sich bankrott erklären. Er litt zunehmend an „geistiger Umnachtung”, wie es damals hieß, und überlebte seinen Ruin nur ein knappes Jahr

Marianne Schindler blieb mit vier Kindern und hohen Schulden zurück. Sie betrieb noch ein Hotel und zwei Restaurants in Hamburg. Mit 64 Jahren kehrte sie nach Eimsbüttel zurück, kaufte ihre letzte Gastwirtschaft in der Fruchtallee und arbeitete dort bis zu ihrem 70. Lebensjahr. Während ihrer letzten Jahre lebte Marianne Schindler im Kleinen Schäferkamp 14, wo sie zwei Tage nach ihrem 80. Geburtstag starb. 

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