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„Landwirte dürfen keine Lohnsklaven der Discounter sein und dann für die fehlende Nachhaltigkeit im Agrarbereich verantwortlich gemacht werden”, sagt Mathias von Mirbach. Foto: Rainer Wiemers
„Landwirte dürfen keine Lohnsklaven der Discounter sein und dann für die fehlende Nachhaltigkeit im Agrarbereich verantwortlich gemacht werden”, sagt Mathias von Mirbach. Foto: Rainer Wiemers
Fit in den Frühling

Ernährung der Zukunft: Selbstversorger in der Großstadt

Immer mehr Städter ziehen eigene Tomaten und ernten Kürbisse. Ersetzen sie künftig den Ackerbau? Über die Zukunft der Lebensmittelversorgung in Eimsbüttel.

Von Julia Haas

Neue Wege zu gehen, heißt in Moritz Brandts Fall, durch das Fenster zu steigen. Wie selbstverständlich erklimmt er den Holztritt im Wohnzimmer und trippelt die Stahltreppe an der Außenfassade hinunter. Tomatenstauden in Töpfen, Mangold, Kohlrabi, Salat und Brokkoli in Hochbeeten schmiegen sich dort an die rote Klinkerwand. Dreimal täglich schleppt Brandt eine volle Gießkanne nach draußen und erntet im Vorbeigehen Cocktailtomaten.

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Nicht, weil er sich damit selbst versorgen kann, eher um herauszufinden, was mitten in Eimsbüttel in einem Hinterhof der Wiesenstraße möglich ist. Angefangen hat alles mit zwei Setzlingen, die ihm seine Mutter aus dem heimischen Garten mitgab. Mittlerweile geht der 28-Jährige in der Mittagspause in den Baumarkt, um neue Tomatenstangen zu kaufen. Ein Experiment, sagt Brandt, während er welke Salatblätter von der Pflanze knickt. Wie viele Festivaltage überleben die Tomaten ohne Gießen? Wie viele Samen passen in das Hoch­beet, ohne dass sich die Pflanzen kannibalisieren?

Überlegungen, die in einer schlaflosen Nacht weitergesponnen, vielleicht in großen Zukunftsfragen münden: Müssen wir uns in Zukunft selbst ernähren? Wie wird Eimsbüttel 2050 satt? Eine Suche nach Antworten in der Nachbarschaft.

Das Menü der Zukunft

Wer heute einkauft, schlendert durch Müsli-Straßen und Kühlregal-Trassen. Oder greift auf dem Sofa zum Smartphone. Den Kühlschrank mit Lebensmitteln aus der ganzen Welt zu füllen, war nie einfacher.

Als das Mehl zu Beginn der Corona-Pandemie knapp wurde, erlebten viele junge Menschen zum ersten Mal, dass sich Supermarktregale nicht automatisch befüllen und äußere Einflüsse zu Engpässen führen können. Wer eine Avocado in seinen Einkaufskorb legt, ist auf globale Lieferketten angewiesen – und die können durch Krisen oder Extremwetter zumindest kurzfristig einbrechen.

Bis 2050 wird es mehr als zehn Milliarden Menschen geben. Sie werden überwiegend in urbanen Räumen leben, konsumieren und essen. Und es wird Wege und Lösungen brauchen, um sie zu ernähren. Vielleicht werden 3D-Drucker entscheidend sein. Vielleicht eine neue Wertschätzung von Lebensmitteln.

Das Bundeszentrum für Ernährung hat sich 2022 in einem Trendreport überlegt, wie sich Deutschland zukünftig ernährt. Daraus hervorgegangen ist ein „Menü der Zukunft”, das sich aus drei Faktoren speist.


Erster Gang: Essen zu Hause ist regional & saisonal

Laut dem „Menü der Zukunft” wird zu Hause Essen ein bewusster Akt, mit reichlich pflanzlichen, regionalen und saisonalen Lebensmitteln.

Wenn die Sonne scheint, schlängelt sich ein gelber Gartenschlauch von Carolin Fischers Küche durchs Wohnzimmer auf die Terrasse. An der Trennwand zur Nachbarterrasse stehen zwei Holzbretter. Ihr Einsatz beginnt, wenn der des Gartenschlauchs endet. Bei Regen baut Carolin sie wie ein Dach über den Tomaten auf.

Seit einem Jahr lebt sie mit ihrem Mann und den gemeinsamen Kindern in Lokstedt. Hier macht sie möglich, wonach sie sich in der vorherigen Wohnung mitten in der Stadt lange sehnte: Gemüse und Obst selbst anzupflanzen.

Wie eine Künstlerin präsentiert Carolin ihr Werk: ein Hochbeet, selbst gebaut aus Paletten, die sie bei Ebay gekauft hat. Im Frühjahr, als ein Sturm die Äste von den Bäumen riss, sammelte sie mit ihrem Sohn die Zweige, legte sie ins Hochbett und füllte alles mit Erde auf. Im Sommer wuchsen darauf Tomaten, Salat, Mangold und Kürbisse. Im Herbst stehen Kürbissuppe und Tomatensoße in Gläsern im Vorratsschrank, ein letzter Mangold thront im Beet.

Noch kann Carolin Fischer ihre Familie nicht von der Ernte ernähren. Über ihren Mangold freut sie sich trotzdem. Foto: Julia Haas

Es ist das erste Jahr, in dem Carolin keinen Kürbis und keinen Mangold auf dem Wochenmarkt kauft. Und es ist das Jahr, in dem ihre Kinder verstehen, dass Jahreszeiten bestimmen, wann die Erdbeeren rot werden – nicht der Supermarkt.

Fischer freut sich, dass ihre Kinder im Garten ein neues Verständnis für Lebensmittel entwickeln. Und sie freut sich über die kleinen Ersparnisse, die der Selbstanbau bringt. Aber sie weiß: Eine vierköpfige Familie in der Stadt selbst zu ernähren? Eigentlich unmöglich.

Urban Gardening ist ein Trend, der viele Aspekte aufgreift”, zitiert das Leibniz-Zentrum für Agrar­landschaftsforschung den Experten Ingo Zasada. Dabei gehe es um gesunde Lebensmittel, Bio-Qualität, gärtnerisches Wissen und Bildung. Den Hunger der Großstadt können Stadtbalkone und Gärten voraussichtlich aber nicht stillen.


Zweiter Gang: Mehr Sinn statt mehr Gewinn

Geht es nach dem Trendreport des Bundeszentrums für Ernährung, ist die Lebensmittel­produktion der Zukunft nachhaltig, transparent und tierfreundlich. Es kommt nicht darauf an, den Gewinn zu maximieren, sondern die Gesundheit und die Umwelt zu schützen.

Karteikarten statt Kassenbons, ein Kühlraum für Obst und Gemüse statt Tiefkühlab­teilung. Der Kattendorfer Hofladen in der Lappenbergsallee hat wenig mit städtischen Supermärkten gemein, mehr mit Tante-Emma-Läden auf dem Dorf. Und das seit 14 Jahren.

„Ich bin mir nicht sicher, ob wir für diesen Monat schon bezahlt haben”, sagt ein älterer Mann am Holztresen, während er einen Kopfsalat in seinen Rucksack packt. Die Frau hinter dem Tresen lächelt und zieht einen Ordner hervor, blättert kurz, dann stoppt der Finger auf einer Seite. „Bezahlt.”

Der Kattendorfer Hofladen funktioniert nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi). Mitglieder zahlen zum Monatsanfang einen festen Betrag und können sich dafür im Hofladen mit Fleisch, Milch, Obst, Gemüse, Kartoffeln und Brotgetreide eindecken. Mehrmals am Tag, wöchentlich, egal, wie oft. Um den Überblick zu behalten und nicht mehr mitzunehmen, als bezahlt wurde, vermerken sie die „Einkäufe” auf Karteikarten.

Wer den Hofladen betritt, hat selten ein fertiges Rezept im Kopf. Es braucht Flexibilität und Offenheit, wenn man sich regional ernährt, sagt Mathias von Mirbach. Seit 25 Jahren betreibt er den Kattendorfer Hof und denkt Landwirtschaft neu – auf dem Acker und im Laden.

Der Kattendorfer Hofladen in der Lappen­bergsallee war 2009 der erste von mittlerweile fünf Höfläden. Foto: Rainer Wiemers

Der Kattendorfer Hof liegt etwa 35 Kilometer nördlich von Hamburg. Beim Anbau geht es nicht darum, möglichst viel aus der Erde zu zwingen, sondern möglichst Vielfältiges. Bis zu 60 verschiedene Kulturen wachsen auf den Äckern – Dinkel, Kartoffeln und andere Feldfrüchte. Die Folge: mehr Insekten, Vögel und Pflanzen. Biodiversität statt Gewinnmaximierung. Das funktioniert, weil es keine Kunden gibt, die nach Bedarf kaufen und zahlen, sondern Mitglieder, die das Konzept stetig finanzieren.

Während der Kattendorfer Hof 2009 noch 230 Mitglieder zählte, sind es inzwischen knapp 1.000. Auch die Zahl der SoLaWis steigt. Das Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zählt 457 SoLaWis in Deutschland. Im Oktober 2021 waren es 368, vor zehn Jahren nur 43.

Alle SoLaWis verfolgen das Ziel, Mensch und Umwelt durch eine nachhaltige Landwirtschaft zu schonen. Wie sie das Konzept umsetzen, gestalten die einzelnen Betriebe individuell. Einige Höfe veranstalten regelmäßige Mitmachtage, um ihre Mitglieder aufs Feld zu bringen. „Wir machen nichts verbindlich, das passt nicht ins Leben der Städter”, sagt von Mirbach. Lebensmittelversorgung muss zwischen Kita und Zahnarzt reinpassen.

Auf dem Acker anpacken können die Mitglieder dennoch. Zum Beispiel, wenn der Kattendorfer Hof einlädt, die Möhren aus der Erde zu holen. In den Tagen danach hören die Mitarbeitenden im Hofladen oft: „Guck mal Mama, das sind unsere Möhren.” Landwirtschaft neu denken heißt für Mathias von Mirbach auch: neue Beziehungen schaffen, die zu mehr Wertschätzung führen. Wie Landwirtschaft betrieben wird, hängt auch von den Endverbrauchern ab. Von dem, was sie kaufen und unterstützen.

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How to Kattendorfer Hof

Einmal jährlich erstellt das Team vom Kattendorfer Hof ein Kostenbudget für den gesamten Betrieb. Die Kosten werden auf die Ernteanteile heruntergerechnet und durch zwölf Monate geteilt. Mitglieder können sich entscheiden, ob sie einen ganzen oder halben Ernteanteil mit oder ohne Fleisch oder rein pflanzlich beziehen. Ein ganzer Anteil mit Fleisch kostet rund 250 Euro pro Monat. Weitere Lebensmittelprodukte wie Nudeln, Kekse oder Saucen können im Kattendorfer Hofladen zusätzlich gekauft werden. Auch Nicht-Mitglieder sind willkommen.

Hofladen der solidarischen Landwirtschaft in der Lappenbergsallee 36. Foto: Rainer Wiemers
Der erste Hofladen hat 2009 in der Lappen­bergsallee eröffnet. Inzwischen gibt es vier weitere Läden in Barmbek, Winter­hude, Othmarschen und in der Schanze. Foto: Rainer Wiemers

Zahlen, bitte

Zwei LKWs fahren sechs Touren pro Woche nach Hamburg und beliefern die Hofläden mit Lebensmitteln. Das entspricht 20 Transport­­kilometern pro Mitglied und Jahr.

Der Kattendorfer Hof zählt knapp 1.000 Mitglieder. Da nicht jedes Mit­glied einen ganzen Ernteanteil bezieht, liegt die Zahl der ganzen Ernteanteile bei 630, insgesamt wären 800 möglich.


Dritter Gang: Die Stadt versorgt sich selbst

Laut dem „Menü der Zukunft” findet der Anbau von Obst und Gemüse nicht nur im Umland, sondern auch mitten in der Stadt statt. Was konsumiert wird, wächst auf Dächern und an Wänden der Häuser.

In der Wiesenstraße, bei Moritz Brandt, gedeihen Salat, Tomaten und Mangold auf einer gepflast­erten Gemeinschaftsfläche im Hinter­hof. Sie ist kaum größer als der Balkon einer Eimsbütteler Altbau­wohnung. Theoretisch können alle Hausbewohner die Fläche nutzen. Derzeit stehen nur Moritz’ Hochbeete, Töpfe, ein Balkontisch und vier Stühle dort. „Es ist nicht meins, aber irgendwie doch”, sagt der 28-Jährige und grinst: „Ein Glücksgriff.”

Moritz Brandt gärtnert in einem Hinterhof der Wiesenstraße. Foto: Julia Haas

Wer keinen Balkon oder keine Terrasse hat, kann in Eimsbüttel auf alternative Optionen zurückgreifen. Zum Beispiel einen Kleingarten­verein oder die Saisongärten Ramcke in der Eidelstedter Feldmark. Hobbygärtner können dort Feld­parzellen saisonweise mieten und Gemüse, Blumen oder Kräuter anpflanzen.

Der Vorteil: Der 20.000 Quadrat­meter große Acker, aufgeteilt in bis zu 350 Parzellen, wird von den Inhabern gepflügt, geeggt, gewalzt und gedüngt. Gartengeräte sind ebenso vorhanden wie Wasser und Informationen zum Gemüseanbau.

Urban Farming: Mehr als Tomaten auf dem Balkon

Mit Saison- und Kleingärten, Balkonen, Terrassen und Hinterhöfen etwa 270.000 Einwohner im Bezirk satt bekommen? Unwahrscheinlich. In verschiedenen Ländern gibt es deswegen erste Pilotprojekte für Urban Farming. Das bedeutet, mitten in der Stadt im großen Stil anzubauen: In Rotterdam wachsen in einem ehemaligen Schwimmbad Speisepilze, in Montreal erstreckt sich ein Gewächshaus auf 15.000 Quadratmetern Dachfläche.

Auch in Deutschland gibt es dazu Ansätze. Im Mai 2021 eröffnete Rewe einen Pilotmarkt in Wiesbaden-Erbenheim, der Urban Farming betreibt. Auf dem Dach sollen jährlich 800.000 Basilikumpflanzen wachsen. Gleichzeitig werden dort rund 20.000 Fische gezüchtet und vor Ort verarbeitet.

Rewe sagt, weitere Green Farming Supermärkte seien in Planung. Zu den Standorten will sich der Pressesprecher nicht äußern. Mit jeder Basilikum- und Fischfarm können rund 500 Rewe-Märkte im Umfeld versorgt werden, weshalb es bundesweit wohl nur zehn solcher Objekte bräuchte.

Edeka Niemerszein sagt, „aufgrund unserer Standorte im sehr urbanen Umfeld und in der Regel mit Wohnungsbau über unseren Läden, ist es uns leider nicht möglich, diese Anbauformen umzusetzen. Dazu bräuchte es deutlich mehr Platz”.

Das Bezirksamt sagt, Projekte der „essbaren Stadt” habe man in Eimsbüttel derzeit nicht.

Ein Professor für umweltgerechte Stadt- und Infrastrukturplanung sagt, das Thema spiele eine große Rolle in der Diskussion um eine klimaresiliente Stadt. Was fehle, ist die systematische Einbeziehung in Planungen und das Schaffen von eindeutigen rechtlichen Rahmenbedingungen, die dies befördern.

Urbane Landwirtschaft, Food-Sharing und 3D-Drucker – welche Trends in der Lebensmittelversorgung haben eine Zukunft?

Ernährungswissenschaftlerin Anja Carlsohn schätzt im Interview die Trends ein.


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