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Bernd Morgenthal schätzt den Austausch mit den Pflegekräften im Albertinen Krankenhaus in Schnelsen. Foto: Rainer Wiemers
Bernd Morgenthal schätzt den Austausch mit den Pflegekräften im Albertinen Krankenhaus in Schnelsen. Foto: Rainer Wiemers
Magazin #35

Ein Ehrenamtlicher, der Sterbende begleitet

Bernd Morgenthal besucht Menschen in ihrer letzten Lebensphase. Wie sich sein Verhältnis zum Sterben verändert hat.

Von Julia Haas

Bernd Morgenthal geht einen Krankenhausflur entlang, Pflegerinnen und Pfleger lächeln ihm entgegen. Mor­gen­thal ist hier kein Unbekannter.

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Mindestens einmal pro Woche kommt er für mehrere Stunden auf die Palliativ-Einheit und besucht Patienten, für die es keine Heilung gibt. Er hört ihnen vor allem zu, übernimmt aber zum Beispiel auch Besorgungen.

Seit über zehn Jahren engagiert er sich bei den Maltesern als ehrenamtlicher Sterbebegleiter. Im Albertinen Krankenhaus in Schnelsen besucht er Patienten auf ihrem letzten Lebens­abschnitt.

Wie ist das mit dem Sterben eigentlich?

Jetzt sitzt Morgenthal im Besucher­zimmer der Station, vor ihm liegt eine Mappe auf dem Tisch. Er ist 80 Jahre alt, an seiner linken Hand trägt er einen Ehering. Das Besuchszimmer ist ein heller Raum mit Glasfront. Dass sich hier ­dunkle Momente abspielen, verraten die Taschentücher auf dem Tisch. Morgenthal zeigt auf sie, wenn er von Gesprächen mit Angehörigen erzählt. Dann greift er zur Mappe. Seine Gedanken sind auf weißem Papier ausgedruckt, damit er nichts vergisst. Auf einer Seite steht „Meine Motivation und Haltung”. Darunter folgen ­mehrere Punkte.

„Durch das Begleiten zur Ver­besserung der Situation von Schwer­kranken und Sterbenden beitragen”, steht ganz oben. Einerseits ist da die Welt und mit ihr viel Bedrückendes, erklärt Morgenthal. „Aber ich kann nicht alles ändern.” Was er kann, ist eine Kleinigkeit verbessern – nicht in der großen Welt, aber in der persönlichen Welt der Palliativ-Patienten.

Die Angst

Andererseits ist er hier, weil das Sterben in seinem Alter eben passiert. „Ich wollte gucken, wie das läuft”, sagt er mit einer Verständlichkeit, die einen wundern lässt, warum das nicht jeder macht.

Wahrscheinlich liegt es an der Angst vor dem Sterben, die viele zurückhält. „Krebs hat einen schlechten Ruf”, sagt er. Vor allem bei denen, die die Krankheit nicht haben und nicht mit ihr leben. Auch ihm ging es so.

Trotzdem entschied er sich, eine Ausbildung zum ehrenamtlichen Sterbebegleiter zu machen.

Der erste Besuch

In Morgenthals früherem Leben ging es nie um weiße Kittel und Krankenakten. An einer Berufsschule unterrichtete er Elektrotechnik und begleitete junge Menschen auf ihrem Weg ins Berufsleben. Als die Rente kam, löste er ein, was er seiner Tochter versprochen hatte: Zeit für die Familie, Zeit für die drei Enkelkinder. Als sie groß waren, suchte Morgenthal eine neue Aufgabe – und fand sie zufällig in einer Anzeige der Malteser: Begleitung für Schwerkranke und Sterbende.
Kurz vor seinem ersten Besuch an einem Krankenbett übermannte ihn die Aufregung. Herzklopfen. Angst machte sich in seinem Kopf breit. Als er zum ersten Mal die Tür in ein Patientenzimmer öffnete, war er alleine.

Aber nur für einen kurzen Moment. Morgenthal geht auf Menschen zu, stellt Fragen und interessiert sich. So machte er es auch, als er die Zimmertür schloss, einen Stuhl neben das Bett zog und zu reden begann. Der erste Kontakt war schnell geknüpft.

Heute begleitet er neue Ehren­amtliche bei ihrem ersten Besuch. Das hat er so entschieden.

Zu Besuch am Krankenbett

Wenn Morgenthal ein Kranken­zimmer betritt, weiß er, wo die Stühle stehen und wie sich die Bremsen am Nachtisch lösen. Und er weiß, welche Frage er vor allen anderen stellt.

„Wie geht es Ihnen jetzt?”, fragt er und zieht einen Stuhl neben das Krankenbett. Seine Knie berühren die Bettkante.

Alles okay, gleich geht es los, Hunger, nicht viel Zeit. Immer ­wieder winkelt der Patient seine Beine unter der Decke an, streicht sich mit den Händen durchs Haar. Er wartet auf ­eine Magenspiegelung.

Morgenthal versteht sich als Zuhörer. Er versucht, die Stimmung zu lesen und darauf zu reagieren. Manchmal bedeutet das auch, den Raum wieder zu verlassen. Jetzt bleibt er. Er folgt dem Patienten im Gespräch vom Banalen ins Entscheidende.

„Hat der Rettungswagen Sie ins Krankenhaus gebracht?”, fragt er. Es war seine Verlobte, erzählt der Patient. Er ist 61 Jahre alt und hat Krebs. Mit dem Erzählen wird er ruhiger, seine Bewegungen weniger. Seine Verlobte und er haben ein Wohnmobil, sie sind gerne unterwegs. Jetzt die Krankheit. Manche bekommen sie, andere nicht, sagt er.

Wertschätzung und Dankbarkeit machen den letzten Gang einfacher

Bis zu drei Wochen bleiben die Patienten hier, viele kürzer. Für die meisten ist es der letzte Kranken­hausbesuch, bevor sie in einem Hospiz, zu Hause oder in seltenen Fällen auch auf der Station sterben.

Nicht alle willigen ein zu sterben, sagt Morgenthal. Manche wollen es nicht wahrhaben, akzeptieren nicht, was ihnen bevorsteht. Warum ausgerechnet ich? Eine Frage, die Morgenthal nicht beantworten kann. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, jede Haltung zu respektieren und mit seinen Fragen den Fokus weg von der Krankheit hin zum Leben zu lenken.

Ein Mann habe ihm mal von seinem Leben auf der See erzählt, von den Landgängen und den Mädchen, die er traf. Er sei glücklich gewesen, habe sein Leben gelebt. „Jetzt konnte er sterben.” Wertschätzung und Dankbarkeit machen den letzten Gang einfacher – das hat Morgenthal in den letzten Jahren gelernt.

Nicht immer können die Patienten mit Morgenthal sprechen. Wenn ­ihre Krankheit es nicht zulässt, reicht er seine Hand, ist einfach da. Auch in Momenten, in denen Menschen vor Schmerzen stöhnen. Dann versucht er, die Schwere mitzutragen – das Leiden gemeinsam auszuhalten.

Egal, wie viel Zeit bleibt

Vor kurzem ist ein Mann in Morgenthals Nachbarschaft schwer erkrankt. Seine Frau wusste nicht, wie es weitergeht. Morgenthal hat das Gespräch gesucht und mit ihr besprochen, welche Möglichkeiten und Hilfen es gibt. Früher hätte er das nicht gekonnt.

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Inzwischen hat der Tod für ihn an Dramatik verloren. Dafür hat er seine Vorwehen zu oft erlebt. Wer immer wieder aus dem Flugzeug springt, vergisst irgendwann die Aufregung. Der Gedanke an das Sterben ist für ihn etwas weniger bedrohlich geworden – das Leben dafür umso wichtiger. Egal, wie viel Leben einem bleibt, es geht darum, dass möglichst viel darin stattfindet. Da ist er sich heute sicher.


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