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New-Work-Vorreiterin Elly Oldenbourg im Interview
Elly Oldenbourg (36) begann 2015 ihr Verständnis von Leben und Arbeit neu zu definieren: Sie reduziert die berufliche Komponente, vergrößert den sozialen Aspekt. Foto: Xenia Bluhm
Magazin #22

»Das Maximum ist nicht immer das Optimum«

Drei Tage im Jobsharing, vier Tage selbstständiges Wirken und Schaffen: Elly Oldenbourg möchte ihrer Zeit Sinn geben und andere dazu ermutigen, es ihr gleich zu tun. Die Frage, wie sie alles unter einen Hut bekommt, nervt die Mutter und Eimsbüttlerin und empfindet sie als „old work“, geht es doch um viel wichtigere Aspekte.

Von Julia Haas

Eimsbütteler Nachrichten: Du bist seit über 16 Jahren im Marketing und Vertrieb für internationale Unternehmen tätig, seit einigen Jahren zudem selbstständig, sowie Mutter. Wann hast du gemerkt, dass es ein „new” vor dem „work” braucht?

Elly Oldenbourg: Das war sehr persönlich und nicht, weil ich es als Trend empfunden habe. In meinem Leben hatte sich vieles geändert. Und ich fing an, mir profundere Fragen zu stellen. Ich landete immer wieder beim Faktor Zeit und der Verbindung von Leben und Arbeit.

In unserer aktuellen Arbeitswelt herrscht momentan der Glaubenssatz: „Wer viel beschäftigt ist, ist auch wichtig.” Mir wurde klar: Ich möchte der Idee einer Karriere, die wie ein Hockeystick nur steil nach oben geht, ein anderes Modell entgegenstellen. Die Erwerbstätigkeit soll nicht mehr so wichtig sein, dass ich mich keinen anderen Themen im Leben richtig widmen kann.

Wie hast du deine Erkenntnis in dein Handeln übersetzt?

Ich habe angefangen, meine Arbeit um mein Leben zu bauen und nicht umgekehrt. Zuerst habe ich meinen Unternehmensjob auf drei Tage reduziert. Seit vier Jahren mache ich das im Jobsharing. Außerdem habe ich begonnen, ehrenamtlich zu arbeiten und mich nebenher selbstständig zu machen.

Mein Horizont, meine Selbstwirksamkeit und mein Impact sind dadurch viel größer geworden – für mich, für andere und meinen Kiez. Menschen brauchen mehr als Erwerbsarbeit: Raum und Zeit für Beziehungspflege zu Kindern, Partnern, Freunden, Eltern; für gesellschaftliches Engagement; für Seelenhygiene.

Stichwort Vereinbarkeit: Wie bekommst du das alles unter einen Hut?

Ich bin umtriebig und mache viel, aber dieses „viel” empfinde ich als reichhaltig und in sich stimmig. Davor war ich rastlos. Mittlerweile weiß ich: Das Maximum ist nicht immer das Optimum. Ich will mich nicht mehr verausgaben. Vor allem nicht nur für eine Sache, während andere Fähigkeiten, Interessen oder Bedürfnisse viel zu kurz kommen. Nicht falsch verstehen: Ich mag meinen Unternehmensjob – aber eben nicht nur den. Ich glaube, wenn man Menschen erlaubt, ihre Zeit flexibler zu gestalten, und damit nicht in finanzielle Not bringt, lösen sich viele Probleme von selbst.

Übrigens empfinde ich die Frage nach der Vereinbarkeit von Privat- und Arbeitsleben als sehr „Old Work”. Und sie wird fast nur Frauen gestellt. Das zeigt schon, dass es ein selbstgemachtes Problem in unserem momentanen System ist.

Elly Oldenbourg will ihre Zeit nicht nur der Karriere widmen und ihre Fähigkeiten auch außerhalb der Arbeitswelt einbringen – wie hier beim Morgen.Salon im Café Hadley’s am Schlump. Foto: Xenia Bluhm

Seit vier Jahren arbeitest du im Jobsharing. Wie sieht das aus?

Das bedeutet, zwei Personen teilen sich eine Stelle. Man hat gemeinsame Ziele und Aufgaben. Der größte Vorteil ist: Es gibt immer ein Backup. Wenn ich heute in meiner freien Zeit sehe, dass Mails reinkommen, weiß ich, dass da noch jemand ist. Früher hat mich das enorm unter Druck gesetzt.

Und: Jobsharing ist die beste Schule für Kollaboration und Agilität; zwei Schlagworte, die häufig in der New-Work-Diskussion auftauchen und definitiv zwei der wichtigsten Kompetenzen in der Arbeitswelt der Zukunft sein werden.

In neuen Modellen zu arbeiten und leben, braucht Überwindung. Woher kommt dein Mut und wie ermutigst du andere?

Mutig empfinde ich das nicht, da gibt es ganz andere, viel mutigere Menschen als mich. In meiner persönlichen Lebenswelt kann man es vielleicht als mutig bezeichnen, Dinge zu hinterfragen und sich immer wieder neu aufzustellen – dem eigenen Ego und vielen kritischen Stimmen zum Trotz. Ich werde noch mindestens 35 Jahre Teil der Berufswelt sein. Wenn ich jetzt etwas Neues versuche, was kann ich verlieren?

Neue Arbeitswege ziehen auch finanzielle Aspekte nach sich. Ist die New-Work-Diskussion bisher ein Privileg der Besserverdienenden?

Definitiv, und es nervt mich, dass die Debatte meist nur in einer Blase stattfindet. Die Diskussionen und Handlungen, die eine zukunftsfähige Arbeitswelt braucht, betreffen alle Menschen aus allen wirtschaftlichen Bereichen – nicht nur die, die vor fancy Laptops sitzen. Gleichzeitig sehe ich aber auch, dass Individuen sowie Unternehmen, die es sich leisten könnten, zum Beispiel flexiblere Arbeitszeitmodelle einzufordern bzw. anzubieten, es nicht tun. Sie eifern einem jahrzehntealten Arbeitsideal nach. So entsteht keine neue Nachfrage und damit kein Druck auf Unternehmen oder Politiker.

Welche Rolle spielt dabei aktuell die Coronakrise?

Die Coronakrise hat, glaube ich, vielen gezeigt, dass es jede Menge Arbeiten abseits der Erwerbstätigkeit gibt, um ein Leben und eine Gemeinschaft gesund und lebenswert zu machen. Zum Beispiel die Care-Arbeit und das gesellschaftliche Engagement.

Gleichzeitig werden viele systemrelevante Berufe schlecht bezahlt. Meine Hoffnung ist, dass wir – sowohl im kleinen individuellen System, aber auch im großen Kollektiv – gemerkt haben, dass viele Arbeiten nicht nur unter dem Gesichtspunkt der Produktivität, Gewinnmaximierung und Effizienz betrachtet werden können. Es braucht mehr. Die Krise hat ein Umdenken angestoßen – wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen.

Foto: Xenia Bluhm

Was muss sich für einen langfristigen Wandel ändern?

Aus meiner Sicht, aber auch aus der etlicher Experten, müssen wir als Weltgemeinschaft die Fragen nach unserem Planeten und dem menschlichen Wohlbefinden mindestens auf dieselbe Stufe wie Wachstum und Gewinnmaximierung stellen – wenn nicht sogar höher.

Es braucht endlich Messgrößen, die nicht nur Unternehmen, sondern auch Menschen und der Umwelt gerecht werden. Ich weiß, diese Diskussion ist ein Dickschiff. Aber individuelle Lösungen reichen für strukturelle Probleme nicht mehr aus. Schon gar nicht unter dem Gesichtspunkt der zunehmenden Digitalisierung.

Das bedeutet konkret?

Wir brauchen inklusive und diversere Teams in allen wirtschaftlichen und politischen Entscheidungspositionen, damit Lösungen für eine inklusive und diverse Welt geschaffen werden. Dazu gehört für mich, beispielsweise flexiblere Arbeitszeitmodelle und die Selbstständigkeit gegenüber dem Angestelltendasein zu fördern. Aber auch Lebensläufe mit „Lücken” zu feiern.

Du hast dich in Flüchtlingsprojekten und Altenheimen engagiert, bist Wertebotschafterin bei #GermanDream: Welchen Stellenwert hat ehrenamtliche Arbeit für dich?

Sie hat mir gezeigt, dass ich meine Talente, Fähigkeiten aber auch meine Zeit durchaus sinnvoll anderweitig einsetzen kann. Neben einem Ehrenamt zählen dazu meine selbstständigen Projekte, wie der Morgen.Salon, ein morgendlicher philosophischer Dialog. All das erweitert meinen Horizont. Ich lerne neue Menschen kennen, führe andere Gespräche, verlasse übliche Denkwege. Ich empfinde das als enormen Gewinn – für mich, mein Umfeld und den Beitrag, den ich leisten kann.

beenhere

Morgen.Salon

Vor knapp vier Jahren hat Elly Oldenbourg den Morgen.Salon ins Leben gerufen und mit ihm Gesprächs- und Salonkultur nach Eimsbüttel gebracht. Alle vier bis sechs Wochen diskutieren Gäste und Publikum beim Frühstück im Café Hadley’s am Schlump über Themen, die Mensch und Gesellschaft bewegen.

Aufgrund der Corona-Pandemie kann der Morgen.Salon aktuell nicht stattfinden. Die letzten Treffen sind aber im Morgen.Salon-Live-Podcast nachzuhören.

Du hast selbst einen kleinen Sohn – welche Hoffnungen legst du in die heranwachsende Generation?

Ich hoffe, dass die Gestaltungslust am Leben, das ständige Hinterfragen des Status quo, nicht wegrationalisiert werden.

Was wünschst du dir für die Arbeitswelt der Zukunft?

Die Welt wird digitaler werden, dadurch verschwinden viele Jobs. Ich glaube nicht, dass alle Berufe durch neue kompensiert werden können. Es wird eine große Lücke geben. Deswegen wünsche ich mir, dass wir Arbeit neu und ganzheitlich definieren. Dazu gehört neben der Erwerbstätigkeit auch die Arbeit an sich selbst, an der Gesellschaft und an diesem Planeten. Unser Arbeits- und Anreizsystem muss sich so ändern, dass Menschen nicht mehr zwischen ökonomischer Sicherheit und seelischem Wohlbefinden entscheiden müssen. Dafür wird es mutige Unternehmen und eine mutige Politik brauchen, die vielfältige Arbeits- und Lebensbedingungen aktiv fördert.


Elly Oldenbourg (36) gehört zur Generation Y. Die Neigung, Dinge zu hinterfragen, wurde ihr in die Wiege gelegt. Nach ihrem BWL-Studium entscheidet sie sich für eine Karriere im Marketing und Vertrieb internationaler Unternehmen – darunter Google. 2015 beginnt die Wahl-Eimsbüttelerin ihr Verständnis von Leben und Arbeit neu zu definieren: Sie reduziert die berufliche Komponente, vergrößert den sozialen Aspekt. Elly ist Jobsharer, Unternehmerin, Mutter, Partnerin, Sprecherin, ehrenamtlich aktiv und „New Work”-Praktikerin.

Mehr zu Elly Oldenbourg unter ellyoldenbourg.de oder i-choose.de

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