„Dialog ist kein Begleitprogramm, sondern ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens“
Aktuell laufen die Jüdischen Kulturtage. Im Fokus steht der Austausch – den es viel öfter bräuchte. Ein Gespräch mit David Rubinstein von der Jüdischen Gemeinde Hamburg.
Von Julia HaasDavid Rubinstein ist Geschäftsführer der Jüdischen Gemeinde Hamburg. Er kümmert sich unter anderem um das Joseph-Carlebach-Bildungshaus, bestehend aus Kita und Stadtteilschule, im Grindel – hier hat auch die Jüdische Gemeinde ihren Sitz. Was oft nicht bekannt ist: Nicht nur jüdische Kinder besuchen die Joseph-Carlebach-Schule. Der Anteil liege etwa bei 50 Prozent, sagt Rubinstein. Über die Schule im Grindel hinaus sei Rubinstein wichtig, dass jeder Schüler und jede Schülerin einmal eine Synagoge besucht habe. Um das entsprechend zu begleiten, arbeitet die Gemeinde an Schulungsmaterialien.
Wir haben Rubinstein im Grindel getroffen und mit ihm über die aktuellen Entwicklungen rund um das jüdische Leben in Hamburg gesprochen.
Eimsbütteler Nachrichten: Am 9. November fand auf dem Joseph-Carlebach-Platz eine Gedenkveranstaltung statt, zu der über 500 Menschen kamen. Wie haben Sie diesen Abend erlebt?
David Rubinstein: Der Abend auf dem Joseph-Carlebach-Platz war für mich sehr bewegend. Zu sehen, wie mehr als 500 Menschen zusammenkamen, um der Opfer der Novemberpogrome zu gedenken, hat mich tief berührt. Die Anteilnahme und die vielen persönlichen Gespräche haben gezeigt, wie wichtig es ist, dass wir im ständigen Austausch bleiben und gemeinsam Haltung zeigen. Gerade mit den gezeigten Biografien haben viele Namen die dazugehörigen Gesichter bekommen, was die Menschen deutlich nähergebracht hat.
Novemberpogrome
Während der Novemberpogrome 1938 attackierten Nationalsozialisten das jüdische Leben – Synagogen brannten, Läden wurden geplündert. Auch die Bornplatzsynagoge im Grindel wurde geplündert und geschändet.
Jüdisches Leben sichtbar machen
Wie würden Sie die Beziehung zwischen der Jüdischen Gemeinde und der Nachbarschaft im Grindel heute beschreiben?
Die Beziehung ist heute überwiegend offen, respektvoll und von gegenseitigem Interesse geprägt. Jüdisches Leben gehört selbstverständlich zum Grindel, und viele Nachbarinnen und Nachbarn setzen sich bewusst dafür ein, dieses Umfeld unterstützend zu gestalten. Die Gemeinde ist präsent – durch Einrichtungen, Kulturveranstaltungen und Bildungsarbeit – und die Nachbarschaft begegnet dem in der Regel mit Interesse und Neugier.
In Eidelstedt wurde am 9. November eine Frau angegriffen, als sie Stolpersteine reinigte. Wie geht die Gemeinde mit der zunehmenden Zahl antisemitischer Vorfälle in Hamburg um?
Die Jüdische Gemeinde Hamburg reagiert auf solche Vorfälle mit großer Sorge und Entschlossenheit. Wir stehen in engem Austausch mit den Sicherheitsbehörden, doch es ist die Aufgabe der Mehrheitsgesellschaft, diesem Phänomen des Antisemitismus sich entschlossen entgegenzustellen. Wir machen deutlich, dass jüdisches Leben sichtbar in diese Stadt gehört, und wir lassen uns nicht einschüchtern.
Dialog konsequenter nutzen
Derzeit laufen die Jüdischen Kulturtage. Im Mittelpunkt stehen Dialog und kultureller Austausch. Warum ist dieser Dialog so wichtig – und an welchen Stellen bräuchten wir ihn noch viel stärker?
Der Dialog ist deshalb so wichtig, weil er Vertrauen schafft – und Vertrauen ist die Grundlage jeder offenen, demokratischen Gesellschaft. Die Jüdischen Kulturtage zeigen, wie viel Nähe entstehen kann, wenn wir einander nicht nur zuhören, sondern tatsächlich miteinander ins Gespräch kommen: über Kunst, Geschichte, Alltagserfahrungen und Lebensrealitäten. Begegnung nimmt Vorurteilen den Boden, sie macht Komplexität verständlich und gibt Menschen ein Gesicht, die sonst oft nur als abstrakte Gruppe wahrgenommen werden.
Kurz gesagt: Dialog ist kein Begleitprogramm, sondern ein Grundpfeiler unseres Zusammenlebens – und wir sollten ihn konsequenter nutzen, als wir es bisher tun.
Orte der Offenheit
In der neuen Bornplatzsynagoge sollen auch ein Café und eine Bibliothek entstehen. Welche Rolle können solche Orte der Begegnung für Austausch und Berührungspunkte mit jüdischem Leben spielen?
Café und Bibliothek können in der neuen Bornplatzsynagoge zu echten Brückenräumen werden. Sie schaffen niedrigschwellige Zugänge, bei denen Menschen ohne Berührungsängste ins Gespräch kommen können – ganz unabhängig davon, ob sie bereits Erfahrungen mit jüdischem Leben haben oder nicht. Ein Café lädt dazu ein, einfach vorbeizuschauen, Fragen zu stellen, Veranstaltungen zu besuchen oder persönliche Kontakte zu knüpfen.
Eine Bibliothek wiederum ermöglicht es, Wissen und Geschichte unmittelbar erfahrbar zu machen. Sie bietet Raum für Bildung, Austausch und kritische Auseinandersetzung – und damit auch für ein differenziertes Verständnis jüdischer Kultur und Identität.
Zusammen stärken solche Orte die Offenheit des Gesamtprojekts. Sie zeigen, dass jüdisches Leben ein lebendiger, zugänglicher Teil der Stadtgesellschaft ist, und fördern Begegnungen, die im Alltag sonst kaum zustande kommen würden.
Welche Veränderungen bringt die neue Bornplatzsynagoge mit sich?
Bei der Pressekonferenz im September wurde betont, dass es vor der neuen Synagoge keine Zäune geben soll. Welche Botschaft möchten Sie damit senden?
Mit dem Verzicht auf Zäune vor der neuen Synagoge wollen wir ein klares Zeichen setzen: Jüdisches Leben gehört sichtbar und selbstverständlich in unsere Stadt. Ein offener, zugänglicher Raum steht für Normalität. Wir wollen uns öffnen und Hemmschwellen abbauen.
Was bedeutet der geplante Neubau der Bornplatzsynagoge für die Gemeinde im Hier und Jetzt – ganz konkret im Alltag?
Der geplante Neubau der Bornplatzsynagoge bedeutet für die Gemeinde schon jetzt sehr viel – sowohl emotional als auch ganz praktisch. Im Alltag spüren wir vor allem zweierlei: Zum einen stärkt das Projekt das Selbstbewusstsein und das Zugehörigkeitsgefühl vieler Gemeindemitglieder. Die Aussicht auf ein sichtbares, offenes jüdisches Zentrum mitten in Hamburg gibt vielen das Gefühl, dass jüdisches Leben hier dauerhaft willkommen ist. Zum anderen bringt der Neubau aber auch organisatorische Herausforderungen mit sich. Wir führen mehr Gespräche mit Behörden, viele Entscheidungen im Alltag – von Sicherheitsfragen bis zur Raumplanung – stehen unter dem Vorzeichen dieses großen Projekts. Insgesamt ist der Neubau aber schon jetzt ein wichtiger Antrieb: Er motiviert, verbindet und zeigt, dass die Gemeinde eine Zukunft in der Mitte der Stadt hat.
Symbolische Kraft für ganz Deutschland
Im Bundestag unterstützen nicht nur Hamburger Abgeordnete den Wiederaufbau. Welche Bedeutung hat die Bornplatzsynagoge aus Ihrer Sicht über Hamburg hinaus?
Die Bornplatzsynagoge hat eine Bedeutung, die weit über Hamburg hinausreicht. Sie steht exemplarisch für das reiche jüdische Leben in Deutschland vor der Shoah – und zugleich für dessen gewaltsame Zerstörung. Ihr Wiederaufbau wäre daher nicht nur ein Hamburger Projekt, sondern ein bundesweit sichtbares Zeichen dafür, dass jüdische Kultur und Religion heute wieder selbstverständlicher Teil unserer Gesellschaft sind.
Zugleich ist die Bornplatzsynagoge ein Ort des Erinnerns und der Verantwortung. Sie macht deutlich, dass demokratische Werte, religiöse Freiheit und der Schutz jüdischen Lebens nicht abstrakte Grundsätze sind, sondern konkrete gesellschaftliche Aufgaben. In diesem Sinne hat ihr Wiederaufbau eine starke symbolische Kraft für ganz Deutschland.
Erinnerung lebendig halten, Zukunft gestalten
Die Shoah-Opfer dürfen nicht vergessen werden. Wie erleben Sie den Balanceakt zwischen Erinnern und Zukunftsgestaltung in Hamburg? Und wo sehen Sie politischen oder gesellschaftlichen Handlungsbedarf?
Die Erinnerung an die Opfer der Shoah ist unverzichtbar – sie prägt nicht nur unsere Geschichtskultur, sondern auch unser Verantwortungsbewusstsein als Gesellschaft. Für mich bedeutet dies, einen sensiblen Balanceakt zu vollziehen: Wir müssen einerseits das Gedenken an die Vergangenheit bewahren und die Geschichte lebendig halten, andererseits das gegenwärtige jüdische Leben achten und schützen. Dazu gehört, Orte der Erinnerung sorgfältig zu pflegen, die Bildung über die NS-Zeit zu stärken und gleichzeitig eine offene, vielfältige Stadtgesellschaft zu fördern, in der jüdisches Leben selbstverständlich dazugehört.
Politischer und gesellschaftlicher Handlungsbedarf besteht insbesondere in zwei Bereichen: zum einen in der Bildung, damit junge Menschen die historischen Lehren verstehen und Antisemitismus früh erkennen können. Zum anderen in der alltäglichen Stadtpolitik, zum Beispiel durch gezielte Förderung von Initiativen, die demokratisches Miteinander, Vielfalt und Erinnerungskultur verbinden. Nur so können wir die Erinnerung lebendig halten, ohne die Gestaltung unserer gemeinsamen Zukunft aus den Augen zu verlieren.
Sollte es ein Jüdisches Museum geben?
Im Herbst hat die Kulturbehörde eine Gesprächsreihe über die mögliche Gründung eines Jüdischen Museums für Hamburg durchgeführt. Wie stehen Sie zu dieser Idee – und welchen Beitrag könnte ein solches Museum leisten?
Ich halte die Idee eines Jüdischen Museums in Hamburg für sehr wichtig und begrüßenswert. Hamburg hat eine lange und vielfältige jüdische Geschichte, die sowohl von kulturellem Reichtum als auch von tragischen Ereignissen geprägt ist. Ein Museum könnte diese Geschichte nicht nur dokumentieren, sondern sie auch lebendig vermitteln – für die Stadtgesellschaft, für Besucherinnen und Besucher und insbesondere für junge Menschen.
Ein solches Museum könnte einen Ort der Begegnung, des Lernens und der Reflexion schaffen. Es würde ermöglichen, das jüdische Leben in all seinen Facetten – Religion, Kultur und Kunst – sichtbar zu machen, aber auch die Geschichte von Verfolgung, Widerstand und Überleben zu erzählen. Zugleich könnte es den interkulturellen Dialog fördern und Vorurteile abbauen.
Insofern sehe ich ein Jüdisches Museum nicht nur als kulturelle Bereicherung, sondern auch als einen wichtigen Beitrag zur demokratischen und vielfältigen Identität Hamburgs.
Hinweis: In einem früheren Artikel hieß es, die Bornplatzsynagoge im Grindel wurde während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Der offiziellen Geschichtsschreibung zufolge begann der Zweite Weltkrieg jedoch im September 1939, also mehrere Monate nach den Novemberpogromen.
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