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Stellingen als Hamburgs “Stadteingang Nord” - so die Vision des Forschungsteams von "Die obsolente Stadt". Foto Rainer Wiemers
Stellingen als Hamburgs “Stadteingang Nord” - so die Vision des Forschungsteams von "Die obsolente Stadt". Foto Rainer Wiemers
Wohnungsbau

Stellingen: Ein Stadtteil mit Potenzial

Wer im dicht besiedelten Eimsbüttel keine Wohnung findet, weicht oft nach Stellingen oder Lokstedt aus. Vor allem in Stellingen könnte die Suche künftig schneller erfolgreich sein: Der Stadtteil wächst enorm.

Von Christiane Tauer

Die Grenze ist unsichtbar und doch nicht zu übersehen. Am Kreisel, wo die Müggen­kampstraße auf den Langenfelder Damm stößt, wird Eimsbüttel zu Stellingen. Auf der einen Seite das Restaurant Seoul 1988 im schmucken Gründerzeit-Altbau, auf der anderen Prime Cut & Beauty im funktionalen 13-Geschosser. Eimsbüttels stuckverzierte Fenster und geschwungene Balkongitter gegen Stellingens beige Klinkersteine und 60er-Jahre-Optik.

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Ein Hauch von „Alles ist möglich“

Stellingen ist anders als Eimsbüttel. Der Stadtteil ist gegensätzlicher als die hippe Schwester – er hat laute Durchgangsstraßen, graue Gewerbegebiete, große Wohnblöcke und zugleich viele Einfamilienhäuser mit Garten. In einer Sache ist Stellingen aber im Vorteil: Der Stadtteil hat noch Potenzial. Dieses Wort, das wie kein
anderes nach Zukunft klingt und einen Hauch von „Alles ist möglich” verströmt, gilt für die gesamte Entwicklung, vor allem aber für den Wohnungsbau.

Von den über 9.100 potenziellen Wohnungen, die das Wohnungsbauprogramm im Bezirk Eimsbüttel bis 2027 und darüber hinaus vorsieht, liegen allein 3.600 Wohneinheiten in Stellingen und dem angrenzenden Lokstedt. Als „Urbanisierungszone” bezeichnet das Bezirksamt die beiden Stadtteile. Gemeint ist: Sie werden in den kommenden Jahren ihr Gesicht deutlich verändern, sich dem urbanen Kerngebiet – den Stadtteilen Eimsbüttel, Hoheluft-West, Rotherbaum und Harvestehude – an­passen. Ihre Einwohnerzahl von zusammen rund 59.000 wird steigen.

Familien lieben Stellingen und Lokstedt

Das Wachstum zeigt sich auch an den jungen Bewohnern. Laut Statistikamt Nord ist der Anteil der Minderjährigen im gesamten Bezirk seit 2009 von 14,2 Prozent auf 15,8 Prozent gestiegen – besonders aber neben Eidelstedt in Stellingen und Lokstedt. Der Bezirksentwicklungsplan geht davon aus, dass sich die Tendenz fortsetzen wird. Vor allem Familien oder Menschen in der Familiengründungsphase zieht es in diese Stadtteile.

Warum gerade Stellingen und Lokstedt? Ein Blick auf den Stadtplan erklärt es: Sie sind nah dran an Eimsbüttels Zentren Osterstraße, Eppendorfer Weg und Hoheluftchaussee – und doch weit genug entfernt, um in der Wohnraumfrage besser abzuschneiden. Wer in den angesagten Vierteln keine Wohnung findet oder dort nicht mehr wohnen will, tastet sich weiter raus. Und verliert doch nicht den Anschluss.

„Wir fühlen uns immer noch wie Eimsbütteler”

So erging es auch der Familie Wagner. Seit Kim und Jens vor sieben Jahren mit ihren mittlerweile zwei Kindern von Eimsbüttel in die Nähe des S-Bahnhofs Stellingen gezogen sind, hat sich ihr Leben kaum verändert. „Es hat sich alles nur etwas verschoben”, sagt Jens und fährt mit der Hand von links nach rechts über die Platte des Esstischs. Von A ging es nach B, aber irgendwie blieb man doch in A. Zum Shoppen oder Essen fahren sie noch in die alte Hood. Nur dass sie zur Osterstraße statt fünf Minuten zu Fuß jetzt zehn Minuten mit dem Rad brauchen. „Wir fühlen uns immer noch wie Eimsbütteler”, sagt Kim.

Ein Blick nach draußen zeigt aber, dass es doch einen Unterschied gibt. Vor ihrer Wohnung, die sich über drei Etagen erstreckt, steht ein Kletterhäuschen mit Rutsche, daneben ein Geräteschuppen. Auf der Terrasse ist Platz für Tisch, Stühle und Grill. Hinter dem Haus befindet sich ein weiterer Garten. Hier hat Kim reihenweise Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln gepflanzt. In wie vielen Eimsbütteler Hinterhöfen wäre das möglich?

In ihrer vorherigen Wohnung jedenfalls nicht. Kim und Jens lebten zuvor in einer Drei-Zimmer-Wohnung mit Wohnküche und viel Sonne, eigentlich schön und zentral, nur ohne Balkon. Als 2014 das erste Kind kam, stellte sich die Frage: Wie wollen wir als Familie in Zukunft leben? „Ich habe immer von einem ­eigenen Haus geträumt”, sagt Kim. Jens hingegen war eher Typ Altbauwohnung. Doch beide Wünsche scheiterten in Eimsbüttel schnell am kaum vorhandenen Angebot oder an hohen Quadratmeterpreisen.

Dass sie am Ende in Stellingen fündig wurden, war Zufall, sagt Jens. Sie hatten sich Wohnungen in Niendorf angesehen, sogar Häuser im Alten Land. Dort waren die Preise deutlich niedriger. „Aber wir haben schnell gemerkt, dass uns außerhalb Hamburgs keiner ­unserer Freunde mehr besuchen würde.” Stellingen war die ideale Lösung, ein Kompromiss zwischen „weit draußen und günstig” und „zentral, aber unbezahlbar”.

Neue Mitte Stellingen

Doch so schön das Flanieren auf der Osterstraße auch ist, manches kauft man eben doch am liebsten schnell vor Ort ein – neue Zahnpasta zum Beispiel oder frische Zwiebeln zum Kochen. Wie viele ihrer Nachbarn warten die Wagners deshalb sehnlich auf die Neue Mitte Stellingen. So heißt das ambitionierte Vorhaben des Bezirks, das dem Stadtteil rund um die riesige Kreuzung Kieler Straße/Volksparkstraße/Sportplatzring das fehlende Zentrum schenken soll. Es ist der Motor für Stellingens Wachstum. Einzelhandel, ein Stadtteilhaus, eine Fläche für einen neuen Wochenmarkt sollen bis 2027 östlich der Kieler Straße entstehen. Und 750 neue Wohnungen.

Dieser Plan ist zwar aktuell etwas ins Stocken geraten, nachdem die Stadt im November 2023 den Bau von 240 Wohnungen des Bauträgers Buwog gestoppt hat und nun geprüft wird, ob und wie eine neue Konzeptausschreibung erfolgen kann. Das Ziel bleibt aber das gleiche: Hier, am Sportplatzring, soll das Herz des Stadtteils schlagen, hier sollen sich die Stellingerinnen und Stellinger begegnen und austauschen.

Wo die „Glaskästen“ an der Kreuzung Volksparkstraße/Kieler Straße stehen, soll ebenfalls neu gebaut werden. Foto: Rainer Wiemers

Auch auf der anderen Seite der Kieler Straße, rund um Volksparkstraße und Alter Volksparkstraße, hat der Bezirk Großes vor. Dort, wo die verfallenen „Glaskästen” an vergangene Einkaufszentrumszeiten erinnern, sollen bis 2030, auf jeden Fall aber vor 2040, 600 Wohnungen entstehen. Davon ist Jan Philipp Stephan, Eimsbüttels Fachamtsleiter für Stadtplanung, überzeugt. Das Gebiet soll der westliche Ausläufer der Neuen Mitte Stellingen werden.

Wie genau es gestaltet wird, wie hoch die Häuser werden – sieben, zehn oder 14 Stockwerke – und ob die von Architekt Werner Kallmorgen vor 60 Jahren entworfenen „Glaskästen” erhalten bleiben, soll ein städtebaulicher Wettbewerb klären. Das Amt sucht derzeit ein Planungsbüro für diesen Wettbewerb.

Mit der U-Bahn direkt in die City

Ein wachsender Stadtteil sollte auch gut angebunden sein. Die geplante U5 wird die neue Lebensader Stellingens. Mit ihr werden auch weite Teile Lokstedts erstmals an das U-Bahn-Netz angeschlossen. Einzig der Baubeginn steht noch nicht fest, nach 2030 wird er auf jeden Fall liegen.

Für Charlotte und Henri Nehlsen ist das eine lange Zeit. Allerdings würde ihnen die U5 insgesamt wenig ­nützen. „Wir wohnen zu weit von einer Haltestelle entfernt”, sagt Charlotte. Das ist der Preis, den sie für ihr Reihenhaus westlich des neuen A7-Deckels in Stellingen zahlen. Die beiden sind Anfang des Jahres aus einer Nebenstraße der Osterstraße hierher gezogen. Nicht ganz freiwillig: Ihr alter Vermieter hatte Eigenbedarf angemeldet.

Charlotte Nehlsen (links) lebt mit ihrem Mann und Hund in einem Reihenhaus westlich des Stellinger A7-Deckels. Jens und Kim Wagner (rechts) leben mit ihren Kindern seit sieben Jahren in Stellingen. Foto: Charlotte Nehlsen/Rainer Wiemers

Doch nach 18 erfolglosen Besichtigungen war das Haus ihre einzige Rettung, und sie haben sich mit der Lage arrangiert. Auch für sie ist Stellingens Trumpf, dass man den Anschluss an Eimsbüttel nicht ganz verliert. „Wir können noch beim selben Sushi-Laden bestellen und mit dem Rad ins Urknall fahren”, sagt Charlotte. Auch wenn ein ­kürzerer Weg zu Restaurants und Kneipen angenehmer wäre.

Dafür haben sie eine völlig neue Lebensqualität gewonnen: drei Stockwerke Platz zum Wohnen, einen Garten, die Eidelstedter Feldmark für Hundespaziergänge vor der Haustür. Und morgens herrscht endlich Ruhe. „Vor unserer alten Wohnung fuhr mehrmals wöchentlich die Müllabfuhr, die hat tierisch Krach gemacht.” Sogar mehr als die Flugzeuge, die über Stellingen in Richtung Südwesten starten.


“Mehr Stadt in der Stadt” – wo Eimsbüttel wächst

“Eimsbüttel 2040” – so heißt das Leitbild, mit dem der Bezirk seine Stadtentwicklung gestalten will. Hintergrund ist vor allem das starke Bevölkerungswachstum der letzten Jahre – von 243.500 Einwohnerinnen und Einwohnern im Jahr 2009 auf 267.000 in 2019. Und es wird weitergehen: Das Bezirksamt rechnet mit einem anhaltenden Wachstum bis 2040.

In seinem Leitbild hat der Bezirk deshalb das Ziel formuliert, jährlich im Mittel 1.050 Wohnungen zu genehmigen, bis 2040 wären das rund 25.200 Wohneinheiten.

Wo sollen die alle entstehen?

Das Kerngebiet ist am Limit, der Stadtteil Hoheluft-West zum Beispiel ist laut Statistikamt Nord mit 18.900 Einwohnern pro Quadratkilometer der am dichtesten besiedelte Hamburger Stadtteil, gefolgt von Eimsbüttel mit knapp 18.000 Einwohnern pro Quadratkilometer. “Mehr Stadt in der Stadt” lautet deshalb die Strategie des Bezirks. Das heißt, es werden die Potenziale an den Magistralen, um Schnellbahnhaltestellen und rund um die Stadtteilzentren ausgeschöpft. Beliebt ist dabei die Urbanisierungszone Stellingen und Lokstedt, wo nur 4.427 Einwohner pro Quadratkilometer leben (Stellingen), oder 6.266 (Lokstedt).

Urbanisierungszone Stellingen

Bei der Neuen Mitte Stellingen ist die Magistralen-Strategie deutlich zu erkennen. Das neue Quartier entsteht rund um die sechsspurige Kieler Straße. Ein anderes Beispiel ist die mögliche Bebauung am Eimsbütteler Marktplatz, wo 300 Wohnungen entstehen könnten. Den gesamten Umfang der Wohnbaupotenziale bringt der Bezirk Eimsbüttel in seinem jährlichen Wohnungsbauprogramm zu Papier. Es zeigt, wie viele Wohnungen an welcher Stelle theoretisch möglich sind – wann oder ob sie tatsächlich entstehen, ist damit allerdings nicht gesagt. 

Mehr zum Wohnungsbauprogramm des Bezirks Eimsbüttel und zum Leitbild “Eimsbüttel 2040”.

Dieser Artikel wurde am 25.01.24 um 9:57 Uhr aktualisiert und um die Information ergänzt, dass im November 2023 der Bau von 240 Buwog-Wohnungen gestoppt wurde.

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