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Sternenkind, Kerze
Kinder, die vor oder kurz nach der Geburt sterben, werden Sternenkinder genannt. Symbolfoto: Canva
Magazin #31

Sternenkind: Das Leben ohne Sofie

Anja Paschen war in der 37. Schwangerschaftswoche, als sie ihr Baby verlor. Sie trauerte – und fand einen Weg, dem Ganzen einen Sinn in ihrem Leben zu geben.

Von Christiane Tauer

Triggerwarnung: Dieser Artikel thematisiert den Tod eines ungeborenen Kindes.

Drei Wochen vor der Geburt hört Sofies Herz auf zu schlagen. Warum, weiß Anja Paschen bis heute nicht. Sie ist in der 37. Schwangerschaftswoche – voller Vorfreude auf ihr erstes Baby.

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Sie bereitet sich damals auf ihr neues Leben vor. Ein Leben mit Kind. Ihre Tochter soll Sofie heißen. Dass mit dem Baby alles in Ordnung ist, bestätigt ihr Frauenarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung fünf Tage vor dem Moment, der alles verändert. „Es muss so etwas wie der plötzliche Kindstod im Mutterleib gewesen sein”, vermutet sie.

Sternenkinder

Ein Kind zu verlieren, das noch nicht auf der Welt ist: Für werdende Eltern ist es das Schrecklichste, was ihnen wider­fahren kann. Gerade erst haben sie sich auf einen neuen Lebensabschnitt eingestellt – dann ist alles zu Ende, ­bevor es begonnen hat. „Sternenkinder” werden Babys genannt, die während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt sterben. Laut Statistischem Bundesamt wurden im Jahr 2021 in Deutschland 3.420 Babys tot geboren. Seit 2010 ist die Tendenz steigend.

Anja Paschens Sternenkind wäre heute 25 Jahre alt. 25 Mal hätte Sofie die Kerzen auf ihrem Geburtstagskuchen auspusten können. Sie hätte Geschenke ausgepackt, anfangs aufgeregt mit ihren kleinen Kinderhänden, später abgeklärt als pubertierende Jugendliche und schließlich als junge Erwachsene, die in ihr eigenes Leben startet. Anja Paschen hätte ihre Tochter auf diesem Weg begleitet, ihr Leben an ihrer Seite gelebt.

Trotz der Trauer ist die Geburt friedlich

Doch dieses Leben fand nicht statt. Als die Ärztin damals den Tod des Babys feststellt, empfiehlt sie Paschen, das Kind auf natürlichem Wege und nicht per Kaiserschnitt zur Welt zu bringen – als Teil der Trauerarbeit.

Heute beschreibt sie die eingeleitete Geburt als ein schönes Ereignis. „Wir konnten uns darauf vorbereiten und in all der Trauer trotzdem etwas Friedliches daraus machen.” Sie spürt die Liebe zu dem Kind, das nie Teil ihres Lebens werden sollte. Ein paar Stunden behalten ihr Mann und sie Sofie bei sich, auch ihre Eltern lernen ihre Enkelin kennen. Dann wird Sofie in einem Kindergrab bestattet.

Trauer zulassen

Was viele zum Trost aussprechen, empfindet die damals 28-Jährige als unerträglich: Du bist noch jung, du kannst ein Neues kriegen. Sofie durch ein anderes Kind ersetzen? Wie eine zerbrochene Kaffeetasse, für die man sich eine neue holt? Unmöglich. Dass die Zeit alle Wunden heilt, daran glaubt Paschen nicht. „Nur wenn man die Zeit nutzt, um das Geschehene zu verarbeiten, heilt die Wunde.” Und verarbeiten, das geht am besten, indem man darüber spricht.

Anja Paschen und ihr Mann besuchen nach Sofies Tod eine Trauergruppe und geben ihren Gefühlen einen Raum. Gleichzeitig merken sie, dass ihre Sehnsucht nach einem Kind keinesfalls erloschen ist.

Erneute Schwangerschaft

Vier Monate nach Sofies Tod wird die junge Frau wieder schwanger. „Ich hatte unglaubliche Angst, dass es wieder passiert. Was, wenn es an mir liegt?” Sie bittet die Ärzte, die Geburt eine Woche vor dem errechneten Termin einzuleiten. Alles geht gut.

Wieder ist es ein Mädchen. Ein Glücksfall, findet Anja Paschen. „Ich wollte nicht das Gefühl haben, meine einzige Tochter verloren zu haben.” Als sie nach diesem Mädchen zwei weitere Kinder bekommt, rücken die negativen Gefühle immer stärker in den Hintergrund. Trotzdem ist es ihr lange Zeit wichtig zu sagen, dass sie eigentlich vier Kinder habe und nicht drei. Erst nach Jahren nimmt dieses Bedürfnis ab.

„Ich kann doch Leben schenken“

Die Schwangerschaften nach Sofie seien wie ein Trost, aber nie ein Ersatz gewesen, sagt sie. „Ich kann doch Leben schenken.” Ein Satz, der ihr damals immer wieder durch den Kopf geht. Die Schuldgefühle, dass etwas mit ihr nicht stimmt und sie für den Tod des Babys verantwortlich war, verschwinden.

2005 kommt ihre Jüngste zur Welt, und ihre Gedanken kreisen wieder. „Ich wollte Sofies Tod einen Sinn geben.”

Paschen möchte Eltern mit dem gleichen Schicksal begleiten

Der Verein verwaiste Eltern und Geschwister mit Sitz in der Bogenstraße bietet Gesprächsgruppen für Trauernde an. Paschen beschließt, eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin zu machen und diese Gruppen selbst zu leiten. Aus ihrer eigenen Geschichte weiß sie, wie wichtig Gespräche in der Situation des Verlusts sind. Diese Hilfe gibt sie nun an andere Betroffene weiter.

Bei ihrer Arbeit in den Gesprächsgruppen wird deutlich, dass jeder Mensch anders trauert. Was den einen tröstet, bewirkt beim anderen das Gegenteil. Eines aber gilt für alle, die sich an den Verein wenden: „Trauer lässt sich nicht therapieren”, sagt Anja Paschen. „Die Menschen sind in einer Lebenskrise, für die auch wir keine Lösung haben.” Was die Gespräche jedoch leisten könnten: die Betroffenen durch den Prozess der Trauer begleiten und ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein.

Das Leben neu ordnen

Ein bis zwei Jahre besuchen die Trauernden im Schnitt die Gesprächsgruppen des Vereins. Dann stellt sich für sie irgendwann die Frage: Was hilft, um das Leben neu zu ordnen? Manche bekommen irgendwann ein weiteres Kind, bei anderen klappt es nicht und nach mehreren Fehlgeburten wird klar, dass sie ohne Kind bleiben werden.

„Aus dieser Erkenntnis heraus können die unterschiedlichsten Lebensentwürfe entstehen”, ist sie überzeugt. Manche Paare wandern zum Beispiel aus, andere entscheiden sich für Pflegekinder, wieder andere engagieren sich verstärkt ehrenamtlich. „Welche Träume hatte ich sonst noch?” Das sei die zentrale Frage, auf die jeder seine eigene Antwort finden muss.

info

Verein verwaiste Eltern und Geschwister

1990 hat sich der Verein als Verwaiste Eltern Hamburg e.V. gegründet, seit 2007 sind auch die Geschwister in den Namen aufgenommen worden. Heimat des Vereins ist die Bogenstraße 26, wo Ratsuchende eine zentrale Anlauf- und Beratungsstelle finden.
23 Gesprächsgruppen bietet der Verein mittlerweile an. Sie konzentrieren sich auf unterschiedliche Themen wie Verlust durch Krebs, Unfälle, Suizid oder Gewaltverbrechen. Zum Team gehören 14 Trauerbegleiter, deren Arbeit von Anja Paschen koordiniert wird.
verwaiste-eltern.de


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