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Foto: Alicia Wischhusen
Zwischen Windel und Gin Tonic

WG-Kolumne #8: Über Wertschätzung und das Politikum WG

Eine Kolumne über die Möglichkeiten alternativer Lebensentwürfe. In der Reihe “WG-Kolumne – Zwischen Windel und Gin Tonic” berichtet unsere Autorin in dieser Woche zum letzten Mal aus ihrer Eimsbütteler Studierenden-WG: Eine Wohnung, ein Pärchen, ein Baby und sie.

Von Nele Deutschmann

Je nachdem wie spleenig man ist, kann es einem Sechser im Lotto gleichen, geeignete Mitbewohner zu finden. Putzfimmel, Musiklauthörsyndrom, leichter Schlaf – es kann so vieles dafür sprechen, alleine zu leben. Aber was treibt Menschen dazu, sich Wohnungen zu teilen? Sind es alleine die horrenden Hamburger Mieten, die sie dazu bewegen, eine WG vorzuziehen?

WG aus Überzeugung?

„Fast niemand zieht mehr aus Überzeugung in eine WG“ titelte Zeit Campus vergangene Woche. Der Soziologe Clemens Albrecht wird befragt, der erklärt, warum er die WG als Projekt der 68er-Bewegung als gescheitert betrachtet.

Sich Wohnraum zu teilen ist kein neues Konzept. Schon immer gab es Wohnformen, in denen sich Familien, Dienstpersonal und weitere ihre Behausungen teilten. Irgendwann wurde jedoch die Kernfamilie, die gemeinsam eine Wohnung oder ein Haus bewohnte, zur Regel, was erst durch die 68er-Bewegung wieder aufgebrochen wurde.

Bei den Neuen Linken stand eine Wohngemeinschaft für eine Lebensform, in der gleichberechtigt und frei gelebt werden konnte.

WG-Kolumne #1: Schwanger – und nu?

Eine Kolumne über die Möglichkeiten alternativer Lebensentwürfe. In der Reihe "WG-Kolumne - Zwischen Windel und Gin Tonic" berichtet unsere Autorin Nele Deutschmann aus ihrer Eimsbütteler Studierenden-WG: Eine Wohnung, ein Pärchen, ein Baby und sie.

„Heute entscheiden sich Studierende pragmatisch statt politisch für eine Wohngemeinschaft. Ist das Studium beendet und die Familie gegründet, verlässt man die WG und zieht ins Reihenhaus“, wird Albrecht zitiert. Die WG sei zu einer Lebensform auf Zeit geworden – vor allem für gut gebildete 20- bis 30-Jährige.

Glücklicher Zufall

Auch wir können nicht behaupten, aus politischen Gründen unser jetziges Lebensmodell gewählt zu haben. Es war mehr Unfall denn politische Erwägung. Die Entscheidung, auch nach der Geburt unserer neuen kleinen Mitbewohnerin weiterhin in unserer Wohngemeinschaft zu leben, wurde jedoch bewusst getroffen.

Ein Kind in einer größeren Gemeinschaft als dem mittlerweile zum Standard avancierten Lebensmodell der Kleinfamilie großzuziehen, erschien meinen Mitbewohnern als erstrebenswert.

Warum einem Kind nicht zeigen, dass auch abseits der Kernfamilie liebevoll miteinander umgegangen wird? In zu vielen Bereichen des Lebens wird zu selten aufmerksam aufeinander geachtet. Wir sind auf gutem Wege, dies zumindest in unserem Heim zu perfektionieren.

Nichts ist selbstverständlich

Trotzdem ist man sich nicht immer einig und die Versuche, es einander recht zu machen, können extreme Formen annehmen. Ich würde wahrscheinlich implodieren, bevor ich einen Streit anfange. Man könnte es wohl harmoniesüchtig nennen.

Bei mir äußert sich Unzufriedenheit anders: Ich werde nervös, fahrig, lasse Sachen fallen und laufe gegen Türrahmen. Die Anzahl meiner blauen Flecken steigt proportional zu meinem Stresslevel. Auch das sind Eigenschaften, an denen man arbeiten kann. Da meine Wohnis mich jedoch gut kennen, können sie meist sofort einschätzen, was los ist.

Unser Geheimnis ist wahrscheinlich Geduld und die Überzeugung, dass man seine Mitmenschen nie als selbstverständlich hinnehmen sollte. Das habe ich schon in meiner Familie – meiner Kernfamilie – gelernt: Einer Freundin, die ein paar Tage mit meiner Familie und mir verbracht hat, fiel auf: „Ihr bedankt euch ja sogar bei einander, wenn jemand nur die Spülmaschine ausgeräumt hat.“ Ja, denn gerade Kleinigkeiten zählen.

Reihenhaus – warum nicht?

Das von Albrecht propagierte Reihenhaus nach der WG als „Lebensform auf Zeit“ stand für meine Mitbewohner bislang nicht zur Debatte. Wobei sie nicht abgeneigt sind, irgendwann in etwas Größeres zu ziehen. Doch auch in diesem Punkt werden die Freunde direkt eingeplant. Wir alle können uns vorstellen, irgendwann mit mehreren Familien zusammenzuleben.

WG Kolumne 7. Foto: Samantha Tirtohusodo

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Nicht die WG als reine und möglichst günstige Wohnform, sondern das Konzept der Gemeinschaft zieht uns an. Eine Gemeinschaft, in der gleichberechtigt und frei gelebt wird – so fern sind wir den Idealen der 68er-Bewegung vielleicht doch nicht.

Mit diesem Ausblick endet die WG-Kolumne. Unsere ersten, aufregenden Schritte als WG-Familie sind gegangen – jetzt warten wir auf die ersten Schritte der kleinen Mitbewohnerin.

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