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Mehr als 300 Anwohner und Interessierte verfolgten die öffentliche Diskussion über den Bebauungsplanentwurf für die Sophienterrasse.

Hexenwerk Sophienterrasse

Mehr als 300 Anwohner und Interessierte haben am Dienstagabend die öffentliche Diskussion über die geplante Flüchtlingsunterkunft in Harvestehude verfolgt. Der neue Bebauungsplan des Bezirksamts Eimsbüttel soll es ermöglichen, im Sommer 2016 doch noch Wohnungen für 220 Flüchtlinge an der Sophienterrasse 1a zu errichten. Inhaltliche Fragen wurden kaum gestellt, vielmehr prallten die Meinungen der Befürworter und Gegner aufeinander.

Von Gast

Die Aula des Wilhelm-Gymnasiums ist voll bis auf den letzten Stuhl. Menschen drängen sich an die Wände des Raums und sitzen auf dem Boden. Das Eimsbütteler Bezirksamt hat eingeladen, um den veränderten Bebauungsplan (B-Plan) zu erläutern. Dieser soll eine neue Grundlage schaffen, um erneut einen Bauantrag für die geplante Flüchtlingsunterbringung zu stellen. Tatsächlich stammt der Baustufenplan für das Gebiet, das sich vom Klosterstern bis zum Bahnhof Dammtor erstreckt, aus dem Jahr 1955 und beruht auf der Baupolizeiverordnung von 1938. Das Hamburger Oberverwaltungsgericht hat im Juni den Baustopp für den Umbau des ehemaligen Kreiswehrersatzamts bestätigt und sich wie die vorangegangene Instanz auf das Planrecht berufen. Die Begründung: Die geplante Flüchtlingsunterkunft passe nicht in ein „besonders geschütztes Wohngebiet“, wie es der Baustufenplan in Harvestehude vorsieht, da es sich um eine soziale Einrichtung und nicht um ein reines Wohngebäude handle.

Die Festsetzung der Sophienterrasse 1a als Gemeinbedarfsfläche für „öffentlich-rechtliche Unterbringungen“, erklärt Thomas Breyvogel vom Eimsbüttler Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung, nehme den Klägern den Wind aus den Segeln. Die bestehende Grundfläche und Zahl der Geschosse bleibe dabei unverändert. Die Änderungen des B-Plans „Harvestehude 15“ sind nach Ansicht des Stadtplaners Erfolg versprechend: Das Grundstück Sophienterrasse, wo einst das Kreiswehrersatzamt und die Esso-Zentrale standen, habe ein „halbes Jahrhundert nicht mehr dem Wohnen“ gedient, gibt Breyvogel zu bedenken. Gebäude in der direkten Umgebung, wie der NDR-Komplex und das Tennisstadion, fußen bereits auf zeitgemäßen Bebauungsplänen.

„Offene Türen“ in der Sophienterrasse

Ein Bild von den geplanten Wohnungen für Flüchtlinge vor Ort konnten sich Interessierte am frühen Abend vor Beginn der Veranstaltung machen. Der staatliche Betreiber fördern und wohnen (f&w) hat die Baustelle des ehemaligen Kreiswehrersatzamts geöffnet. Mitarbeiter von f&w sowie des Bezirksamts und des Architektenbüros sind vor Ort, um die Fragen der Anwohner zu beantworten. Die Stimmung sei nervös, sagt eine Mitarbeiterin von f&w, deswegen seien sie besonders gut aufgestellt. Mögliche Sorgen der Nachbarn hätten sie in ihrer Planung berücksichtigt: So ist die Rasenfläche hinter dem Haus, die eng an die anliegenden Grundstücke grenzt, für Flüchtlinge nicht zu betreten. Und der geplante Spielplatz befindet sich am vorderen Rand des Hauses.

Das Gebäude des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes konnte von der Öffentlichkeit besucht werden. In den Räumen waren die aktuellen Baupläne ausgestellt.
Das Gebäude des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes konnte von der Öffentlichkeit besucht werden. In den Räumen waren die aktuellen Baupläne ausgestellt. Foto: Lea Freist

Auch Kay Gätgens, Leiter des Fachamts Stadt- und Landschaftsplanung, betont während der Plandiskussion im Wilhelm-Gymnasium, dass ihm die Befürchtungen der Anwohner besonders wichtig sind. Er will mit viel Transparenz und Gesprächen einer erneuten Klage der Nachbarn vorbeugen: „Unser Hexenwerk ist es, die verschiedenen Belange und Gegenpositionen zwischen den privaten Nachbarn und dem öffentlichen Anliegen, Flüchtlinge unterzubringen, gerecht abzuwägen“, sagt er.

Allerdings benennt er ebenso die Pflicht von Harvestehude: „Im Bezirk Eimsbüttel haben wir bislang rund 2.000 Menschen untergebracht. Im Kerngebiet und Harvestehude sind es null“, so Gätgens. Es gehe vor allem um die Frage einer fairen Verteilung.

Eine Anwohnerin aus dem Publikum sieht das ähnlich: „Mir ist es peinlich, dass wir hier sitzen und um die kleine Zahl von 220 Flüchtlingen diskutieren.“ Das sei besonders angesichts der überforderten Lage anderer stark überlasteter Bezirke unangebracht. Dem pflichten viele lautstark bei. Eine weitere Wortmeldung stärkt die Position der Befürworter: „Ich möchte für die Anwohner sprechen, die darauf warten, nach einer langen Zeit der Vorbereitung endlich ihre Bürgerpflicht zu erfüllen und zu helfen.“

Dem stehen einige gegenüber, die die monatlichen Kosten bei dem Baustopp kritisieren und sich um den Wertverlust ihrer Immobilien sorgen. „Tut man dem Gesamtzweck nicht viel Besseres, wenn man das Geld in die Hand nimmt und Wohnungen in Rahlstedt oder Wandsbek kauft?“, fragt ein Anwohner. Die monatlichen Kosten und der Kauf des Gebäudes seien schließlich Steuergelder und es sehe nicht so aus, als werde das Gebäude in nächster Zeit überhaupt genutzt, bemängelt eine Frau. Daraufhin kam jedoch prompt eine Antwort eines Harvestehuders: „Wer hat sich darüber aufgeregt, dass hier jahrelang ein Kreiswehrersatzamt war? Eine Behörde des Bundes in der teuersten Gegend, das war Geldverschwendung.“

Buhrufe und Beifall

Hendrikje Blandow-Schlegel, Vorsitzende des Vereins Flüchtlingshilfe Harvestehude geht einen Schritt weiter – in die andere Richtung: „Warum schaffen wir es in Harvestehude nicht, weitere Flächen anzubieten – wie die Moorweide?“ Ihr Vorschlag wird von Beifall und heftigem Schimpfen begleitet. Zwischendurch müssen Pöbelnde beruhigt werden.

Gero Tuttlewski, Anwalt der drei Kläger, sagt mit Nachdruck, dass seine Mandanten nicht generell gegen Flüchtlinge seien, die geplante Zahl an Flüchtlingen aber viel zu groß sei. Er wirft dem Bezirksamt vor, „nur die Baugenehmigung heilen“ zu wollen. Ein Mann aus dem Publikum fand es unverständlich, warum der Bezirk sich nicht dem Urteil des Gerichts beugt: „Sie wollten das Flüchtlingsheim bauen, die Anwohner haben geklagt, das Gericht hat entschieden. Wieso wollen Sie das nun wieder aushebeln?“

Torsten Sevecke, Eimsbüttels Bezirksamtsleiter, weist darauf hin, dass bereits Interviews und Gespräche mit den direkten Nachbarn – in Anwesenheit eines Schlichters – geführt wurden. Er widerspricht vehement der Darstellung des Anwalts: „Wir haben mit zusammengebissenen Zähnen den Vorschlag des Oberverwaltungsgerichts von 190 Flüchtlingen akzeptiert“. Die Gegenseite habe dies abgelehnt. Sevecke beharrt darauf, dass es einer neuen Rechtsgrundlage bedarf: Ein besonders geschütztes Wohngebiet passe nicht mehr in die heutige Zeit.

„Helfen Sie uns dabei“, appelliert auch Kay Gätgens an den Anwalt Tuttlewski. Ob seine Mandanten wieder Klage einreichen werden, läßt der jedoch offen.

Bezirksamtschef Sevecke zeigt sich zuversichtlich, dass „Plan A“ richtig sei und vor allem: alternativlos. Bei den steigenden Flüchtlingszahlen komme viel eher der Gedanke auf, über immer weitere Standorte nachzudenken – auch im feinen Viertel.

Text: Lina Beling und Lea Freist

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