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Einer kam, einer blieb, eine ging. Drei Menschen, drei Lebenswege. Was trieb sie an, in ein fremdes Land zu ziehen?
Familie, Freunde, Fernweh - es gibt viele Gründe auzuwandern. Aber woher weiß man, dass man angekommen ist? Wir haben drei Menschen gefragt, die's gewagt haben. Fotos: Privatarchive / Canva
Auswandern

„Ich fühlte mich verloren, also ging ich zurück“

Wie ist es, alles hinter sich zu lassen und in der Fremde ein neues Leben zu beginnen? Drei Menschen erzählen, wie sie Eimsbüttel den Rücken gekehrt oder hier ein neues Zuhause gefunden haben.

Von Valentin Hillinger

Einer kam, einer blieb, eine ging. Drei Menschen, drei Lebenswege. Was trieb sie an, in ein fremdes Land zu ziehen?

»Mit 27 Jahren wurde das Heimweh schlimmer«

Kevin Viereck, Australien

Mit zwölf Jahren wollte ich wissen, wer mein Vater ist. Kurze Zeit später saß ich im Flugzeug. Von Australien nach Hamburg. Alleine.

Als Kind eines Eimsbütteler Vaters und einer australi­schen Mutter bin ich in Eppen­dorf geboren. Meine Eltern trennten sich ­kurze Zeit später, und ich zog mit meiner Mutter nach Australien. Wir lebten zuerst in Sydney, dann in Mullumbimby, ­einem australischen Dorf in der Nähe der Küste. Natur, Sonne, Strand.

Das änderte sich, als ich mit zwölf Jahren meine Mutter nach meinem Vater fragte. Drei Monate sollte ich bei ihm, bei meiner Familie in Eimsbüttel verbringen. Am Anfang war ich aufgeregt – ich liebte Reisen. Aber dann, auf dem letzten Flug von Amsterdam nach Hamburg, liefen mir Tränen über die Wangen. Plötzlich fühlte ich mich, als stürze ein Haus auf mich ein: Ich war auf der anderen Seite der Welt, Deutschland kannte ich nur vom Namen, ich sprach kein Deutsch.

Im Januar 1997 kam ich in Hamburg an, in T-Shirt und kurzer Hose – vom Hamburger Wetter hatte ich ­keine Ahnung. Die Stewardess nahm meine Hand und führte mich zum Gate. Dort wartete ­meine Eimsbütteler Oma auf mich, bei der ich die erste Zeit unterkam. Meine Mutter hatte mich in Sydney verabschiedet, als würde ich bald wiederkommen. Doch aus den drei Monaten wurden 15 Jahre. Meine Mutter wanderte für eine Zeit nach Indien aus. Für mich gab es ­keine Möglichkeit zurückzukehren.

Mit zwölf Jahren baute ich mir ein neues Leben auf: Ich ging zur Schule, hing im Innopark oder am Kaifu rum und fand meine erste große Liebe. Auf den Treppen der Ida-Ehre-Schule, damals noch Jahnschule, traf ich mich mit meiner Freundin. Im „Roadhouse” spielten wir Billard. Eimsbush lief auf Dauerschleife.

»Denke ich an das Osterstraßenfest, die alte Videothek oder Karstadt, fühle ich mich für einen Moment eimsbüttelig«

Aber es war nicht alles schön. Ich habe nie ganz dazu gehört, war nie richtig zu Hause. Meine Mutter­sprache, ­meine Kind­heits­erinnerungen, die Natur, die Lebenskultur: Ich war und blieb Australier.

Mit 27 Jahren wurde das Heimweh schlimmer: Ich war unglücklich in meinem Job, unglücklich mit meiner damaligen Freundin. Ich fühlte mich verloren, also ging ich zurück. Im Dezember 2012 landete ich in Australien. Ab der ersten Minute wusste ich, ich bin endlich angekommen. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Ich musste mein Leben neu aufbauen – neuer Job, neue Freunde, neue Wohnung. Heute arbeite ich für die australische Regierung im IT-Bereich. Sydney ist mein Zuhause – und doch denke ich gerne an Hamburg. Wenn ich an das Osterstraßenfest, die alte Videothek oder Karstadt denke, fühle ich mich für einen kleinen Moment „eimsbüttelig”.

Mein erster deutscher Freund ist noch heute mein bester Freund. Das ist es, was mir am meisten von Eimsbüttel geblieben ist: Freundschaft. Manchmal frage ich mich: „Was wäre, wenn ich noch in Eimsbüttel leben würde?” Aber nie besonders lange. In Sydney fühle ich mich wohl – als „Australier mit deutschem Hintergrund”.

Kevin Viereck ist in Australien aufgewachsen, dann zog er zu seinem Vater nach Eimsbüttel. Aber nach 15 Jahren kam das Heimweh zurück. Foto: Privatarchiv Kevin Viereck

»Ich bekam Gänsehaut, als ich den Hafen unter mir sah«

Graham Prefontaine Dean, Kanada

Im Keller eines Freundes hing ein Poster: John Lennon auf der Motor­haube eines alten Land Rovers, Gitarre in der Hand, Blick in die Ferne. Auf dem Kennzeichen zwei Buch­staben „HH”. Das war mein erster Kontakt mit Hamburg. Viele Jahre später wanderte ich aus. Von Kanada nach Hamburg.

Geboren und aufgewachsen bin ich in der kanadischen Stadt Winnipeg, mitten im Nirgendwo, die nächsten Städte hunderte Kilometer entfernt. Man steckt dort fest. Rund um Winnipeg ist viel Natur. Meine Sommer habe ich an den Seen im Whiteshell Provincial Park verbracht, der ist ziemlich abgelegen. Nachts sieht man den Sternenhimmel ganz klar, das ist wunderschön.

Ich habe in Winnipeg studiert und gearbeitet. Bis ich eine Veränderung brauchte. Bis dahin hatte ich Winnipeg nie richtig verlassen. Ein Freund von mir bekam Besuch aus Hamburg, der viel von der Stadt erzählte. Und dann gab es da dieses Mädchen… Also dachte ich mir: „Why not?” Mein Plan war, ein paar Monate in Hamburg zu bleiben. Mehr als drei Jahre später bin ich noch hier.
Als ich zum ersten Mal nach Hamburg geflogen bin, bekam ich Gänsehaut, als ich den Hafen unter mir sah – und wie groß alles ist. Ich spazierte durch St. Pauli, durch den Elbtunnel, durch die Speicherstadt und dachte mir: wow. Am Anfang wohnte ich in Ottensen, inzwischen mit einem guten Freund in Eimsbüttel.

Freunde zu finden, war am Anfang das Schwierigste. Menschen zu treffen, zu denen man eine Verbindung spürt. In dieser Anfangszeit habe ich mein Leben in Winnipeg am meisten vermisst. Doch die vielen neuen Eindrücke – die Musik, das Essen, die Stadt – halfen mir über das Heimweh hinweg.

»Hier bin ich zufrieden, hier will ich bleiben«

Ich beschloss, länger zu bleiben, und schrieb mich für einen Master ein. Als das Ende des Studiums in Sicht war, wollte ich nicht zurück nach Kanada. Ich lag krank mit Corona im Bett, dachte über meine Zukunft nach und merkte: Hier bin ich zufrieden, hier will ich bleiben.

Heute arbeite ich bei einem Start-up in der Speicherstadt. Wenn ich nicht Gitarre spiele oder im Café May versuche, Deutsch zu lernen, bin ich auf dem Skateboard unterwegs – mit Deutschrap auf den Ohren.

In Eimsbüttel fühle ich mich zuhause. Und wenn ich mich nach der kanadischen Natur sehne, verziehe ich mich mit einem Buch ins Niendorfer Gehege, liege alleine im hohen Gras und beobachte die Tiere.

Die Entscheidung, nach Hamburg zu ziehen, war eine der besten meines Lebens. Manchmal besuche ich meine Familie und Freunde in Winnipeg. Doch immer wenn ich wieder am Flughafen stehe, bin ich voller Vorfreude auf mein Zuhause in Eimsbüttel.

Graham Prefontaine Dean in seiner Eimsbütteler Wohnung. Vor über drei Jahren wanderte er von Winnipeg nach Hamburg aus. Foto: Valentin Hillinger

»Mein Alltag ist fast wie in Eimsbüttel, aber eben nur fast«

Desiree Qelaj, Thailand

Am Gate fragte mich eine Frau, ob ich mir sicher sei. Ich war es. Wenige Tage vor dem ersten Corona-Lockdown wanderte ich nach Bangkok aus.

Ich komme aus Koblenz. 2014 führte mich ein Job nach Hamburg und ich landete im Langenfelder Damm. Eimsbüttel war mir von Anfang an sympathisch – wie ein kleines Dorf mitten in der Großstadt. Dennoch war da immer das Fernweh. Ich wollte immer auswandern, aber irgendwas hat mich zurückgehalten. Mein Job, meine Beziehung oder andere Verpflichtungen. Ende 2019 veränderte sich vieles: Meine Beziehung war vorbei, ich kündigte und fühlte mich endlich frei. Wann, wenn nicht jetzt?

Als Corona begann, wusste niemand, was das bedeutet. Mein Flug nach Bang­kok ging am 18. März 2020. Drei Tage später wurden die Grenzen in Thailand geschlossen.

In Bangkok angekommen, im Taxi auf dem Weg zum Hotel, schaute ich aus dem Fenster und beobachtete die Menschen auf der Straße. Alles fühlte sich irgendwie familiär an. Als wäre ich nach Hause gekommen.

»Für manche ist das alles zu viel – für mich genau richtig«

Ich war ein paar Mal in Thailand, im Urlaub oder geschäftlich. Deswegen kannte ich die Stadt ein bisschen. Bangkok ist unheimlich wuselig: Viel Verkehr, überall stehen kleine Essenswagen, Einheimische verkaufen frisches Obst und Gemüse, Nudelsuppe und Hähnchen. Das Leben findet auf der Straße statt. Für manche ist das alles zu viel – für mich genau richtig.

Die Corona-Zeit war die beste meines Lebens. Als die Regeln nach ein paar Wochen gelockert wurden, bin ich viel durch das Land gereist. Es waren keine Touristen unterwegs, die schönsten Strände hatte ich für mich alleine. So wird es Thailand nie wieder geben.

Heute wohne ich im Stadtteil Sathon in Bangkok und bin in der Schmuckbranche selbstständig. Ich arbeite, treffe Freunde, mache viel Sport. Mein Alltag ist fast wie in Eimsbüttel. Aber eben nur fast. Jeden zweiten Tag gehe ich laufen – auf der Insel Bang Krachao. Ein Dschungel mitten in Bangkok. Mein Leben hier ist bunter – ich habe immer ein Lächeln im Gesicht.

Für mich war es die richtige Entscheidung, auszuwandern. Trotzdem gibt es Momente, in denen mir Hamburg fehlt. Vor allem meine Freunde. Das „Ich komm mal kurz rüber” vermisse ich sehr. Auch meine Familie. Sie bedeutet für mich Zuhause.

Was ich durch meine Zeit in Thailand aber gelernt habe: Wer mutig ist, wird belohnt. Es ist oft Angst, die einen zurückhält. Aber manchmal muss man einfach springen. Ich bin überzeugt, dass immer etwas Gutes dabei passiert.

Desiree Qelaj zog es 2020 aus dem Langenfelder Damm nach Bangkok. Foto: Privatarchiv Desiree Qelaj
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