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Urban-Gardening-Pionierin Rosemarie Lehmann in ihrem Garten Kunterbunt. Foto: Alana Tongers
Urban-Gardening-Pionierin Rosemarie Lehmann in ihrem Garten Kunterbunt. Foto: Alana Tongers
Eimsbüttelerin des Monats

Frau Lehmann blüht auf

Wenn es ihr nicht gut ging, waren die Blumen für sie da. Jetzt sorgt sie selbst für die Pflanzen – und ihre Mitmenschen: Wie Rosemarie Lehmann zur Hamburger Pionierin des Urban Gardening wurde.

Von Alana Tongers

Als Fremde ihre Blumen köpften, als Spaten und Harke aus dem Garten verschwanden, aber spätestens als die Bezirksversammlung ihr im letzten Jahr die Gelder strich, war Rosemarie Lehmann klar, dass jetzt Schluss ist. 18 Jahre lang hatte sie den Garten Kunterbunt vor den Grindelhochhäusern gegen alle Widerstände gepflegt. Sommerflieder gepflanzt, wo wilde Brennesseln wucherten. Sich mit dem Bezirksamt zerstritten und wieder versöhnt. Aus Nichts einen Ort zum Verweilen geschaffen. Jetzt ist sie 87 und will nicht mehr.

Lange wohnte sie in einem Einfami­lienhaus mit großem Grundstück, zusammen mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen. Erst mit knapp 60 lässt sie sich scheiden. Früher, sagt sie, ging es nicht. Wegen der Kinder. Sie zieht in eine kleine Wohnung im siebten Stock der Grindelhochhäuser, kein Balkon. Für mehr reicht das Geld nicht. Es genügt ihr – aber der Garten fehlt.

Wo sie Trost fand

Als Kind, erzählt Rosemarie Leh­mann, sei sie dauernd draußen gewesen, immer auf der Suche nach seltenen Blumen und Vögeln. Damals hatte sie zu Hause ihr eigenes kleines Beet, das sie bepflanzte. Immer, wenn sie es mit der Familie nicht mehr aushielt, wenn sie das Gefühl hatte, keinen Platz zu haben, rannte sie zur nahegelegenen Wiese und warf sich ins Gras. Dort blieb sie liegen, oft stundenlang. Legte sich Augentrost auf die müden Lider. Ihre Welt war dann wieder friedlich. Die Blumen haben sie immer getröstet.

Als sie Jahre später alleine vor ihrem Fenster in der neuen Wohnung steht, sticht ihr Herz. Der Frühling beginnt woanders – die Bucht zwischen den Grindelhochhäusern ist grau. Nur da unten, gleich gegenüber, erspäht sie eine verwilderte Grünanlage. Frau Lehmann fasst einen Entschluss.

Pionierin des Urban Gardening

Das Bezirksamt erlaubt ihr, die Anlage zu pflegen. Sie beginnt Unkraut zu jäten, Blumenzwiebeln zu pflanzen, ihr neues Leben mit Inhalt zu füllen. Zahlt alles aus eigener Tasche. Am Anfang ganz im Stillen. Doch je mehr in ihrem Garten wächst, umso aufmerksamer wird die Nachbarschaft. Irgendwann helfen ihr regelmäßig Kinder bei der Arbeit. Anwohner bringen Blumensamen vorbei. Der Garten Kunterbunt wird zum Treffpunkt – und dem Bezirksamt ein Dorn im Auge.

Foto: Alana Tongers

Zu viel, zu bunt, zu durcheinander, so das Urteil. Der Garten soll weg. Doch die Nachbarschaft wehrt sich. Sie beginnen, Unterschriften zu sammeln, die Lokalpresse berichtet. Politiker aller Parteien bestellen Frau Lehmann an einen runden Tisch, diskutieren hitzig mit ihr. 2004 erhält sie eine Sondernutzungsgenehmigung, ein kompliziertes Wort für etwas, das für sie nur Gärtnern ist. Sie darf weitermachen – zwar mit Auflagen, doch der Garten ist gerettet.

Seitdem wird der Garten Kunterbunt seinem Namen mit jedem Jahr gerechter. Lehmann und ­ihre Helfer pflanzen Sträucher für Schmet­terlinge und Wildbienen. Sie organisiert Gartenfeste für die Anwohner. Unter dem Ahorn stellen sie eine Parkbank auf. „Die schönste Bank im ganzen Land”, lacht Frau Lehmann. Sie lacht viel, wenn sie über das Projekt spricht. Es hat ihr Leben ins Gleichgewicht gebracht.

Foto: Alana Tongers

Sie beugt sich zu den Blumen, ihre Finger streifen die Blüten. Sie kennt die Pflanzen gut, kann zu jeder etwas erzählen. Den Rabenkrähen hat sie Namen gegeben und spricht mit ihnen. Die Grünfläche ist ihr kleiner Garten Eden – längst nicht mehr nur für sie, sondern eine ganze Nachbarschaft. 2019 verleiht ihr die Bezirksversammlung den Bürgerpreis Eimsbüttel.

Vom Verzweifeln und Verstehen

Doch in den letzten Jahren wird es schwerer. Ihre Zypresse wird abgeschlagen, Sträucher zerfetzt, manchmal findet sie herausgerissene Blumen. Dann meidet sie den Garten für eine Weile. Es tut ihr weh, wenn Pflanzen sterben, noch mehr, wenn sie getötet werden.

Auch körperlich wird die Arbeit anstrengender. Am Anfang trägt sie ihre Gartengeräte jedes Mal aus dem Keller bis in den Garten. Mittlerweile schafft sie das nicht mehr. Stattdessen versteckt sie sie im Garten zwischen Gräsern und Hecken. Mehrere Geräte gingen dort kaputt oder wurden geklaut. Ihre Lieblings-Blumenhändler auf dem Isemarkt haben aufgehört. Der neue ist teurer und kennt sie nicht.

Im letzten Jahr genehmigt ihr die grün-schwarze Koalition dann keine weiteren Sondermittel. Mit den Geldern wollte sie die zerstörten Pflanzen und Geräte ersetzen. Rosemarie Lehmann sei zwar eine Pionierin des Urban Gardening in Hamburg, heißt es von den Grünen. Aber mittlerweile gebe es viele andere Projekte, die ebenfalls Geld vom Bezirk benötigen. Erst ein Gegenantrag, der Lehmann weniger Geld zuspricht, rettet den Garten Kunterbunt.

Foto: Alana Tongers

Rosemarie Lehmann brauchte Zeit, um das alles zu verarbeiten. „Ich habe versucht, aus Verzweifeln Verstehen zu machen”, sagt sie. Erst gelingt ihr das nicht. Sie will nicht mehr weitermachen. Doch dann kommt Corona. Sie sieht wieder mehr Menschen im Garten. Erlebt, wie die Bank unter dem Ahorn zur Location von kleinen Geburtstagspartys wird. Und beginnt zu begreifen: Blumen können eingehen – aber Menschen auch.

Nicht nur ihr bietet der Garten Trost, für andere ist er ebenso ein Zufluchtsort. Und gerade jetzt brauchen sie ihn mehr denn je. Das hat ihr neue Kraft gegeben, mental und körperlich. Wenn sie sich gut fühlt, arbeitet die 87-Jährige dreimal die Woche bis zu drei Stunden im Garten. Sie fühle sich gerade wie ein Wundertier, könne sogar wieder schwerer tragen. Und plant für die Zukunft ihres Projekts. „Ich hatte keine Ahnung vom Kämpfen”, sagt Frau Lehmann. „Aber für den Garten habe ich es gelernt.”

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