Anzeige
Aktualisiere Standort ...
Standort konnte nicht ermittelt werden. Aktiviere deine Standortfreigabe.
Standort wurde erfolgreich ermittelt.
Von der Rolle
Sükran Gencay (links) und Manuela Rousseau (rechts) kämpfen in männlich dominierten Branchen mit Vorbehalten. Foto: ETV, Ina Koerte (v.l.)
Magazin #21

Frauen in Führung: Von der Rolle

Manuela Rousseau sitzt im Aufsichtsrat eines DAX-Konzerns – Sükran Gencay trainiert eine Herren-Basketballmannschaft. So unterschiedlich die beruflichen Spielfelder, so ähnlich sind Vorbehalte und Probleme, auf die beide Frauen in den männlich dominierten Branchen treffen.

Von Alana Tongers

„Die Frau führt den Haushalt in eigener Verantwortung. Sie ist berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit dies mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar ist.” Ein Paragraf, der wie aus einem anderen Zeitalter klingt und in Deutschland doch bis in die 70er Jahre galt. Manuela Rousseau hat das bei einem ihrer ersten Vorstellungsgespräche miterlebt – als ihr Gegenüber sie fragt, ob ihr Mann denn einverstanden wäre, wenn sie die Stelle annimmt.

Heute sitzt die 65-Jährige selbst im Chefsessel, in einem großen Büro über den Dächern Eimsbüttels. Sie ist stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende bei Beiersdorf und seit Jahren eine der erfolgreichsten Frauen im Unternehmen.

Im zweiten Anlauf

Dass sie einmal in dieser Position landen würde, war alles andere als selbstverständlich. Rousseau hat weder Abitur gemacht noch studiert. Als Mädchen bräuchte man das nicht, meinte ihre Mutter und trifft eine Entscheidung für ihre Tochter – gegen deren Willen. Manuela Rousseau hat trotzdem Karriere gemacht, wenn auch über Umwege.

In den 80er Jahren landet sie in der Presseabteilung bei Beiersdorf. Schnell macht sie sich im Konzern einen Namen und wird 1994 von einem Kollegen für den Aufsichtsrat vorgeschlagen. Rousseau überwindet sich, kandidiert – und wird nicht gewählt. Die Zeit sei noch nicht reif gewesen für eine Frau im Aufsichtsrat, meint sie heute. Erst im zweiten Anlauf wird sie 1999 erste Aufsichtsrätin bei Beiersdorf. „Wir sind als Frauen in der Liga eben noch nicht so lange auf dem Spielfeld”, gibt sie zu bedenken.

Klare Ansagen und warme Worte

Den Aufstieg in die nächste Liga hat Sükran Gencay im wahrsten Sinne des Wortes geschafft. Wenige hundert Meter vom Beiersdorf-Gelände entfernt trainiert sie nebenberuflich das ProB-Liga Basketballteam des Eimsbütteler Turnverband (ETV).

Gencay fällt auf. Nicht nur durch ihr schallendes „Let’s go!” oder weil sie mit ihren 1,60 Metern die mit Abstand kleinste Person auf dem Spielfeld ist. Sondern auch, weil sie umgeben von ihrer männlichen Mannschaft und Co-Trainern die einzige Frau in der Halle ist. Was für Außenstehende ungewohnt scheint, ist für die Spieler auf dem Platz genauso normal wie für die 34-Jährige selbst.

„Let’s go!“: Sükran Gencay coacht hart und geht trotzdem mitfühlend auf ihre Spieler ein. Foto: Alana Tongers

Viele von ihnen kennen „Süki” schon lange – sie ist seit fast 20 Jahren beim ETV. Angefangen hat sie als Spielerin, bevor sie mit 18 Jahren selbst die Trillerpfeife in die Hand nimmt und erste Jugendmannschaften trainiert. Damit die Jungs ihrer U20-Mannschaft mehr Spielpraxis bekommen, meldet Gencay sie für die unterste Herrenliga an. Es folgen mehrere Aufstiege, neue Spieler kommen dazu – mit Mitte 20 trainiert Gencay plötzlich eine Herrenmannschaft.

Dass sie von einer Frau trainiert werden, sei nie Thema gewesen. Schließlich sei das Team mit ihr in die neue Rolle hineingewachsen. „Insofern war mein Einstieg für mich und die Spieler sehr natürlich.” Von außerhalb des Vereins gebe es zwar schon mal skeptische Blicke oder Fragen. „Das war für mich aber nie ein Problem”, meint Gencay.

„Frauen haben etwas mehr den Blick dafür“

So selbstverständlich ihre Auf­gaben für sie sind, so einsam ist es in der Trainerriege um sie. Während es für Frauenmannschaften normal ist, von einem Mann trainiert zu werden, ist Gencay deutschlandweit die einzige Frau, die auf ihrem Niveau ein männliches Basketballteam coacht. Woran liegt das? „Frauen werden viel weniger gefragt – wenn überhaupt”, meint Gencay. Zu viele männliche Entscheidungsträger würden geeignete Frauen bei der Trainerwahl übersehen.

Basketball Training
Sükran Gencay ist in Deutschland die einzige weibliche Trainerin eines männlichen Basketballteams. Foto: Alana Tongers

Ähnlich männlich dominiert wie die Sportfelder ist auch die Wirtschaft in Deutschland. Eine Studie der Boston Consulting Group hat gezeigt, dass nur zehn Prozent der börsennotierten Firmen weibliche Vorstände haben. Zu wenig, findet Manuela Rousseau. Denn Unternehmen profitieren von Kompetenzen, die Frauen mit in die Führungsetagen bringen.

Die drei Ks nennt Rousseau sie: Kommunikations-, Kooperations- und Konsensfähigkeit. „Die haben die Männer auch. Ich will nicht polarisieren oder Stereotypen bedienen”, so die 65-Jährige. Doch während Männer im Beruf risikofreudiger seien und mehr Spaß am Wettbewerb hätten, seien bei Frauen soziale Kompetenzen stärker ausgeprägt.

Es sind genau diese Kompetenzen, die im Leistungssport oft ­fehlen. „Man sagt immer, Druck formt Diamanten”, erzählt Sükran Gencay. „Doch es braucht eben auch Em­pathie.” Sie beobachte immer ­wieder, dass die bei manchen ihrer männlichen Kollegen fehle. Macht ein Spieler im Wettkampf einen Fehler, bringe es wenig, noch einmal draufzuhauen. Pauschalisieren könne man nicht, aber „Frauen haben etwas mehr den Blick dafür, wie man damit umgeht”. Deswegen sei es schade, dass viele Frauen sich nicht trauten, den ersten entscheidenden Schritt in Richtung einer Coachingposition zu machen.

Durch die Wand

Auch Rousseau wünscht sich mehr Mut von den Frauen. Trotz ihrer mittlerweile langen Berufserfahrung müsse auch sie sich regelmäßig überwinden. „Ich sage mir immer, wenn mir eine Aufgabe keine Angst macht, ist sie nicht groß genug”, lacht Rousseau.

Doch sie versteht, woher die Vorbehalte kommen. Sie kann sich selbst noch gut an ihre ersten Aufsichtsratssitzungen Ende der 90er Jahre erinnern, als sie die einzige Frau unter Männern an den großen Konferenztischen war. Kennt die Angst vor fehlender Unterstützung und die Sorge, nicht ernst genommen zu werden.

Manuela Rousseau
Manuela Rousseau kennt die Ängste und Sorgen, die einen am großen Konferenztisch überfallen. Foto: Henriette Pogoda

Um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen, brauche es deswegen eine Quote. Für die Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen in Deutschland gibt es eine solche Frauenquote seit 2015: Mindestens 30 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder müssen seitdem weiblich sein. „Viele Frauen sagen, sie wollen keine Quotenfrau sein. Ich will das auch nicht”, sagt Rousseau. Und trotzdem sei die Quote wichtig, weil sie eine erste Hürde abbaut. Weil sie Frauen das Gefühl gibt: „Ich bin nicht die Erste und Einzige, die hier die Wand durchbricht und diesen Weg geht.”

Gegen Klischees

Vor allem aber braucht es mehr weibliche Vorbilder für Frauen in Führungspositionen, darin sind sich Rousseau und Gencay einig. Geht es nach den beiden, sollen Frauen – sei es auf dem Spielfeld oder auf dem Rednerpodest – viel präsenter werden. So lange, bis ihr Anblick kein Grund zur Überraschung oder Diskussion mehr ist.

Manchmal, erzählt Sükran Gencay, sei sie genervt von den Vorbehalten, Klischees und Stereotypen, mit denen sie so oft konfrontiert wird. Wenn mal wieder jemand wissen will, wie sie „die Männer denn im Griff habe”. „Ich habe die Männer gar nicht im Griff. Die müssen sich selbst im Griff haben”, entgegnet sie dann. Ob sie einem Mann die gleiche Frage stellen würden? Ihr Gegenüber ist dann meist still.

Doch es gehe eben um mehr als nur um ihre Person. Als Sükran Gencay im letzten Jahr mit ihrem Team ein Auswärtsspiel bestreitet, trifft sie nach dem Spiel eine junge Familie. Die kleine Tochter hat sie von der Zuschauertribüne beobachtet und ist fasziniert, wie die zierliche Frau den großen Männern auf dem Spielfeld Ansagen macht. Es sind solche kleinen Momente, in denen Gencay bewusst wird, warum ihre Arbeit wichtig ist. Wenn wieder ein Mädchen begreift: Das, was du machst, kann ich auch schaffen.

call_made

Mut zum Aufstieg


Mit ihrem Basketballteam hat Sükran Gencay eine kleine Eimsbütteler Erfolgsgeschichte geschrieben: Vor gut zwei Jahren stieg die Mannschaft des ETV in die 1. Regionalliga auf. In diesem Jahr folgte dann der Aufstieg in die ProB-Liga, die dritthöchste Spielklasse Deutschlands. Ein weiter Wurf für die Mannschaft und ihre Trainerin: „Für uns ist das ein Abenteuer”, freut sich Sükran Gencay.

Ohne Abitur und Studium in den Aufsichtsrat von Beiersdorf: Manuela Rousseaus Werdegang ist voller Brüche. In ihrem Buch „Wir brauchen Frauen, die sich trauen” erzählt Rousseau von persönlichen Selbstzweifeln und beruflichen Herausforderungen – vor allem aber plädiert sie an den Mut der Frauen, genau diese Hindernisse hinter sich zu lassen und den eigenen Aufstieg zu wagen.

Eimsbüttel+

Weiterlesen

Das Coronavirus in Hamburg: Wir informieren euch über aktuelle Fallzahlen und Entwicklungen für Eimsbüttel.

Bund-Länder-Konferenz: Der Lockdown wird bis zum 14. Februar verlängert. In Bussen und Bahnen soll eine verschärfte Maskenpflicht gelten.

Der „Verein Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e.V.“ unterstützt Menschen, die um geliebte Familienmitglieder trauern. Die aktuellen Kontaktbeschränkungen erschweren seine Arbeit.

Im Dezember haben die „Superfreunde“ einen Laden in der Lappenbergsallee eröffnet. Von dort aus wollen sie Eimsbüttel mit Bieren aus aller Welt versorgen.

-
Neu im Stadtteilportal
Bürgerhaus Lokstedt e.V.

Sottorfallee 9
22529 Hamburg

Eimsbüttel+

Stromtarif-Banner

Gratis für 1 Jahr

Lese ein Jahr gratis Eimsbüttel+ beim Wechsel zu Eimsbüttel Strom.*

*Nur für Neukunden Wechseln und Prämie sichern