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Das "Happy Weihnukka Festival" findet am Samstag im Rolf-Liebermann-Studio statt.
Das „Happy Weihnukka Festival" findet am Samstag im Rolf-Liebermann-Studio statt. Foto: Christiane Tauer
Jüdisches Leben

„Happy Weihnukka“: Aufregung um christlich-jüdisches Festival in Eimsbüttel

Kein Geld für ein Weihnukka-Festival – so entschied die Eimsbütteler Politik. Was ein messianischer Verein und die Liberalen Juden damit zu tun haben.

Von Christiane Tauer

Das „Happy Weihnukka Festival“ verspricht ein buntes Programm. Der amerikanisch-jüdische Bestsellerautor Tuvia Tenenbom stellt sein neues Buch vor, eine Klezmerband und das Jewish Chamber Orchestra Hamburg treten auf.

Es sieht so aus, als könnte sich das Publikum am kommenden Samstag auf einen unterhaltsamen Abend im Rolf-Liebermann-Studio an der Oberstraße einstellen. Zehn Prozent der Ticketeinnahmen sollen an jüdisch-ukrainische Familien gehen. Doch hinter den Kulissen gärt es.

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Weihnukka-Festival: Förderung beantragt

Die Protagonisten des Zwists: Die Eimsbütteler Bezirksversammlung, die Liberale Jüdische Gemeinde und ein Verein namens Messianisches Leben und Lernen Hamburg (MLL) als Veranstalter des Weihnukka-Festivals.

Auslöser des Konflikts war die Frage, ob besagte Veranstaltung mit Steuermitteln unterstützt werden soll. Insbesondere mit Blick auf die Frage, wofür der messianische Verein steht und wie sich die Liberalen Juden zu ihm positionieren.

CDU bewertet Vorgang als „enttäuschend“

Dieser messianische Verein, der sich als Brückenbauer im Geiste der jüdisch-christlichen Tradition versteht, hatte von der Eimsbütteler CDU-Fraktion Unterstützung beim Werben um Sondermittel bekommen. Rund 8.200 Euro möge der Bezirk für das Weihnukka-Festival im Rolf-Liebermann-Studio des NDR zur Verfügung stellen, hieß es in dem Antrag der CDU. In der Bezirksversammlung am 30. November wurde er mehrheitlich abgelehnt.

Ein jüdisches Festival, das leer ausgeht? Aus Sicht der CDU-Fraktion sei das „enttäuschend“ und ein Vorgang, der „kein gutes Licht auf den Bezirk wirft“. Die CDU könne das Verhalten von SPD, Grünen und Linken, die den Antrag ablehnten, nicht nachvollziehen – zumal es gerade seit den Anschlägen vom 7. Oktober eine besondere Bedeutung habe, jüdische Kulturveranstaltungen zu unterstützen, erklärt Fraktionsmitglied Heinrich Langhein.

„Eine Schande für Eimsbüttel“

Noch deutlicher wird der erste Vorsitzende des MLL, Frank Scheerer. „Ich finde die externen Vorgänge um dieses Festival sehr befremdlich und bin sehr erstaunt über die Anwürfe seitens des Vorstandes der Liberalen Juden Hamburg und die Obstruktion unserer Arbeit vornehmlich durch die SPD Eimsbüttel“, sagt er gegenüber den Eimsbütteler Nachrichten. Das Verhalten sei eine Schande für Eimsbüttel.

Was er damit meint, geht auf die Ablehnung des Antrags zurück. Die drei Fraktionen SPD, Grüne und Linke führen dazu jeweils unterschiedliche Begründungen an – wobei vor allem das Wesen des messianischen Vereins sowie die Position der Liberalen Jüdischen Gemeinde eine Rolle spielen.

Liebermann-Studio ist ehemaliger Tempel

Beim Rolf-Liebermann-Studio handelt es sich nämlich um einen ehemaligen Tempel der Liberalen Juden, der im August 1931 eingeweiht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging das im Bauhaus-Stil errichtete Gebäude in den Besitz des NDR über.

Seitdem werde das Studio einzig vom NDR genutzt und nicht an Externe vermietet, wie der NDR gegenüber den Eimsbütteler Nachrichten deutlich macht. Eine Ausnahme gelte für Veranstaltungen des jüdischen Lebens. Auf die Frage, ob es bestimmte Kriterien bei der Auswahl der Veranstaltungen gebe, geht die Pressestelle des Senders nicht näher ein.

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Jüdische Gemeinden in Hamburg

Wer in Hamburg von „der jüdischen Gemeinde“ spricht, meint meist die Jüdische Gemeinde am Grindelhof. Sie ist eine Einheitsgemeinde und umfasst neben der orthodox-traditionell geprägten Synagoge in der Hohen Weide seit 2016 ein zusätzliches Angebot für liberale Strömungen innerhalb der Gemeinschaft. Die Gemeinde hat rund 2.300 Mitglieder. Im Fokus der Öffentlichkeit steht sie vor allem wegen des Wiederaufbaus der Bornplatzsynagoge.

Daneben gibt es auch die weniger bekannte und kleinere Liberale Jüdische Gemeinde. Sie heißt offiziell Israelitischer Tempelverband und zählt rund 300 Mitglieder. Sie setzt sich für die Eröffnung eines eigenen Tempels und Gemeindezentrums in Hamburg ein und fordert die rechtliche, soziale, finanzielle und kulturelle Gleichstellung der Gemeinde als unabhängige Körperschaft.

Weihnukka: Mischung aus Weihnachten und Chanukka

Dass nun der ehemalige Tempel von dem messianischen Verein genutzt wird, scheint bei den Liberalen Juden für Missmut zu sorgen. So sei für die SPD-Fraktion der Widerspruch der Liberalen Jüdischen Gemeinde gegen eine „Vereinnahmung“ durch eine messianische Organisation ausschlaggebend für die Ablehnung des Sondermittel-Antrags gewesen, sagt Ernst Christian Schütt als kulturpolitischer Sprecher der Fraktion. Zudem handele es sich bei Weihnukka nicht um ein traditionell jüdisches Fest, so Schütt. Das Fest haben vor allem gutbürgerliche Juden im 19. Jahrhundert als Mischform von Weihnachten und dem jüdischen Lichterfest Chanukka etabliert.

Als dritten Grund führt er an, dass Zweifel am Benefizcharakter des Festivals bestünden – da lediglich zehn Prozent des Ticketpreises jüdisch-ukrainischen Familien in Hamburg zugutekommen sollen. Auch hinsichtlich der wirtschaftlichen Realisierbarkeit des Festivals angesichts der kurzen Ticket-Vorverkaufszeit hatte die SPD Bedenken.

Liberale Juden nicht an Weihnukka-Fest beteiligt

Und was sagt die Liberale Jüdische Gemeinde zum MLL? Auf Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten distanziert sich der Gemeindevorstand des Israelitischen Tempelverbands – so die offizielle Bezeichnung der Liberalen Jüdischen Gemeinde.

Die Gemeinde würde weder mit dem Verein Messianisches Leben und Lernen zusammenarbeiten, noch sich in irgendeiner Form am „Happy Weihnukka Festival“ oder „irgendwelchen anderen messianischen Veranstaltungen“ beteiligen. „Letzteres gilt auch zukünftig.“ 

Keine Zusammenarbeit mit messianischer Gruppierung

Gleichwohl wird im CDU-Antrag und auch in der Pressemitteilung für das Weihnukka-Festival auf die Liberalen Juden und ihren ehemaligen Tempel im heutigen NDR-Studio verwiesen. Auf diese Weise könnte der Eindruck entstehen, sie wären am Festival beteiligt. Dem ist aber nicht so: „Wir haben erst durch Mitglieder der Bezirksversammlung von der geplanten Veranstaltung erfahren“, teilt der Gemeindevorstand der Liberalen Juden mit. Auf das Raummanagement des NDR habe die Gemeinde „leider keinen Einfluss“.

Der Vorsitzende des MLL, Frank Scheerer, betont hingegen, er habe bezüglich der Vorbereitung des Festivals sehr wohl mit dem Gemeindevorstand in Kontakt gestanden. Dieser sei dann aber abgebrochen.

„Liebermann-Saal ist spezieller Saal“

Dazu erklärt die Liberale Jüdische Gemeinde: Scheerer sei ihnen aus der interreligiösen Arbeit mit der Eimsbütteler Jerusalem-Gemeinde bekannt. „Allerdings haben wir erst vor Kurzem erfahren, dass er nicht Mitglied der Jerusalem-Gemeinde ist, mit der wir seit Jahren interreligiös zusammenarbeiten, sondern Mitglied einer messianischen Gruppierung, mit der wir keine Zusammenarbeit hatten und haben werden.“

Diese Position war auch für die Bezirksfraktion der Grünen einer der Gründe, den Sondermittel-Antrag abzulehnen. „Der Liebermann-Saal ist ein ganz spezieller Saal“, sagt die kulturpolitische Sprecherin Nina Schübel. Aus Sicht ihrer Fraktion sei eine Unterstützung der Veranstaltung schwierig gewesen, als sie mitbekamen, dass sich die Liberalen Juden vom Veranstalter, dem messianischen Verein, distanzieren.

Jüdisches Stadtteilfest soll stattdessen gefördert werden

Weitere Gründe für das Nein: Der MLL habe in diesem Jahr bereits für zwei andere – in gewisser Weise neutrale – Veranstaltungen mit ukrainischen Kindern Finanzmittel vom Bezirk erhalten. Außerdem habe man in derselben Sitzung der Bezirksversammlung dafür gestimmt, ein jüdisches Stadtteilfest im Grindelviertel zu organisieren.

Mikey Kleinert als Vorsitzender der Linksfraktion betont, seine Fraktion folge grundsätzlich keinen Sondermittelanträgen mehr, die einen überwiegend religiösen Charakter haben.

Großmutter wuchs in Müggenkampstraße auf

Daran schließt sich die grundsätzliche Frage an: Welchen Hintergrund hat der Verein Messianisches Leben und Lernen Hamburg überhaupt? Auf seiner Internetseite geht es um das Verständnis von sogenannten Judenchristen und messianischen Juden „im globalen Kontext“. Vom NS-Regime ebenso verfolgt wie die jüdische Bevölkerung, sollen Judenchristen heute nahezu aus Mitteleuropa verschwunden sein. Dabei habe es sie hier bereits seit Jahrhunderten gegeben.

So erzählt der erste Vorsitzende Frank Scheerer gegenüber den Eimsbütteler Nachrichten von seiner Großmutter. Sie sei vor 125 Jahren in der Müggenkampstraße aufgewachsen. Die Familie sei schlesisch-polnisch-jüdisch-christlich-deutscher Prägung.

In der Tradition der Jerusalem-Gemeinde

Der MLL selbst gründete sich schließlich 2011, um die „geistliche juden-christliche Tradition der in Hamburg einzigartigen Jerusalem-Gemeinde aufzunehmen und in eine zeitgenössische Trägerschaft zu überführen“, wie es auf der Internetseite weiter heißt. Förderung der Bildung und Lehre zum Thema Judenchristen seien dabei die Hauptaufgaben.

Frank Scheerer betont, dass es sich beim MLL um einen Kulturverein handelt und nicht um eine Gemeinde. Er sei auch nicht missionarisch tätig, wie manche denken würden. Ganz im Gegenteil: „Das verurteilen wir.“

Evangelische Kirche bleibt „zurückhaltend“

Woher dieser Gedanke kommt, erklärt ein Blick auf eine Positionsbestimmung der Evangelischen Kirche aus dem Jahre 2017. Auf diese verweist auch Dieter Schulz, Pressesprecher der evangelisch-lutherischen Kirche in Norddeutschland, auf Nachfrage der Eimsbütteler Nachrichten. In der Positionsbestimmung heißt es unter anderem, dass über „messianische Juden“, ihr theologisches Selbstverständnis und ihre Glaubenspraxis nur wenig bekannt sei. „Im Blick auf den Umgang mit diesen Gruppierungen ist manche Unsicherheit entstanden.“

Wegen ihrer unklaren Haltung zur Frage der sogenannten „Judenmission“ bleibe die Evangelische Kirche Deutschland (EKD) gegenüber „messianischen Juden“ zurückhaltend – auch aus Rücksicht auf die im jüdisch-christlichen Dialog erreichte Verständigung.

Antisemitismusbeauftragter: Keine Kooperation

Entsprechend erklärt der Pressesprecher der Nordkirche: „Zwischen dem MLL und der Nordkirche sowie deren Gemeinden bestehen keine offiziellen oder inoffiziellen Kontakte.“ Auch unterstütze man den Verein nicht.

Ähnlich äußert sich Stefan Hensel, Antisemitismusbeauftragter der Stadt Hamburg. Der MLL sei ihm zwar bekannt, als Antisemitismusbeauftragter pflege er aber keinerlei Kooperation mit diesem.

Hensel verweist ebenfalls auf die Stellungnahme der EKD, weshalb er die Arbeit des Vereins kritisch sehe. Diese Position werde auch vom Zentralrat der Juden in Deutschland unterstützt.


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