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Der Hinterhof in der Sillemstraße 48 a+b war lange Zeit ein Ort für Kunst und Kultur. Foto: Marcus Gundelach
Der Hinterhof in der Sillemstraße 48 a+b war lange Zeit ein Ort für Kunst und Kultur. Foto: Marcus Gundelach
Magazin #32

Goodbye Hinterhöfe

Wo Städte neuen Wohnraum schaffen und nachverdichten, ist der Hinterhof eine aussterbende Art. Auch in Eimsbüttel. Was geschieht mit den Menschen, die dort leben oder arbeiten?

Von Christiane Tauer

Zum Hof zurück, nein, das will Nadine Faulhaber nicht. Den Anblick des Schuttbergs, des Absperr­zauns und des wuchernden Unkrauts will sie sich ersparen. Und den wehmütigen Blick auf die schöne Zeit im Sillemsalabim braucht sie auch nicht.

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Nadine Faulhaber lebt in der Gegenwart und blickt nach vorn. Die Vergangenheit ist vergangen. Sie kommt klar. Was denn sonst?

Aus für „Sillemsalabim“

Im Sillemsalabim haben sie lange auf einen ­guten Ausgang gehofft. Als 2019 bekannt wurde, dass das 2006 gegründete Künstlerkollektiv im Hinterhof der Sillemstraße 48 a+b einem Neubau weichen muss, organisierten die Künstler Veranstaltungen und eine Petition. Es gab eine Welle der Unterstützung. Die Welle war groß und schwappte auf viele Menschen über. Auf die Hamburger Medienlandschaft, die Bezirksamtsleitung, die Politik und sogar den Hamburger Senat.

Am Ende brach die Welle, verebbte, verlief im Sande. Vorbei. Heute ist das Sillemsalabim Geschichte, die Künstler sind ausgezogen und Nadine Faulhaber bleibt nur das Fazit: „Wir haben getan, was wir konnten. Es hat halt nicht gereicht.“

Nachverdichtung in Eimsbüttel: Was passiert mit den Hinterhöfen?

Das Sillemsalabim reiht sich ein in die Geschichte der Eimsbütteler Hinterhöfe als bedrohte oder verlorene Orte im Großstadtdschungel. Bei fast 60.000 Einwohnern, die auf 3,2 Quadratkilometern im Stadtteil leben, gibt es dazu zwei Sichtweisen. Die einen sagen: Wo dringend Wohnraum benötigt wird, ist Nachverdichtung die ­einzige Chance. Die Bebauung von Innenhöfen soll kein Tabu sein.

Die anderen sagen: Aber diese Hinterhöfe sind oft ­keine ungenutzten Brachflächen. Auch wenn sie von außen kaum zu sehen sind, hier arbeiten oder wohnen Menschen. Hier wachsen Bäume und Pflanzen, die ihren Platz in der Stadtkultur haben sollten.

Hinterhof-Bebauung: Wer kann sich das Wohnen in den Neubauten leisten?

Welche Stimme wiegt mehr? Wer eine Antwort sucht, muss sich auch der Anschlussfrage stellen: Für ­welche Art von Neubauten werden die Hinterhöfe aufgegeben?

Ein Blick in die Osterstraße 162, wo der Verkauf von Eigentumswohnungen und Stadthäusern eines Neubauprojekts mit Hinterhofbebauung läuft, macht deutlich: Mit 12.000 bis 14.000 Euro pro Quadratmeter sind die Preise nur für eine Minderheit bezahlbar. Das Argument des Wohnraum-Schaffens erweist sich als absurd, wenn die breite Mehrheit hier niemals wohnen wird.

Kein gemeinsames Zuhause mehr

Für das Künstlerkollektiv Sillemsalabim sind solche Überlegungen nicht mehr relevant. Ende 2021 zog der letzte Mieter aus. Nadine Faulhaber hatte bereits ein Jahr zuvor die Koffer gepackt. Das Auseinanderfallen des Künstlerkollektivs verlief in Schüben, weil es drei einzelne Mietverträge für die jeweiligen Wohneinheiten gab. „Unser Hof war eine richtige Oase mit einer zusammengewachsenen Hofgemeinschaft“, sagt sie. Ein Ort für Kunst und Begegnung. Und plötzlich wurde der Stecker gezogen.

Die neunköpfige Ateliergemeinschaft merkte schnell, dass sie gemeinsam kein neues Quartier finden. Ein Teil der Gruppe wollte zusammenbleiben – auch das gelang nicht. Schließlich suchte jeder für sich ein neues Atelier. Der Bildhauer und Zeichner Frieder Falk zum Beispiel ist mittlerweile in einem Atelierhaus in Wil­helmsburg untergekommen.

Nadine Faulhaber, die als freie Künstlerin Zeichnungen und Objekte schafft und mit dem Unternehmen Tuschetiger Kreativevents an­bietet, musste ihre Sachen zunächst in einem Lagerraum am Holstenkamp unterbringen. Erst im Mai fand sie im Zentrum für Soziallogistik an der Schnackenburgallee eine neue Heimat.

Nadine Faulhaber und Frieder Falk mussten ihre Hofgemeinschaft in der Sillemstraße aufgeben, Foto: Rainer Wiemers
Nadine Faulhaber und Frieder Falk mussten ihre Hofgemeinschaft in der Sillemstraße aufgeben. Foto: Christiane Tauer

Hinterhof in der Sillemstraße: Jetzt kommt der Neubau – richtig?

Eine Sache treibt die Kunstschaffenden besonders um: Dass im ehemaligen Sillemsalabim noch kein ­einziger Arbeiter den Hof betreten hat, um den angekündigten Neubau zu errichten. Stattdessen verkaufte die ehe­malige Eigentümerfamilie das Objekt.

Laut Bezirksamt liegt ­eine Baugenehmigung für ein Mehrfamilienhaus mit 28 Wohnungen seit dem 9. August 2021 vor, doch bisher ist von außen nichts zu sehen. Im Hof stehen Paletten und ausrangierte Möbel. Ein Zaun verwehrt Unbefugten den Zutritt. Auch die Nachbarn im Vorderhaus rätseln, wann es wohl losgeht mit dem Neubau.

Auf Nachfrage der Eimsbütteler Nachrichten erklärt die Pressestelle des Bauunternehmens Otto Wulff lediglich, dass das Grundstück in der Sillemstraße von Otto Wulff gemeinsam mit der Indima Verwaltungsgesellschaft erworben wurde. Und ergänzt: „Es wird weiterhin eine Wohnnutzung geben.“ Mehr Informationen gibt es nicht.

Kaum Informationen zu Bautätigkeiten – wegen Datenschutz

Rätseln, sich wundern, mutmaßen – nichts anderes scheint der Bevölkerung bei vielen Immobilienprojekten übrig zu bleiben. Bauanträge und Abrissgenehmigungen behandelt die Politik in nicht öffentlichen Sitzungen. Die Namen der privaten Bauherren sind dabei nicht einmal den Fraktionen bekannt. Begründet wird das mit Datenschutz.

Die Belange der Mieterinnen und Mieter, der Nachbarschaft und der Eimsbütteler Öffentlichkeit, die vielleicht gerne wüsste, was in ihrem Viertel oder ­sogar in ihrem Haus vor sich geht – sie spielen offenbar ­keine Rolle. Das Transparenzportal der Stadt Hamburg soll zwar bei Bauvorhaben Licht ins Dunkel bringen. Doch Informationen, die das tatsächlich tun, gibt es dort kaum. Unter anderem sind die Adressen zu den Bauvorhaben aus den Datensätzen entfernt.

Selbst auf Nachfrage beim Bezirksamt erfährt man nicht viel mehr. Eine gesonderte Übersicht über die Anzahl und die Daten der aktuellen und im vergangenen Jahr genehmigten Anträge auf Hinterhofbebauung in Eimsbüttel liege nicht vor, erklärt die Pressestelle. Und ob ein Antrag genehmigt werde, hänge immer vom Einzelfall ab und ­könne nicht pauschal beantwortet werden.

Machtlos gegen die Eigentümer

Wie sehr die Geschicke der Stadtentwicklung stattdessen vom Verhalten privater Immobilienbesitzer abhängen, zeigt auch das Beispiel eines Gewerbebetriebs im Hinterhof der Müggenkampstraße. Nach einem Eigentümerwechsel erhielt das seit mehr als zehn Jahren ansässige Unternehmen die Kündigung. Warum der Eigentümer das tat und was er jetzt mit dem Hinterhof vorhat – unklar.

In den sozialen Medien schrieb ein ehemaliger Nachbar, dass das Hinterhofgebäude abgerissen werden soll. Laut Bezirksamt liegt allerdings weder eine Abrissgenehmigung noch ein Bauantrag vor. Eine Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten ließ der Eigentümer unbeantwortet. Was bleibt, ist ein großes Fragezeichen.

Im weißen Hinterhof-U-Boot

Ulrike Willenbrink muss sich mit solchen Dingen nicht befassen. Die Künstlerin hat ihr Atelier in ­einem Hinterhof im Langenfelder Damm und sagt über ihr Zuhause: „Das hier ist das Beste, das ich je hatte.“ Seit zwölf Jahren arbeitet sie in dem großen Raum, den sie komplett weiß gestrichen hat. Sogar der Fußboden ist weiß.

Durch ein Oberlicht in der hohen Decke kommt tagsüber viel Sonne herein. Ulrike Willenbrink liebt die Studioatmosphäre in ihrem Atelier, die Ruhe des Hinterhofs und das Urbane, das sie direkt davor auf der Straße erwartet.

„Man ist voll mit seinen eigenen Impressionen und geht hinaus in die Welt, die man dann mit anderen Augen sieht.“ Genau diese Atmosphäre braucht die ­bildende Künstlerin für ihre Bilder. Ihr Hinterhof-Atelier ist für sie wie ein U-Boot auf Tauchstation, in dem die kreative Energie sie erfasst. In normalen Räumen würde das nicht passieren.

Künstlerin Ulrike Willenbrink in ihrem Atelier in einem Hinterhof im Langenfelder Damm. Foto: Rainer Wiemers
Künstlerin Ulrike Willenbrink in ihrem Atelier in einem Hinterhof im Langenfelder Damm. Foto: Rainer Wiemers

Bleibt die Oase bestehen?

Ob sie für immer in ihrem weißen Hinterhof-U-Boot bleiben kann? Sie hofft es, ist aber Realistin genug, um zu sagen: „Sicher ist nie etwas.“ Zumindest hat sie ein ­gutes Verhältnis zur Hausverwaltung, die sich auf Nachfrage nicht weiter zum Hinterhof äußern möchte.

Ulrike Willenbrink weiß, dass viele Künstlerinnen und Künstler oft nur Räume zur Zwischennutzung finden, immer auf dem Sprung sind. Vielleicht, so hofft sie, bleibt ihr dieses Schicksal erspart.


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